6. Gesucht wird der Tag

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Robert stürmte so eilig ins K11, dass er die Tür des Büros regelrecht hinter sich ins Schloss warf und Michael dermaßen gewaltsam aus seinen trüben Gedanken aufscheuchte, sodass der seine Kaffeetasse umriss. „Michael, erinnerst du dich ob hinter euch ein Fahrzeug auf der Landstraße gefahren ist?“, platzte Robert heraus, ohne darauf zu achten, was sein Kollege gerade tat. „Was? Nein, warum?“, fragte Michael irritiert und leicht verstimmt, noch immer damit beschäftigt sich nach dem Schrecken zu sammeln und seine glücklicherweise leere Kaffeetasse gerade hinzustellen. Robert warf ihm wortlos sein Handy hin, auf dem er eine Mail mit Fotos geöffnet hatte. Das Bild zeigte die Windschutzscheibe von Michaels Dienstwagen, das feine Spinnennetz der zerstörten Scheibe um das Loch herum war gut zu erkennen. „Was soll das? Ich weiß, wie mein Auto aussieht.“, murmelte Michael deprimiert und sah nicht wie Robert die Augen verdrehte. „Guck doch weiter, die anderen Bilder!“, drängte Robert und Michael leistete Folge. Die anderen Bilder zeigten die Heckscheibe, die sich in ähnlich katastrophalen Zustand befand wie die vordere.

„Und was soll ich damit jetzt?“, fragte Michael seinen Kollegen mürrisch. Es wurmte ihn ordentlich, dass sein Dienstwagen so aussah, doch er sah auch nicht, weshalb der Jüngere so aus dem Häuschen war. Robert sah ihn entgeistert an: „Na hör mal, ich weiß, dass du noch geschockt bist und alles, aber erkennst du nichts? Die Heckscheibe ist nach innen gebrochen! Der Schuss kam nicht von vorn, sondern von hinten. Es muss also jemand hinter euch gefahren sein, der sicher genug war, um aus der Entfernung einen Schuss von hinten auf ein fahrendes Auto abzugeben.“ Michael erkannte die Wahrheit in Roberts Worten, doch irgendwas störte ihn. „Was war das dann für ein Schatten, den ich gesehen habe? Ich habe vor dem Einschlag etwas vor mir sehen können. Nur ganz kurz und dann tat es einen Schlag, dann habe ich schon die Kontrolle über den Wagen verloren.“ Robert sah ihn zweifelnd an. „Und was wäre, wenn du es nicht vor dem Auto gesehen hast, sondern nur eine Bewegung im Rückspiegel registriert hast? Ich denke die Kollegen werden alles absuchen, aber bis wir die Patrone und am besten Bremsspuren des anderen Autos finden, kommen wir so nicht weiter. Bist du wirklich sicher, dass du nicht nach Hause willst? Ich kann doch allein weiter machen.“

Michael runzelte die Stirn: „Nein, ich bleibe da. Haben wir denn inzwischen die Handyortung der verschwundenen Frau Pohl durchführen können?“ Robert wirkte mit einem Mal nicht mehr so voller Elan als er ihm zerknirscht antwortete: „Nein, die IT ist völlig ausgelastet, drei Mann sind ausgefallen – Grippewelle, unter ihnen Mia, wobei die morgen wieder kommen sollte. Sie schicken die Ergebnisse, sobald sie dazu kommen, aber wir sollen uns keine Hoffnungen machen.“ Robert schüttelte den Kopf. „Aber ich brauch jetzt erstmal einen Snack, magst du auch was?“, fragte er und als Michael verneinte ging der Jüngste hinaus, um etwas zu Essen aufzutreiben. Michael hingegen blieb auf seinem Stuhl sitzen und die bis dahin ausgeblendete Erschöpfung meldete sich schlagartig zurück. Michael legte den Kopf auf die Arme und schloss die Augen. „Nur eine kurze Pause.“, dachte er bei sich, bevor er eingeschlafen war.

Michael erwachte erst wieder, als die aufgehende Sonne ihn an der Nase kitzelte. Sein Rücken fühlte sich an, als würde er entzweibrechen wollen und er konnte es zwar nicht sehen, aber er wusste, dass seine Backe einen schönen Abdruck seiner Anzugjacke aufwies, da er auf seinen Armen eingeschlafen war. Schläfrig wischte er sich etwas Spucke aus dem Mundwinkel und sah sich um. Das Büro war leer bis auf ihn, doch über Roberts Bildschirm zuckte das Polizeilogo als Bildschirmschoner, er musste also irgendwo im K11 sein. Warum hatte Robert ihn denn nur nicht geweckt? Er hätte doch helfen können! Wobei sie gar nicht so viele Hinweise gehabt hatten, denen sie nachgehen konnten, doch womit konnte Michael sein Schlafen in der Arbeit rechtfertigen? Etwas säuerlich sah Michael auf sein Handy, aber auch dort war keine Nachricht von Robert. Wo steckte der Kerl nur?

Doch Robert ließ sich einstweilen nicht blicken und Michael wusste noch nichts Sinnvolles anzufangen, daher ließ er abwesend den Blick durch den Raum schweifen. Er entdeckte einen Schokoriegel auf seiner Tastatur, vermutlich hatte Robert ihn dort abgelegt, während Michael geschlafen hatte. Sein malträtierter Magen meldete sich und Michael tat sich an dem kleinen Stück Schokolade gütlich. Immerhin besser als nichts. Ein weiterer Blick durch den Raum auf Gerrits Schreibtisch mit dem blöden Bayernwimpel erinnerte ihn nur daran, dass sein Kollege immer noch allein da draußen in den Händen des Räubers war. Und Alex? Ihr ordentlich aufgeräumter Schreibtisch sah noch genauso aus, wie sie ihn gestern verlassen hatte. Wo mochte sie nur stecken? Und wer war der Kerl, der sie aus dem Auto gezerrt hatte? Wieso waren noch keine Forderungen eingegangen? Es war doch zum Mäusemelken, warum konnten sie nicht einen einzigen blöden Hinweis auf Gerrit finden?

Wo ist Gerrit Grass?Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt