17. Freisein

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Noch bevor einer von ihnen den ersten Schritt machen konnte, klopfte es und Alex erwartete schon einen ihrer Kollegen, der etwas vergessen hatte, doch stattdessen kam unaufgefordert eine Gestalt in Weiß, mit leicht grauen Schläfen und einem recht langen Körper herein. Der Mann begrüßte die Kommissare mit einem knappen Nicken, bevor er sich einen der Stühle schnappte, sich rittlings daraufsetzte und Gerrit streng fixierte.

„Herr Grass, schön, dass Sie wieder wach sind. Gleich die schlechten Nachrichten zuerst: Wir mussten Ihnen an der Einschussstelle leider etwas Haut entfernen, da sich die Wundränder so entzündet hatten, dass wir sie nicht retten konnten ohne Ihren Zustand zu verschlechtern. Das Gewebe konnten wir leider auch nicht an einer anderen Stelle entnehmen, denn Sie haben zudem eine leichte Blutvergiftung, die wir noch entsprechend behandeln müssen und die eine Entnahme unmöglich gemacht hat. Wenn sonst aber alles andere gut geht, sollten Sie bis auf die größere und tiefere Narbe keine bleibenden Schäden zurückbehalten. Allerdings werden Sie noch circa eine Woche hierbleiben müssen, damit die Blutvergiftung sicher abheilt. Sie haben noch Glück gehabt, Herr Grass. Ich muss sie wirklich bitten, sich dieses Mal an die ärztlichen Anweisungen zu halten, da Ihr Körper sonst möglicherweise nicht mit der Blutvergiftung und der Wunde fertig wird. Ich verspreche auch Sie nicht länger hier zu behalten als unbedingt notwendig."
Mit einem Augenzwinkern ließ er die beiden Kommissare wieder alleine, so schnell wie er hineingekommen war, hatte er das Zimmer auch wieder verlassen und in dem Moment wurde Alex bewusst, dass sie den Mann schon vorher begegnet war: er hatte Gerrit bei ihrem letzten Einsatz betreut, damals hatte Gerrit nur ein gebrochenes Handgelenk gehabt und war aus dem Krankenhaus geflohen, kaum, dass die Schiene an seinem Arm befestigt war. Der Arzt musste sich daran erinnert haben, als er den Namen gelesen hatte. Alex musste schmunzeln, dann wandte sie sich erneut Gerrit zu, der etwas verstimmt auf seinem Bett saß. Sie konnte sich denken wieso.

„Hey jetzt hör aber auf. Du bist am Leben, wirst nur eine Narbe davontragen und eine Woche im Krankenhaus ist nun wirklich keine Ewigkeit. Stell dir mal vor, was ich für Ängste ausgestanden habe, während du angeschossen warst. Du hättest in diesem Keller sterben, einfach verbluten können und dann könntest du dich nicht mehr darüber aufregen, dass du eine Woche im Krankenhaus bleiben musst." Alex sah ihn durchdringend an und wartete auf eine Reaktion.

Für sie stand in diesem Moment die Zeit still, während sie ihn ansah. Sie konnte wie in Zeitlupe sehen, wie er blinzelte, wie seine Augen hinter dem dichten Wimpernvorhang verschwanden und sich wieder öffneten, wie sich seine Pupillen beinahe unmerklich weiteten, als er ihr in die Augen sah. Das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete, fing nur mit einem Zucken der Mundwinkel an, bis es seine Miene vollständig erhellte. „Du hast Angst um mich gehabt? Du warst doch relativ lange mit mir zusammen, da wusstest du doch die ganze Zeit, wie es mir geht. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass du dich so um mich sorgst..." Seine Stimme verblich etwas, während er sie musterte und über seine eigenen Worte nachdachte und sie in Frage stellte.

Alex wusste, dass ihr nur einige Minuten blieben, bevor ihr Mut sie verließ und so setzte sie alles auf eine Karte. Sie beugte sich vor, schob sich so nah wie möglich an ihn heran und küsste Gerrit. Direkt auf den Mund und Alex schloss die Augen, sie wollte nicht sehen, wenn er sie ablehnte. Doch seine Körpersprache verriet ihr anderes. Sein Atem stockte kurz, dann erwiderte er den Kuss und seine Arme legten sich um ihre Taille, drückte ihren Körper gegen seinen. Seine Schultern senkten und hoben sich mit jedem Atemzug und jegliche Anspannung wich aus Alex' Körper. Sie krabbelte auf das Bett, um zu verhindern, dass Gerrit sich wehtat. Doch der war weit entfernt von jeglichen Schmerzen, immerhin hatte er endlich Alex in seinen Armen, konnte sie küssen und möglicherweise würde sie endlich mit ihm ausgehen. Er würde sie natürlich erst fragen müssen, dachte er innerlich grinsend, doch in diesem Moment genoss er nur das Gefühl ihrer Nähe, die Berührung ihrer Lippen, ihrer Hände an seiner Brust und ihre Beine an seinen Hüften. Seine Hände zuckten immer wieder hinab und Gerrit musste sich selbst davon abbringen, Alex' Po zu kneifen. Das wäre vielleicht ein Schritt zu viel.

Alex war diejenige, die den Kuss schließlich beendete und Gerrit sah ihr in die Augen, die so schön waren, dass er stundenlang hineinsehen konnte. Die kleinen braunen Wirbel in der so grünen Iris faszinierten ihn, wie Strudel in glasklarem Wasser. Alex legte sich auf seine linke Seite, legte den Arm unter den Kopf und sah ihn an. „So und nun?", fragte sie lächelnd und mit roten Wangen. Gerrit musste grinsen, als er an das letzte Mal dachte, dass sie ähnliche Worte geäußert hatte und wie er darauf reagiert hatte – obwohl es nur in einem Traum passiert war. Dann beugte er sich vor, soweit es ihm möglich war und hoffte, dass Alex ihm entgegenkam. Sie tat es und Gerrit gab ihr noch einen zärtlichen Kuss, bevor er eine Hand hochnahm und mit einer gelockten Haarsträhne spielte, die ihr ins Gesicht gefallen war. „Ich habe ja jetzt erst einmal nichts weiter vor...", meinte er wölfisch und registrierte, wie Alex noch röter anlief und ihre Lippen sich für schnellere Atemzüge teilten. Er hauchte ihr einen Kuss nach dem anderen den Nacken hinab nach vorne, bis er an ihrem Schlüsselbein ankam. Er riss sich von ihrer weichen Haut los.

Anziehung und Spaß hin oder her, es gab etwas, das er loswerden musste. „Alex, als du dich im Keller von mir verabschiedet hast, da wolltest du etwas sagen. Ich würde es gerne hören. Ich weiß, dass ich gesagt habe ich wüsste, was du meinst und ich hoffe immer noch, dass ich recht hatte, aber das Einzige was ich in dem Moment wusste, ist dass ich in dich verliebt bin. Ich wollte dich einfach nicht unglücklich sehen, wenn ich nicht mehr da bin, daher habe ich es nicht ausgesprochen. Aber jetzt bin ich hier und ich wollte nicht noch einmal die Gelegenheit verpassen es dir zu sagen. Ich bin in dich verliebt." Stirnrunzelnd schwieg Gerrit. Es war ihm doch schwerer gefallen damit rauszurücken, als erwartet. Sie waren nun einmal doch Kollegen und es stand so viel auf dem Spiel.
Und alles würde jetzt davon abhängen, wie Alex reagierte, er konnte seine Worte nicht einfach wieder zurücknehmen. „Wenn ich ganz ehrlich bin, weiß ich immer noch nicht ganz, wie ich es sagen soll.", flüsterte Alex und ließ ihre Finger gedankenverloren über seine Brust tanzen. Einmal mehr wurde ihr klar, wie nah sie sich waren und wie viel eigentlich zwischen ihnen stand. „Als ich dachte ich sehe dich nie wieder schien mir alles so klar, so einfach. Ich wollte, dass du es weißt, aber jetzt kommen alle Bedenken wieder. Gerrit, ich habe mich auch in dich verliebt. Und doch habe ich es dir nicht sagen können, weil wir Kollegen sind. Ich bin Dienstälter, Ranghöher, dir Weisungsbefugt. Ich kann dich nicht bevorzugen und ich darf mich auch nicht von dieser Liebe beeinflussen lassen. Ich weiß nicht, ob wir Zusammensein können, so gern ich es hätte." Langsam rutschte sie vom Bett hinab, die Worte taten ihr selbst im Herzen weh, doch sie konnte ihn auch nicht anlügen. Als sie ihn traurig ansah registrierte sie überrascht, dass er nicht so entgeistert dreinsah, wie sie erwartet hatte, sondern den Kopf leicht schräg legte und nachdenklich drein sah. Er wog jedes Wort sorgfältig ab.

„Jedes deiner Argumente ist logisch und richtig. Ich würde dich niemals in Bedrängnis sehen wollen. Und trotzdem kann ich dich nicht einfach aufgeben, dafür bist du mir zu wichtig. Ich bitte dich, denke noch einmal darüber nach und entscheide nicht gleich. Ich weiß, dass zwischen uns etwas ist, das kannst du auch nicht leugnen. Dieses Gefühl kann nicht nur schlecht sein. Ich glaube, dass wir zusammen alle Hindernisse überwinden können. Bitte, Alex.", raunte er und sah ihr treuherzig in die Augen. Alex wurde unter seinem durchdringenden Blick zappelig. Ein Lächeln wanderte über ihr Gesicht. Sie nickte gedankenverloren, bevor sie ihn scheu anlächelte.

„In Ordnung, ich entscheide nicht gleich. Aber bitte mach dir nicht zu viele Hoffnungen.", sagte Alex und trat noch einmal an ihn heran, um seine Hand zu greifen. Gerrit richtete sich auf und legte seine andere Hand an ihre Wange. Sie näherte sich ihm noch etwas und er wartete auf ihr stummes Einverständnis, bevor er sie küsste. Alex sah ihm in die Augen und kam ihm näher. Ein Mal wollte sie sich noch an dem Gefühl laben, dass seine Berührung bei ihr auslöste. Und als ihre Lippen sich zu einem innigen Abschiedskuss trafen, hatte sie fast das Gefühl, dass das glücklich sein alle Strapazen wert war.


Wo ist Gerrit Grass?Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt