Robert und Michael waren keine Stunde später wieder im Büro, da der jüngere Kommissar in der Wohnung tatsächlich im Schuhkarton auf haufenweise Bilder und Anekdoten von Malia Pohl und deren Exfreunden gestoßen war. Es hatte ein wenig gedauert alles durchzugehen, doch schließlich fand er ein zerknicktes Foto der Verschwundenen und ihres Juwelierräubers, auf dem hinten eine Widmung stand. Mit seinem Vornamen. Robert hatte innerlich jubiliert: der Mann hieß Jens und nach diesem Namen konnten sie nun auf der Anrufliste suchen. Sobald sie Jens Baters Telefonnummer gefunden hatten, konnten sie ihn orten und Michael hatte alle Informationen schon an Mia weitergeleitet, während er eine Streife zu ihm nach Hause schickte, damit er und Robert kurz durchschnaufen konnten.
Robert saß nun an seinem Schreibtisch und blickte auf seinen Bildschirm. Er versuchte die drei Sätze zu lesen, die in der Akte über Malia Pohls Finanzen standen, doch nach dem dritten Wort verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen und er musste wieder von vorn anfangen. Angestrengt blinzelte er und stützte das Kinn auf die Unterarme, um seine schweren Glieder etwas zu unterstützen und dem Schlaf ein Schnippchen zu schlagen. Schließlich fielen ihm gegen alle Bemühungen doch die Augen zu und Robert hatte nicht genug Kraft sie wieder zu öffnen. Es dauerte keine halbe Minute, da war er vollständig eingeschlafen.
Michael sah erst auf, als er die lauter werdenden, regelmäßigen Atemzüge seines Kollegen vernahm. Erst wollte er einen Spruch vom Stapel lassen, und seinen Kollegen lautstark wecken, doch er sah recht schnell ein, dass das jetzt nicht der richtige Moment war. Schlafend hatte Robert nicht mehr die Möglichkeit sich zu verstellen. Michael sah die angegraute Haut, die fettigen Haare und fragte sich zum ersten Mal, ob sein Kollege eigentlich in den letzten Tagen eine Minute auf sich gesehen oder wenigstens geschlafen hatte. Robert sah erledigt und elend aus – Michael fluchte leise, ärgerlich über sich selbst, er hätte schon längst sehen müssen, wie es um seinen Kollegen stand. Er hätte ihn zur Vernunft rufen müssen, ihn dazu zwingen, dass er sich ausruht. Wobei er das jetzt ja tat, also konnte Michael sich jeden Kommentar verkneifen. Sein Schlafrhythmus war schließlich auch ganz durcheinander, wenn er ehrlich war. Die Turmuhr in der Ferne hatte eben halb sechs Uhr morgens geschlagen und er hatte seit gestern Vormittag selbst kein Auge mehr zugedrückt und langsam wurde er müde. So leise wie möglich stand er auf und streckte sich, bevor er sich eine große Tasse Kaffee holte. Es war ihm ein Gräuel nichts tun zu können, doch die Auswertung der Handydaten von ihrem verdächtigen Exfreund dauerte noch und mehr Hinweise hatten sie nicht. Gerade als er sich so leise wie möglich an seinen Platz zurückgesetzt hatte, ohne Robert zu wecken, klingelte lautstark das Telefon.
Winkend beide Hände in der Luft und laut rufend versuchte Alex das Auto auf sich aufmerksam zu machen und die Antwort war ein doppeltes Aufblitzen der hellen Fernlichter. Alex sah mit zugekniffenen Augen wie das Auto langsamer wurde und sie stellte sich direkt an den Rand der Straße, bis das Auto endlich vor ihr hielt. Der Polizist am Steuer stieg aus und warf ihr einen missbilligenden Blick zu. „Es ist Wahnsinn einfach so auf die Straße zu springen, was haben Sie sich denn bloß dabei gedacht? Ich hätte Sie totfahren können, wenn ich nur kurz abgelenkt gewesen wäre!", warf er ihr vor, argwöhnisch glitten seine Augen über ihre Handgelenke und Alex hatte augenblicklich ein schlechtes Gewissen. „Tut mir ja leid, aber es ist wirklich ein Notfall! Ich brauche bitte unbedingt Ihr Handy! Nur ganz kurz, bitte!", flehte die Kommissarin und ihr Hundeblick schien zu wirken, denn der Polizist gab ihr nach kurzem Zögern sein Handy, obwohl sein Blick erneut über ihre Hände und die Handschellen glitt und er die linke Hand auf der Dienstwaffe liegen ließ. Scheinbar war er Linkshänder, fiel Alex auf und sie überlegte kurz, wie viele Linkshänder sie eigentlich kannte, dann rief sie sich wieder zur Ordnung. Es gab Wichtigeres.
Alex war sich des neugierigen Blickes durchaus bewusst und hoffte inständig, dass der Polizist nicht plötzlich auf die Idee kam sie als Bedrohung zu sehen, während sie die Nummer des Büros wählte. „Bitte Michi, geh ran!", flehte die Kommissarin stumm und mit jedem Wählzeichen wurde sie nervöser, während sie von dem Polizisten angestarrt wurde. Da endlich knackte es und sie hörte eine ihr nur zu vertraute Stimme. „Naseband, K11?"
Michael hatte genau eine halbe Sekunde geschwiegen, bis Alex ihm erleichtert laut ins Ohr schrie. „Michi! Ich brauche unbedingt deine Hilfe!" – „Alex? Wie kann das sein, wie geht es dir? Wo bist du? Und wo warst du??", kam die Stimme verwundert, aber gespannt bei ihr an. Sie verstand Michael nur zu gut, würde ihm zu gerne alle Fragen beantworten, doch dafür war einfach jetzt keine Zeit. „Hör zu, ich erkläre dir alles später, aber bitte schau, dass du sofort die Flughafenpolizei alarmierst. Die Ganoven, die Gerrit und mich entführt haben, wollen weg - mit dem Flugzeug. Die Kollegen müssen eine Malia Pohl aufhalten, genauso wie ihre beiden Begleiter, einer davon heißt Jens Bater, den anderen Namen kenne ich leider nicht komplett, Friedrich ist jedenfalls der Vorname. Und bitte beeil dich, ich werde schon einmal ins Terminal fahren, ein Kollege hat mich aufgelesen. Wir müssen sie erwischen, sie können uns genau sagen, wo Gerrit ist, ich kann es nur vermuten und ich weiß nicht, wie lange Gerrit noch durchhält. Es geht ihm schlecht." Eine kalte Hand griff nach ihrem Herz, während sie das sagte, und Alex schauderte etwas. Es tat ihr weh Michael so anzulügen, denn sie wusste nicht einmal, ob ihr Kollege noch lebte. Wie nah war sie mit ihrer Aussage überhaupt noch an der Wahrheit dran? War er schon tot? Und wenn er es wider Erwarten nicht war – wie lange würde Gerrit den Blutverlust überleben und ohne jemanden, der sich um ihn kümmerte?
Nein! Ärgerlich wischte sie die Gedanken fort. Sie musste daran glauben, dass er noch lebte, eine andere Möglichkeit durfte es nicht geben. Und wenn er lebte, war es Wahnsinn nicht nach ihm zu suchen, auch wenn sie nur eine ungefähre Ahnung hatte, wo sie gefangen gewesen war und überhaupt kein Wissen von seinem Standort hatte. „Oder warte, schick Robert bitte schon einmal mit einem Suchtrupp in Richtung Ismaning, da gibt es eine kleine Schrebergartensiedlung. Irgendwo dort waren wir in einem Keller gefangen, allerdings glaube ich nicht, dass eine der Hütten unterkellert war. Gerrit ist mit dem Auto in die Nähe gefahren worden, ich habe Blutspuren auf der Rücksitzbank gefunden. Irgendetwas muss es doch dort geben, wo man Menschen heimlich verstecken kann und irgendwo da in der Umgebung müssen sie ihn hingebracht haben, sie waren nicht allzu lang weg. Vielleicht kann Robert die Telefonnummern der Ganoven herausfinden und dann mit Mia ein Bewegungsprofil erstellen. Möglicherweise war einer der beiden blöd genug sein Handy mitzunehmen. Und bitte Michi, beeilt euch!"
Alex hatte so schnell und ohne einmal Luft zu holen gesprochen, dass sie nun etwas atemlos schwieg. Es war ein weiterer Beweis für Michaels Pflichtbewusstsein, Stärke und seinem Respekt Alex gegenüber, dass er nicht weiter in sie ging oder sie bevormundete und zur Zurückhaltung aufrief. Stattdessen tönte Michaels Stimme beruhigend aus dem Handy. „Bin schon unterwegs und kümmere mich um alles, vertrau mir. Und Alex?" Michael gönnte sich eine kleine Pause, er wusste, wie blöd sich die Worte jetzt anhören würden, aber es war ihm wirklich ernst mit. „Bitte sei vorsichtig, wir wollen dich nicht noch einmal verlieren." Alex lächelte ein wenig, sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie es ihren Kollegen ging. „In Ordnung. Wir sehen uns später.", sagte sie leise, bevor sie auflegte und dem Streifenpolizisten erleichtert sein Handy zurückgab, der kurz damit hantierte und sie links liegen ließ.
Alex räusperte sich deutlich und wandte sich an den Mann, der sie nun fragend ansah: „Sie haben nicht zufällig einen Generalschlüssel für unsere Handschellen, oder? Ich verspreche Ihnen ich bin eine Kollegin." Zerknirscht hob sie die Hände etwas an, dass der Mann vor ihr an das Schloss herankam, doch sein Schlüssel konnte nichts erreichen und ihren hatten die Ganoven.
Im nächsten Moment war der Polizist am Kofferraum seines Wagens und zog einen Bolzenschneider daraus hervor. „Universalschlüssel! Nicht perfekt, aber es wird reichen.", grinste er frech und befahl Alex die Hände weit auseinander zu nehmen, sodass er die Kette zerstören konnte. Alex schloss etwas ängstlich die Augen und traute sich erst sie zu öffnen, als sie das scharfe Knacken vernahm, mit dem die Gelenke der Kette brachen. Glücklich zog sie die Handgelenke auseinander, schob die Handschellen etwas weiter hinauf und rieb sich vorsichtig über die empfindliche und aufgeraute Haut, während sie sich an den Polizisten wandte.
„Also ich weiß nicht wie viel Sie gerade mitbekommen haben, aber ich muss dringend zum Abflugterminal. Und zwar schnell. Also am besten mit Blaulicht und Martinshorn." Sie suchte den Mann neben sich, der allerdings gerade die Zange im Kofferraum verstaute und nun bereits an der Fahrertür war und Anstalten machte wieder ins Auto zu steigen. „Worauf warten Sie noch? Ich dachte wir haben es eilig?", fragte er, bevor er ihr zuwinkte endlich einzusteigen und seine Tür schloss. Alex konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, der Polizist hatte Schneid und augenscheinlich eine gute Menschenkenntnis. Schnell schwang sie sich auf den Beifahrersitz während das Auto beschleunigte und der ihr so vertraute Alarmton die Umgebung beschallte, betrachtete sie den Mann neben sich etwas genauer.
Braune kurze Haare, die in der Mitte etwas länger und mit Gel nach oben und hinten gekämmt waren, braune lustige Augen, leichte Lachfältchen um die Augen und einen Bart um Kinn, Kiefer und Mund, der zwar nicht lang, aber dafür ziemlich dicht war. Die dunkelblaue Uniform saß eng, aber klebte nicht übermäßig am Körper und so konnte sie recht gut erkennen, dass er fleißig trainierte. Alles in allem war er ein nicht schlecht aussehender Kollege, doch für solche Gedanken hatte Alex eigentlich keine Zeit – sie war zu alt für ihn und ihr Herz gehörte auch schon jemandem. „Ich heiße übrigens Alex, Alex Rietz aus dem K11.", stellte sie sich vor, um die Stille zu überbrücken. Der junge Kollege sah sie mehr aus den Augenwinkeln an, doch umspielte ein Lächeln seine Lippen. „Simon Gruber, Polizeimeister der Wache 1. Freut mich.", sagte er mit einem Nicken und verfiel dann wieder in sein voriges Schweigen. Alex fiel auf, dass sein Blick immer wieder zu ihr hinüber schweifen wollte und er hastig nach vorne sah, wenn sie seinen Blick kreuzte. Alex merkte ihm an, dass er Fragen hatte, sie aber nicht stören wollte. „Na komm schon, frag doch endlich. Ich beiße auch nicht.", lachte sie unvermittelt und der Streifenpolizist lief rosa an.
„Ich wollte nicht, also ich meine ich..." – „Los jetzt. Wenn wir am Terminal sind, habe ich vermutlich keine Zeit mehr dir Fragen zu beantworten.", warnte ihn Alex und das schien ihm noch einmal Mut zu geben. „Okay, dann bitte erzähl mir was dir passiert ist, hier auf Streife passiert selten etwas Schlimmeres als ein Betrunkener, der sich nicht mehr unter Kontrolle hat." Alex gab ihm einen kurzen Abriss der Geschehnisse, ließ dabei aber ihre Gefühle und Erfahrungen mit Gerrit aus, das hatte den jungen Mann nicht zu interessieren. Sie erzählte, wie sie aus dem geparkten Auto entkommen war und der Kollege konnte sich einen beeindruckten Ausruf nicht verkneifen. „Und jetzt wollen die beiden Männer mit ihrer Geisel ins Ausland flüchten? Und du bist allein freigekommen, aber dein Kollege ist immer noch ohne Hilfe? Oh Mann, kann ich dir denn überhaupt helfen?", stöhnte der Mann neben ihr und sah sie zerknirscht an. Alex sah die unausgesprochene Frage in seinen Augen. Konnte sie einen unbeteiligten Kollegen in die Sache hineinziehen? Andererseits konnte es nicht schaden etwas Unterstützung zu haben, wer wusste schon wie schnell Michael am Flughafen sein konnte? „Würdest du mir helfen und mit hineinkommen? Ich glaube mit ein bisschen Hilfe komme ich besser voran.", fragte sie also und konnte schon bei der Frage sehen, wie glücklich sie Simon damit machte. Natürlich war er dabei. „Bist du sicher, dass du damit nicht gegen Anweisungen verstößt?", versicherte sich Alex noch einmal, etwas bang war ihr schon, dass sie dem jungen Mann Schwierigkeiten bereiten könnte, indem sie ihn bat mitzukommen und seinen Posten aufzugeben. In diesem Moment knackte das Funkgerät und gab einen Funkspruch der Leitstelle durch, der sie beide zum Schweigen brachte.
„Leitstelle an alle Einheiten mit Status 1 im Gebiet Flughafen – Kriminelle mit den Namen Jens Bater, Malia Pohl und Friedrich Unbekannt flüchtig, vermutlich schon auf dem Gelände. Einsatzkräfte im Umkreis zwei Kilometer bitte bei der Flughafenpolizei melden." Simon zog das Sprechgerät heraus, natürlich nicht ohne Alex einen verschmitzten Blick zuzuwerfen und antwortete. „Leitstelle für Isar Freising 5/394/1, bin in der Nähe und übernehme, Ende." – „Leitstelle verstanden, Ende.", tönte es knisternd durch das Gerät und Alex war erleichtert, dass der Kollege ihr nun offiziell an die Seite gestellt wurde, wobei sie es nicht gut fand, dass Malia Pohl auch als Kriminelle betitelt wurde, immerhin war sie nur eine Geisel. Allerdings hatte sie das Michael auch nicht ausführlich genug erzählt und das Wichtigste war, dass sie genug Unterstützung bekamen.
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Wo ist Gerrit Grass?
FanfictionIch habe in meinem virtuellen Kabuff meine allererste Geschichte gefunden.. aus 2006. Das hätte eigentlich mal meine erste Story werden sollen, aber sie hat nie das Licht der Welt erblickt. Aber besser spät als nie heißt es doch :) Gerrit wird Opfer...
