Robert war von Michael geweckt worden, kaum, dass der sein Telefonat mit Alex beendet hatte. Der junge Kommissar fühlte sich zerschlagen, denn er hatte vielleicht eine Stunde oder etwas mehr schlafen können, aber das reichte nicht in Ansätzen, um sein Defizit aufzuwiegen. Trotzdem war er jetzt hellwach und auf seine Aufgabe fokussiert. Robert hatte sich vor gut zehn Minuten von Michael verabschiedet, der direkt zum Flughafen wollte und fuhr nun mit Max in dessen Dienstwagen den anderen voran in Richtung der Schrebergartensiedlung Ismaning. Jedenfalls zu der einen. Es gab leider zwei Stück und da Alex nicht gesagt hatte welche der beiden, mussten sie beide anfahren. So hatte Robert das Team geteilt und Hanna fuhr mit Andre und einem weiteren Suchtrupp ans andere Ende von Ismaning. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, die Stelle zu finden an der Alex und Gerrit gefangen gewesen waren, war Alex doch nur in der Nähe des Schrebergartens gewesen und davor etwas Auto gefahren. Trotzdem mussten sie es probieren, immerhin ging es um Gerrits Leben. Er musste schon gute drei Stunden allein irgendwo liegen, nachdem ihn die Ganoven fortgeschafft hatten, und in Robert schlich sich das Gefühl ein, dass er zu spät dran war.
So gut es ging schüttelte er das Gefühl ab, half es ihm doch nicht weiter. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Umgebung, denn sie fuhren in Ismaning ab und er konnte in der Ferne schon die Umzäunung der Schrebergartensiedlung sehen. Max fuhr jedoch daran vorbei und folgte der einzigen Straße, die es dort gab und im Rückspiegel sah Robert, dass die Streife es ihnen gleichtat. Max war wie Robert der Meinung, dass keine der Schreberhütten als unterkellertes Versteck in Frage kam und so hielt er bei dem ersten größeren Haus an und stieg aus, während Robert sich noch kurz mit der voll besetzten Streife absprach, die sich aufteilen sollte und je zwei Mann einen weiteren Hof die Straße hinab durchsuchen sollten. Dann stieg Robert aus und folgte Max.
Dieser war in der Zwischenzeit schon einmal außen um das Gebäude herum gegangen. „Sieht verlassen aus. Ich denke nicht, dass hier wirklich jemand wohnt – sieht dir das mal alles an.", meinte Max als Robert zu ihm trat. Robert runzelte die Stirn, während er nun ebenfalls das Gelände betrachtete. Es handelte sich nicht wirklich um einen Bauernhof, sondern es war lediglich ein weitläufiges Gelände mit teilweise einen halben Meter hoch wuchernder Wiese, die nur in der Einfahrt wo sie eben hineingefahren waren und vor dem Haus in einem großen Kreis gemäht worden war, was darauf schließen ließ, dass es irgendwen gab, der hier vor kurzer Zeit aktiv gemäht hatte. Das Gebäude vor ihnen hatte in etwa die Breite eines Eckreihenhauses, stand aber allein in weiter Flur und wirkte eher wie ein herunter gekommenes Wochenendhäuschen. Es hatte auch nur ein Erdgeschoß – jedenfalls schien es, als wäre das Dach direkt auf dem Untergeschoss aufgelegt, da konnte nicht viel Platz für etwas anderes als eine kleine Dachkammer sein. Wenn es so etwas überhaupt gab, doch dort konnte Gerrit nicht sein, oder?
Alex hatte von einem Keller gesprochen, hatte gesagt im Auto waren Blutspuren ihres Kollegen gewesen. Die Ganoven mussten ihn also mit dem Auto fortgebracht haben, warum sollte sein Blut sonst im Auto sein? Aber was, wenn das Absicht war, um sie in die Irre zu führen? Konnte Robert sicher sein, dass wenn sie überhaupt den richtigen Ort gefunden hatten, Gerrit sich nicht noch in dem Haus befand?
Nein, gab er sich selbst die Antwort.
Also knackte er die Haustüre und machte sich auf die Suche nach der Dachluke, während Max die anderen Zimmer durchsuchte und sicherte. Robert brauchte nicht lang zu suchen, am Ende des Flurs fand er eine Stange mit einem Haken am oberen Ende und als er die Decke über sich in Augenschein nahm, erkannte er die Luke mit daran angebrachter Öse. So leise wie ihm möglich zog Robert die Holzplatte an der Öse nach unten, doch ein lautes unangenehmes Quietschen begleitete den Vorgang und Robert entschied sich schnell dafür seine Überprüfung zu beschleunigen und möglichen Angreifern keine Zeit zum Handeln zu geben. Wie der Wind war er die wackelige Treppe nach oben gehangelt, doch oben war es stockfinster. Vorsichtig tastete Robert um den Eingang herum nach einem Lichtschalter oder einer Taschenlampe, immerhin war er bestimmt nicht der Einzige, der hier hochging und Licht brauchte. Und tatsächlich wurde er fündig und die kleine Lampe warf ihr helles Licht durch den Raum, sobald Robert sie einschaltete. Systematisch ließ er den Lichtkegel in jede Ecke des Dachgeschosses wandern, doch es gab hier wahrlich nicht viel zu sehen. Die Decke war ungefähr eineinhalb Meter über dem Boden und der Platz wurde kleiner je weiter es an den längsseitigen Rand ging, da die Dachschräge ihn begrenzte. Eine größere Plastiktüte am Ende des Raumes erregte Roberts Aufmerksamkeit und er krabbelte hin, um zu sehen, worum es sich handelte, doch es war nur ein eingestaubter Bettbezug. Kein versteckter Körper. Ansonsten gab es in diesem Zimmerchen nichts von Belang, lediglich zentimeterdicken Staub auf dem Boden und betrübt trat Robert den Weg nach unten an.
Dort stieß er auf Max, der den Bereich im Erdgeschoss gesichert hatte. „Jetzt bleibt noch der Keller. Lass uns das zusammen machen, die Tür habe ich schon gefunden. Möchte man nicht meinen, aber die wurde getarnt, dass sie nicht direkt zu erkennen ist.", teilte Max mit und führte Robert zu einem Stück Wand im Flur. Jetzt da Robert wusste, dass es hier eine Tür gab, war es recht leicht die Anzeichen zu sehen. Kratzspuren um einen dünnen Spalt auf Bauchhöhe, abgehende Tapetenstückchen am Boden und kurz unter der Decke. Aber dass Max die Anzeichen so erkannt hatte, war schon stark. Und das sagte er dem Kollegen direkt. Max lächelte erfreut über das Lob und meinte nur: „Danke dir, aber ich bin schließlich auch schon lange Polizist, sogar länger als du. Und jetzt lass uns herausfinden, ob wir hier richtig sind, um Gerrit zu retten."
Alex und der Streifenpolizist Simon waren in der Zwischenzeit bereits am Flughafen angekommen und hatten den dort ansässigen Beamten alles erzählt und die Dienststelle glich nun einem Bienenschwarm, während Alex versuchte den Plan mitzubekommen, der geschmiedet wurde. Jede Sekunde, die sie hier waren und nichts unternahmen konnten die Ganoven schon in ihren Flieger steigen. Der Chef der Flughafenpolizei war ebenfalls vor Ort und hatte Alex bereits um eine Beschreibung der drei Gesuchten gebeten. Bereitwillig hatte Alex Auskunft erteilt und daher hatte sie auch keine Gewissensbisse jetzt zu dem Mann hinzugehen und nach dem Plan zu fragen. „Entschuldigen Sie Herr Herz, könnten Sie mir denn sagen, wie wir nun weiter vorgehen wollen? Mein Kollege benötigt dringend ärztliche Hilfe und wir sind darauf angewiesen, dass uns die Ganoven seinen Aufenthaltsort mitteilen." Sie versuchte so respektvoll wie möglich zu klingen und hielt ihre Stimme ruhig, doch ihr Plan stand schon fest – wenn sie jetzt keine zufriedenstellende Antwort bekam, würde sie auf eigene Faust loslegen. Ein Geräusch hinter ihr verriet ihr, dass Simon ihr gefolgt war, doch Alex konzentrierte sich vollkommen auf den Mann mit den weißen Schläfen vor sich. Der sah sie stirnrunzelnd an, schien dann aber alle Vorbehalte beiseitezuschieben und informierte sie: „Wir wissen schon, wo sie hinwollen, die Fluggesellschaften haben hervorragend kooperiert und das Terminal ist bereits eingegrenzt. Leider kam die Information zu spät, als dass wir sie unauffällig während der Sicherheitskontrolle ausschalten könnten. Jetzt müssen wir leider andere Vorkehrungen treffen. Aktuell wird jede Person, die den gleichen Flug hat zu einem anderen Terminal gelotst und der Abflugplan wurde etwas verschoben. Allerdings weisen alle Informationstafeln noch den alten Flugplan auf, damit unsere Verbrecher keinen Verdacht schöpfen. Das Flughafenpersonal leert unauffällig das Terminal und unsere Kollegen werden die Touristen dort ersetzen, sodass bei dem Zugriff keine unbeteiligte Person zu Schaden kommen kann. Sie sind den Männern ja leider bekannt, daher können Sie nicht vorab in die Abflughalle."
Er sah wie Alex entrüstet den Mund öffnete und hob beschwichtigend die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. „Sobald alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, werden wir zugreifen und Sie werden bei uns sein." Alex klappte den Mund zu und schwieg, während Kommissar Herz sich wieder seinen Leuten widmete. Simon trat näher zu Alex und zog sie am Handgelenk. „Komm mal mit, ich hab die Überwachungseinheit gefunden. Wir können uns ansehen, wo sie sind." Dankbar lächelte Alex den jungen Mann an und folgte ihm in einen Raum voller Bildschirme. Hier waren bestimmt acht Mann von denen vier auf Stühlen vor Tastaturen und Sprechvorrichtungen saßen und Anweisungen vergaben. Die anderen Männer nickten den beiden kurz zu, während sie über Mikrofone Informationen weitergaben. Alex sah, wie die Verdächtigen sich auf Sitzbänken niederließen und aussahen als könnten sie kein Wässerchen trüben. Einzig Malia wirkte angespannt, die Schultern hochgezogen und den Kopf gesenkt, während sie zwischen den beiden saß. Simon räusperte sich: „Zu schade, dass ich uniformiert bin, sonst könnte ich da auch rein und unauffällig mit dir telefonieren. Aber schau, die Halle ist schon beinahe leer, sobald nur noch Beamte darin sind, wird der Zugriff erfolgen. Du wirst sehen, es geht alles gut!" Dankbar nickte ihm Alex zu, sein Optimismus war genau das, was sie jetzt nötig hatte.
Sie versuchte zwar mit aller Macht nicht daran zu denken, wie es Gerrit ging, doch es half ihr mehr, wenn sie ihre Gedanken auf etwas zu tun richtete. „Soll ich dir erzählen, wie ich neulich einmal mit einem respektlosen Mitbürger umgegangen bin?", fragte Simon sie plötzlich als hätte er ihre innere Unruhe bemerkt und um sich abzulenken, hörte Alex aufmerksam zu. „Vor zwei Wochen waren ein Kollege und ich auf Streife und haben routinemäßig Autofahrer kontrolliert. Ein Mann von vielleicht vierzig hatte darauf aber keinen Bock und hat rumgepöbelt, als wäre das unter seinem Niveau. Nicht bösartig und auch nicht so, dass wir ihn wegen irgendetwas dranbekommen könnten, aber er war einfach richtig unfreundlich und hat geschimpft. Also haben wir uns überlegt, dass wir die Gesellschaft solch eines freundlichen Menschen doch gern länger genießen wollen. Also musste er nicht nur Führerschein und Papiere vorzeigen, sondern auch Dinge wie Ersatzrad und Verbandskasten. Da war auch alles in Ordnung und dann hat er wieder rumgemeckert, dass seine Steuergelder für solche unsinnigen Kontrollen verschwendet würden. Also habe ich mir eine Extraaufgabe für ihn ausgedacht. Ich habe ihn aufgefordert einen Druckverband zu machen. Und da ich keine verletzte Person dahatte, sollte er die Straßenlaterne nehmen."
Alex lachte laut, was ihr verärgerte Blicke der Männer um sie herum eintrug, doch sie konnte nicht anders. „Wirklich, einen Druckverband an einer Laterne? Und, hat er mitgemacht?", lachte sie nun leiser und war gespannt auf die Antwort. Simon grinste sie schelmisch an. „Natürlich hat er. Der Druckverband war nicht optimal und ich denke die Laterne hätte die Verletzung nicht überlebt, aber ich hatte mein Ziel erreicht. Dann haben wir ihm noch einen schönen Tag gewünscht und er ist verärgert abgerauscht. Er hätte ja nicht mitmachen 6müssen. Aber dann war er doch so brav und hat alles gemacht, was ich wollte." Alex schüttelte den Kopf: „Wahnsinn, auf die Idee musst du erstmal kommen, Druckverband an einer Laterne. Wenn ich das den anderen erzähle, fallen die alle vom Stuhl. Ich wünschte ich wäre in meiner Streifenzeit so kreativ gewesen. Das ist die beste Art jemandem die Butter vom Brot zu nehmen. Ich wette die Geschichte geht bald durch alle Dienststellen – vielleicht erzählt irgendjemand mal dir die Geschichte von dem Polizisten, der einen Bürger einen Druckverband an eine Laterne machen lässt. Das wäre wirklich zu ulkig." Simon zuckte belustigt mit den Schultern und Alex lächelte ihn an, während sie nachdachte. Nicht nur hübsch, sondern auch klug im Kopf. Wenn sie nicht im Kopf schon vergeben wäre, hätte sie spätestens jetzt nach einem Date gefragt, dachte sie amüsiert.
Dann auf einmal ging es los und Alex richtete ihre Gedanken wieder auf ihre eigentliche Aufgabe. Ganoven festnehmen, Gerrit retten. Um sie herum wurden Schutzwesten angezogen, Waffen bereit gemacht und mit einem Mal folgten sie dem Strom der Beamten zur Abflughalle. Sie umgingen dabei jede Kontrolle, der man als Gast einer Airline beiwohnen musste und so dauerte es keine drei Minuten, bis sie vor Ort waren. Eine kurze Zeit war es unheimlich still, wie als würde die Welt den Atem abhalten und nur darauf warten, dass etwas passierte. Und im nächsten Moment war die riesige Abflughalle erfüllt von rauen Rufen sowie deren Echos und Alex konnte sehen, wie die Ganoven innerhalb von Sekunden umstellt und entwaffnet waren. Malia hatte die Arme über den Kopf zusammengeschlagen, doch auch sie wurde umstellt, jedoch nicht auf den Boden gedrückt wie die beiden Männer. Und so schnell wie der Zugriff begonnen hatte, war er auch wieder vorbei. Alex rannte zu Malia, um ihr hochzuhelfen und sie zu beruhigen. Die Frau antwortete jedoch auf keine ihrer Fragen, sondern blieb stumm und starr sitzen, vermutlich hatte sie einen Schock. Alex schaffte es sie zum Aufstehen zu bewegen und langsam, Schritt für Schritt gingen sie auf die Sanitäter zu, die an einer Seite abseits des Geschehens warteten. Dort gab sie die Frau ab und wandte sich dann weiter, um Kommissar Herz zu suchen. Der stand mit einem paar seiner Männer vor den Ganoven und versuchte sie zum Reden zu bringen, doch keiner machte den Mund auf. Alex hörte den Großteil der Fragen mit an, dann trat sie nach vorn und zeigte sich den beiden Ganoven. Die überraschten Gesichter waren Balsam für ihre Seele, doch Alex' Miene blieb wütend. „Wo ist mein Kollege?! Ihr habt mich nicht loswerden können und werdet es bei ihm auch nicht geschafft haben. Also los, raus mit der Sprache! WO IST ER??" Diesmal schrie sie die letzten Worte heraus und plötzlich spürte sie eine Hand auf der Schulter, die sie leicht zurückzog.
Beinahe erwartete sie Michael, als sie sich genervt umdrehte, doch es war nur Simon, dem eindeutig Sorge auf die Stirn geschrieben stand. Alex' innerlicher Aufruhr ebbte etwas ab, als sie die stumme Aufforderung verstand. Er hatte ja recht, wenn sie jetzt zeigte, wie sehr ihr das Verschwinden von Gerrit beschäftigte, hatten die Männer nur etwas gegen sie in der Hand. Also trat sie drei Schritte zurück und überließ das Reden grollend dem Flughafenkommissar. Dafür gab ihr einer der Beamten einen beigefarbenen Beutel, den sie vorsichtig öffnete. Zum Vorschein kamen die vier Diamanten, von denen sie einen herausnahm, um ihn zu bewundern. Hinter ihr wurden die Ganoven von den Beamten in die Mitte genommen, nachdem sie sich nicht kooperativ zeigten und Malia saß mit leidendem Gesicht bei der Sanitäterin während Kommissar Herz die letzten Anweisungen gab. Alex gab Simon dem Streifenpolizisten das Säckchen, nachdem sie den Diamanten wieder hineingetan hatte. Sollte er doch auch einmal sehen, was seine Hilfe gerettet hatte. „Wow ganz schöne Klunker!", rief der Mann erstaunt aus und wog den Sack in den Händen. „Ja, 50 tausend Mäuse für eines von den Dingern. Da drin sind vier. Davon könnte man eine Weile im Ausland leben. Oder sich eine überdimensionierte Yacht kaufen.", witzelte Alex, während sie amüsiert zusah, wie ihr Kollege so tat, als würde er die Diamanten heimlich in der Jacke verschwinden lassen. Alex war unendlich erleichtert darüber, dass diese ganze Entführung doch so gut verlaufen war und das alles jetzt ein Ende hatte.
Sie hätte es eigentlich besser wissen sollen.
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Wo ist Gerrit Grass?
FanfictionIch habe in meinem virtuellen Kabuff meine allererste Geschichte gefunden.. aus 2006. Das hätte eigentlich mal meine erste Story werden sollen, aber sie hat nie das Licht der Welt erblickt. Aber besser spät als nie heißt es doch :) Gerrit wird Opfer...
