Alex hatte schlecht geschlafen, mitten in der Nacht hatten die Ganoven Fotos von ihr und den beiden anderen gemacht und mit dem Blitz hatten sie die Kommissarin geblendet, als sie zu sich gekommen war. Wofür die wohl gewesen waren? Wollten sie mit den Fotos das K11 erpressen? Seit Alex wach war, hatte sie durchgängig eine Hand auf Gerrits Brust gehabt, die andere lag auf seiner Stirn. Sie hatte seinen Körper gestern auf ihren Schoß gebettet, damit er wenigstens einigermaßen bequem lag. Seit ein paar Stunden war seine Stirn heiß und sein Herz schlug so unregelmäßig, dass sie Angst gehabt hatte, es würde aussetzen. Seitdem hatte sie sich nicht getraut die Hand hochzuheben. Der inzwischen wieder langsame, aber stetige Puls ihres Kollegen beruhigte sie selbst. Jeder Schlag teilte ihr mit, dass er noch lebte. Alex hatte solche Angst um Gerrit, dass es ihr die Luft abschnüren wollte. Angst davor, dass er starb, bevor sie ihm sagen konnte, was sie fühlte. Angst davor, dass sie hier bald mit einer Leiche liegen konnte. Angst davor, dass sie hier niemand finden würde. Angst vor ihrem eigenen Tod kam manchmal dazu, doch sie rief sich immer wieder in Erinnerung, dass die Ganoven sie als Druckmittel brauchten, selbst wenn Gerrit nicht mehr war. Also sorgte sie sich erst einmal nur um ihn. Heute Nacht hatte sie ihm heimlich einen Kuss auf die erhitzte Stirn gegeben und er hatte sich als Reaktion darauf plötzlich bewegt. Allerdings waren seine Augen weiter geschlossen geblieben und Alex hatte selbst versucht wieder zu schlafen. Sobald er das nächste Mal wach war, würde sie ihm ihre Gefühle beichten.
Plötzlich ging die Tür auf und die Froschmasken kamen polternd herein. Diesmal hatten sie einen Lichtschalter betätigt, denn der Deckenstrahler erwachte flackernd zum Leben und warf ein kaltes weißes, für Alex' Geschmack zu grelles, Licht über die Szene. Die Männer kamen näher, Malia wachte nun ebenfalls auf und zog sich ängstlich in eine Ecke zurück, doch von ihr wollten sie nichts. Stattdessen packte der eine Mann Alex und riss sie weg von Gerrit, dessen Kopf leicht auf den Boden knallte, bevor er wach genug war seine Muskeln anzuspannen. Der Maskierte zog Alex grob auf die Füße und zur Seite, sodass der andere Gerrit packen und ebenfalls auf die Beine stellen konnte. Aufgrund Gerrits Fesseln war das etwas schwierig und der Ganove mühte sich etwas ab, bevor er den anderen anschnauzte ihm endlich zu helfen. Der Mann parierte und schubste die unvorbereitete Alex schnell zu Boden, bevor er tatkräftig anpackte. Gerrit ächzte, als die beiden Männer ihn grob packten und auf die Füße stellten, sein Kopf schmerzte an der Stelle, wo er auf dem Boden aufgeschlagen war, ihm war schwindelig und er fühlte sich so wackelig, als stünde er auf einem alten Kahn der gleich untergeht. Der dickere Mann löste seine Fußfesseln und schob Gerrit zur offenen Tür, wobei seine Füße geräuschvoll über den Boden schliffen. Alex rappelte sich langsam wieder auf, sah was passierte und schrie, ihre schmerzenden Glieder ignorierend:
„Was wollt ihr von ihm?! Lasst ihn gefälligst in Ruhe! Hört auf ihm weh zu tun, er gehört in ein Krankenhaus! Wo bringt ihr ihn hin?! Lasst ihn gefälligst los!", brüllte sie die Männer an und trat wieder näher, doch der Dicke schubste sie grob, sodass Alex wie ein Kind auf den Boden zurück stolperte. „Klappe Mädel. Wir machen jetzt einen kleinen Ausflug mit deinem Freund. Und danach machen wir vier einen weiteren Abstecher. Dein Freund passt einfach nicht mit uns ins Auto, also darf er schon einmal...", kurz zögerte der Mann und Alex hörte, wie er unter der Maske kurz kicherte, bevor er weitersprach. „...nun ja sagen wir er geht schon einmal vor." Alex' Augen brannten, sie konnte ahnen was die Männer vorhatten, Gerrit war nur Ballast für sie, schlichtweg ein Risiko, das sie loswerden wollten. „Gerrit! Ich...", stammelte Alex, während sie überlegte, wie sie es formulieren sollte. Doch sie konnte die Worte nicht aussprechen, aus ihrem Hals kamen nur trockene Schluchzer, weil nun der Abschied bevorstand, vor dem sie solche Angst gehabt hatte und sie wusste nicht, wie sie ihre Gefühle mit einem Abschiedsgruß vereinen sollte.
Gerrit hob den Kopf, mühte sich damit ab entspannt zu wirken, während er sie ansah: „Ich weiß schon, mir geht es auch so. Wir sehen uns bestimmt bald wieder." Diese Worte wurden begleitet von seinem zuversichtlichen mir-passiert-schon-nichts-Lächeln, doch das geriet zu einer Grimasse als ihn Schmerzen durchfluteten - nicht, dass Alex nicht sehen konnte, dass er log. Die Schweißperlen auf seiner Stirn und das Zittern seiner Stimme und Hände verriet seinen Zustand genau. Seine Haut schien in dem Licht noch viel blasser zu sein, so fahl wie ein Blatt Papier war er und Alex fragte sich kurz, wie lange Gerrit mit seiner Verletzung wohl noch durchhalten konnte. Wobei es keine Rolle mehr spielte, wenn die Ganoven Gerrit jetzt einfach erschossen und irgendwo ablegten. Tränen liefen ihr die Wangen herunter, doch Alex machte sich keine Mühe sie zu verbergen, wieso auch. Sie war verzweifelt, sah keinen Ausweg aus dieser Situation, kein Entkommen und sie konnte Gerrit nicht helfen. Die Männer schalteten das Licht aus und das letzte was Alex von ihnen und ihrem Kollegen sah waren ihre lichtumrahmten Silhouetten, bevor die Tür zuschlug und sie mit Malia und ihrem Elend allein war.
Robert und Michael saßen inzwischen vor Michaels PC und werteten die Überwachungsvideos aus, die Ihnen der Juwelier und der Besitzer des Ladens direkt daneben übergeben hatten. Ihre Befragung der Anwohner nach dem Roller hatte nichts ergeben, obwohl sie mit Hilfe der Kollegen jedes Haus im nahen Umkreis abgeklappert hatten - mittags war einfach kam jemand zu Hause. Die Halterabfrage war nur unzulänglich genau gewesen, denn keiner der Kennzeicheninhaber hatte ihren Roller noch. Die eine hatte den Roller zusammen mit dem Kennzeichen privat verkauft - die Adressdaten des Käufers hatte sie aber nicht mehr parat - und dem anderen Mann war sein Roller wohl vor Monaten gestohlen worden - hier lag sogar schon eine Anzeige gegen Unbekannt vor. Wieder zwei andere kamen überhaupt nicht in Frage, da sie in Ingolstadt und Nürnberg registriert waren. Wenn der Roller nun natürlich der gestohlene war, würde es beinahe unmöglich sein, ihn und die Fahrer zu finden - einmal mehr standen die Kommissare vor dem Nichts.
Die beiden Kommissare waren körperlich und geistig zu Tode erschöpft gewesen, doch als ihnen mitgeteilt wurde, dass die Überwachungsvideos endlich abgegeben wurden, hatten sie sich direkt darangesetzt, um sie nach Hinweisen zu untersuchen.
Der Überfall auf den Juwelier war am besten zu konstruieren, denn die Kamera war genau hinter dem Tresen aufgebaut, dass das ganze Geschäft zu sehen war. Es lief relativ unspektakulär ab, sie konnten sehen, wie Gerrit vor einer Vitrine stand und gerade die Verkäuferin etwas fragte, als der als Frosch maskierte Mann durch die Tür stürmte und mit seiner Waffe wedelte. Gerrit hob zwar die Arme hoch, doch stellte er sich nicht wie die Verkäuferin an die Wand, sondern ging einen Schritt auf den maskierten zu. Dann brach er plötzlich zusammen, der Juwelier hinter dem Tresen drückte den darunter verborgenen Alarmknopf und hob die Hände sofort wieder hoch. Die Verkäuferin lief zittrig auf eine der Vitrinen zu und scheiterte am Schloss, bevor sie die Hände hinter den Kopf legte, und den Angreifer weinend anschrie, man konnte ihr Profil recht gut erkennen. Der Mann richtete seine Waffe nun auf die Frau, doch erreichte trotz seines aufgeregten Gefuchtels nichts, denn die Verkäuferin blieb, wo sie war.
Plötzlich zog der Ganove Gerrit auf die Füße und zerrte ihn zügig aus dem Laden. Es gab keinen Hinweis darauf, was den Mann dazu veranlasst hatte, ohne die Beute zu fliehen. Dann schloss sich die Türe hinter den zwei Gestalten und sie sahen nur noch den Ladeninhaber, der sich um seine Angestellte kümmerte, die auf den Boden gesunken war. Robert spulte vor, sah eine Weile später sich selbst mit Michael eintreten und schaltete ab. „Ab hier kennen wir die Geschichte ja.", kommentierte er überflüssigerweise und Michael zog es vor darauf nicht zu antworten. Stattdessen nahm er seinem Kollegen die Maus aus der Hand und öffnete die zweite Datei. Das Video war weitaus schwieriger auszuwerten, da die Kamera lediglich ein kleines Stück der Fahrbahn und des Gehsteigs vor dem Juwelier zeigte, allerdings war die Auflösung der Aufnahme um Längen besser. „14:40 ungefähr müsste es losgehen, spul doch mal vor.", sagte Robert und sah gespannt auf den Bildschirm.
Michael tat wie ihm geheißen und nun starrten sie beide auf den Monitor, auf dem sich eigentlich nichts bewegte. Da endlich fuhr ein Auto vor das Schaufenster und parkte dort. Das musste der Dieb sein, denn das Fluchtauto war ebenfalls grau gewesen - bestimmt konnte die Technik auch das Kennzeichen abgleichen. Einen kurzen Moment befürchteten die Kommissare, dass das Auto weiterfuhr, doch nichts dergleichen passierte. Stattdessen stieg ein schmaler, langer Mann aus, dessen Gesicht von einer Kapuze beinahe komplett verdeckt war. Im nächsten Moment zog er eine Maske aus dem Auto und setzte sie sich auf. Dabei verrutschte die Kapuze ein wenig und kurz war das Gesicht des Mannes zu sehen, doch die Kommissare erkannten ihn nicht. Trotzdem stieß Michael einen kleinen Triumphschrei aus. „Ha! Damit kann die Technik sicher was anfangen! Wir müssen die Aufnahmen direkt runterbringen. Bestimmt schaffen die Kollegen es ein Bild zu erstellen, das wir mit unserer Kartei abgleichen und im Zweifel für die Öffentlichkeitsfahndung hernehmen können.", frohlockte er und Robert nickte knapp, doch sah gespannt weiter zu wie ihr Täter kurz den Jackeninhalt prüfte und sich dann auf den Weg über die Straße machte. Michael spulte wieder vor, diesmal allerdings nur kurze Zeit, bis ihr Dieb wieder am Rand der Aufnahme auftauchte, diesmal in Begleitung von Gerrit. Dieser schwankte beim Laufen und lehnte sich gegen das Auto, während der Angreifer mit seiner Waffe wedelte und seiner Mimik nach zu urteilen auf ihn ein brüllte. Irgendwann öffnete Gerrit die Tür und setzte sich schwerfällig auf den Fahrersitz, dann fuhr das Auto los und Michael beendete die Aufnahme.
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Wo ist Gerrit Grass?
FanfictionIch habe in meinem virtuellen Kabuff meine allererste Geschichte gefunden.. aus 2006. Das hätte eigentlich mal meine erste Story werden sollen, aber sie hat nie das Licht der Welt erblickt. Aber besser spät als nie heißt es doch :) Gerrit wird Opfer...
