College, Tattoos und Wolken

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Vanessa erwiderte den Kuss glücklich. Wer hätte gedacht, dass sie einmal so eine harmonische Beziehung mit Leon haben würde? Wahrscheinlich kaum jemand und am allerwenigsten hatte sie selbst daran geglaubt, nach allem, was im letzten Jahr passiert war. Der Freestyle-Soccer-Contest, die Wölfe, Horizon, die Silberlichten, Leon und Marlon hinter dem Nebel, Leon und Marlon in Gefahr, Leon und Marlon allein gegen die Silberlichten, Leon und...Leon und Horizon, Leon und Horizon im See, Leon und Horizon überall...
Verwirrt löste Vanessa den Kuss. Warum kamen bloß all diese Gedanken genau jetzt hoch?
„Was is los?", fragte Leon behutsam und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Er hatte ihren besorgten Blick bemerkt. Vanessa riss den Kopf hoch und sah ihm in die Augen. Diese blickten liebevoll zurück. „Ich war bloß in Gedanken", sagte sie wie in Trance und küsste ihn nochmal kurz.
„Soso und worum ging es in diesen Gedanken?", fragte Leon weiter.
„Na, um dich natürlich", schleimte Vanessa und streckte ihm die Zunge raus.
„Tatsächlich? Ich komme in deinen Gedanken vor? Dann muss ich dir ja ganz schon was bedeuten...", sagte er trocken.
„Tust du auch", kam die sofortige Antwort, jedoch sehr leise.
Leon hatte genau verstanden, was sie gesagt hatte, ließ sich aber die Freude nicht nehmen, sie danach zu fragen.
„Ich sagte, das tust du doch", sagte Vanessa übertrieben deutlich und hochgestochen.
„Was tue ich?"
„Leoooon"
„Ja Vanessa?"
Und schon im nächsten Moment musste Leon eine Ladung Cola über sich ergehen lassen.
„Bah Vanessa, das Zeug verklebt mich total", meckerte ihr Freund.
„Bah Vanessa", äffte diese ihn nach. „Ist dem schönen Jüngling sein Aussehen auf einmal sooo wichtig?"
„Nein, aber-". Er grinste. „Ich hab dich soooo lieb Vanessa", säuselte er zuckersüß und kam ihr näher. „Vanessa, die aufgrund gewisser Gefühle ganz verdrängt hatte, dass Leon nass war, erwiderte die Umarmung und schreckte erst zurück, als er sie ganz nah an sich drückte und somit die ganze Cola auch an ihrer Kleidung haften blieb.
„Mensch Leon!", schrie Vanessa auf und knuffte ihn stark.
„Mensch Leon!", wurde nun auch sie nachgemacht.
„Jetzt kann ich nochmal duschen und Kleidung wechseln"
„Du musst nichts mehr anziehen", grinste Leon fies, als sie schon auf dem Weg ins Haus war.
Vanessa drehte sich nur gespielt wütend um und meinte locker: „Gut, wenn du keine Lust hast, zusammen duschen zu gehen..."
Leons Mund wanderte in Richtung Boden und wollte sich nicht mehr schließen lassen. Hatte sie gerade tatsächlich gesagt...Nein...das konnte doch nicht sein. Nicht Vanessa Butz. Einige Augenblicke blieb er regungslos stehen.
Doch um sicherzugehen, dass er sich verhört hatte, lief er ihr nach ins Bad, wo er aber sofort hochkant rausgeschmissen wurde, mit der Begründung, er sei viel zu spät.
So ein Mist aber auch :)


Die letzten Tage ihres Urlaubes verbrachten die Kerle vor allem mit schwimmen und genießen.
Eigentlich wollte keiner schon nach Hause. Aber die Schule und damit auch der Alltag rief.
An ihrem letzten Tag in Australien veranstalteten sie ein kleines Beachvolleyballtunier.
Grundsätzlich konnte man sagen, dass jeder der Kerle zumindest ein wenig spielen konnte.
Als Lukas nach dem Aufwärmen die Teams einteilte, sah Vanessa grinsend zu Leon. „Nene, das kannste vergessen Schwesterherz", meinte ihr großer Bruder. „Du spielst mit mir"
„Das ist doch unfair Luke. Ich spiele in der Schulmannschaft und du hier jeden Tag", wehrte sich die kleine Schwester. „Stimmt", pflichtete Leon ihr bei und legte den Arm um sie. „Ich hingegen habe keine blasse Ahnung von Volleyball. Ich sollte mir ihr spielen". „Ja weil du gar keine andere Sportart außer Fußball kennst. Ich wette der Ball liegt sogar bei dir im Bett", stichelte Vanessa ihn an. Als Leon sie böse anblickte, warf sie ihm schnell einen Luftkuss zu und begann erneut mit Lukas zu diskutieren.
„Okay okay", meinte dieser schließlich. „Joschka, Marlon, Klette, und Maxi haben im Sommer öfter gespielt, und der Rest kann's auch ganz gut". „Nur Leon ist der einzige, der nur Fußball macht", grinste Raban. „Na und? Ist doch meine Sache", giftete der Anführer sofort. „Schon gut Leon. Beruhige dich", meinte Vanessa und strich im sanft über den Rücken. Das schien ihn sehr zu entspannen. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und stellte sich neben Maxi. „Ich spiele mit ihm", meinte er nur, ohne mit Kommentaren zu rechnen. Lukas wollte etwas sagen, aber Vanessas Blick zeigte, dass er es lassen sollte, um Leon nicht noch mehr auf die Palme zu bringen.
Natürlich wusste jeder, dass diese Teamaufteilung unfair war, aber keiner hatte Lust, am letzten Tag einen Streit anzufangen, und schon gar keiner hatte Bock, sich mit dem Sturkopf Nr. 1 anzulegen.
„Dann spiele ich mit Marlon", meinte Joschka schnell. Leon verzog das Gesicht.
„Also passt auf, wir machen das folgendermaßen: Vanessa, Marlon, Joschka, Maxi Leon und ich machen ein eigenes Tunier. Und ihr Jüngeren auch. Sonst ist es komplett unfair. Zuerst spielen Leon und Maxi gegen Marlon und Joschka. Danach Markus und Klette gegen Raban und Nerv. Und dann der Gewinner der Älteren gegen Vanessa und mich. Anschließend ihr nochmal und dann...mal sehen. In Ordnung?"
„Hä?! Wie jetzt?". Leon blickte ziemlich verwirrt drein. Vanessa schob ihn sanft aufs Spielfeld und wünschte ihm viel Glück.
„Also, das erste Match ist Leon und Maxi gegen Marlon und Joschka", verkündete Lukas und nahm am Rand Platz. Die restlichen Kerle jubelten.
Da Leon sich aber ständig von Vanessa ablenken ließ, konnte er sich wenig auf das Spiel konzentrieren. Als er dann auch noch beim Service einen Ball ins Netz schoss, wurde er knallrot vor Wut. Als Lukas abpfiff und rief, dass Team Marlon mit 21:12 gewonnen hatte, verließ der Anführer fluchtartig das Feld und rannte den Strand hinauf zum Haus.
Die Kerle blicken ihm verwirrt nach und anschließend alle wie auf Kommando zu seiner Freundin. Diese seufzte genervt und meinte: „Ich bin gleich wieder da".


Vanessa fand Leon auf der Treppe vorm Haus. Er hatte sie längst bemerkt. Insgeheim hatte er auch gewollt, dass sie ihm nachlief. Aber im Moment war er einfach nur wütend. Auf die anderen und vor allem auf sich selbst.
„Hey", sagte eine liebe Stimme. Vanessa kniete vor ihm und hatte eine Hand auf sein Knie gelegt.
Leon sah weg von ihr. Er hatte jetzt keine Lust zu reden. Seine Freundin schien dies bemerkt zu haben.
Sie setzte sich neben ihn. Kurze Zeit sagte keiner etwas. Dann legte Vanessa ihren Kopf sachte auf seine Schultern. Leon genoss den Augenblick. Ihre Haare wehten im Wind. Sie sah einfach wunderschön aus.
„Warum kannst du denn nicht verlieren?", fragte sie vorsichtig und hob den Kopf.
Leon senkte den Kopf. Das war eine vollkommen normale und lieb gestellte Frage und doch kränkte sie ihn sehr. „Ich kann sehr wohl verlieren", sagte er trocken. „Ja, das haben wir ja alle gesehen", meinte Vanessa etwas gereizt. „Ach du verstehst das sowieso nicht", fuhr er sie an. Vanessa wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie suchte nach den richtigen Worten, suchte nach irgendwelchen Worten. Fand sie aber nicht. Verdammt, wo war bloß ihr Verstand, wenn sie ihn einmal brauchte?
„Du hast doch absolut keine Ahnung", redete er weiter. Vanessa senkte ihren Blick. Was er nur meinte?
„Immer glaubst du, du kannst es allen rechtmachen und es so richten, dass es jedem passt. Immer mischt du dich ein. Immer musst du die Moralapostel spielen. Immer nervst du mich mit Schule und Gefühlen und bla bla bla", schrie er und wurde dabei verdammt rot.
Vanessa biss sich auf die Lippen. Lange würde sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten können.
Sie nervte ihn. Verdammt, was hatte sie denn falsch gemacht?
Sie erhob sich und sah ihn an. Hoffte, dass sie wenigstens einen Funken Reue in seinen Augen finden konnte. Reue über das, was er gerade gesagt hatte. Aber da war nichts in seinen Augen. Nur Wut.
Minuten stand sie schweigend da und merkte, wie der Schmerz dieser Worte sie zerfraß.
Sie atmete tief durch. Sie wollte etwas Nettes sagen. Aber das war falsch. Er war auch nicht nett zu ihr gewesen. Er hatte es nicht verdient, nett behandelt zu werden. Er verdiente es, so behandelt zu werde, wie er sie behandelte. Also musste sie etwas Gemeines sagen. Damit er wusste, wie sich das anfühlte, und einsah, dass er einen Fehler gemacht hatte. „Wenigstens ist das unser letzter Tag hier. Dann muss ich nicht länger mit dir zusammenwohnen." Erschrocken fasste sie sich an den Mund. Sie war erstaunt wie leicht und schnell diese Worte von ihren Lippen gerutscht waren, ohne dass sie es eigentlich wollte.
„Und ich muss es nicht länger ertragen, mir mit dir ein Bett zu teilen."
Vanessa kochte innerlich. Er war so ein Ar***!
„Dann sollte ich wohl gehen", sagte sie unsicher, wobei das mehr eine Frage war.
„Bitte, geh doch", schrie er. „Ich will dich sowieso nicht da haben", fügte er leise hinzu.
Aber Vanessa hatte genau verstanden, was er gesagt hatte. Als hätte er es ihr ins Ohr gebrüllt, hallten die Worte in ihrem Kopf.
Schnell lief sie in ihr Zimmer, damit er ihre Tränen nicht sah.
Leon schnaubte nur und ließ seine Wut an seinen Volleyballgegnern aus.


Am späten Nachmittag war alles gepackt.
Lukas begleitete sie noch zum Flughafen.
Sogar Nerv war aufgefallen, dass etwas nicht stimmte.
Vanessa würdigte Leon keines Blickes, als der ihr anbot, ihren Koffer zu tragen.
Die beiden hatten sich wohl heftig zerstritten. Wäre es nur eine kleine Meinungsverschiedenheit gewesen, dann hätte Vanessa Leon ihren Koffer liebend gerne in die Hand gedrückt, um zuzusehen, wie er sich damit abrackerte. Aber jetzt...
Außerdem war der jüngste Kerl traurig. Marlon wollte nicht wieder mit nach Deutschland kommen.
Sobald er hier seinen Schulabschluss gemacht hatte, wollte er aufs College, um dort Kunst zu studieren. Zeichnen hatte ihm ja schon immer gefallen. Aber dass die Intuition der Kerle jetzt so einfach nicht mitkam, schockte sie alle.
Am Flughafen verabschiedeten sich die Kerle noch von ihm und Lukas. Während Vanessa Lukas lange umarmte und der ihr versicherte, dass zwischen Leon und ihr alles wieder ins Lot kommen würde, sah Leon sehnsüchtig zu ihr. Wie gerne würde er sie jetzt auch umarmen. Es war ein Riesenfehler gewesen, sie so anzumachen. Keines dieser Worte war wahr gewesen.
„Kopf hoch", munterte Marlon ihn auf und klopfte ihm auf die Schulter. „Sie liebt dich"
Leon nickte. „Schade dass du hierbleibst", meinte er traurig. „Hey, Papa findet es toll dass ich hier ein Stipendium bekomme. Außerdem...dieses Mädchen...Fayna...naja sie studiert auch Kunst. Sie hat ein Tattoostudio und kommt ursprünglich von den Philippinen. Und sobald ich fertig bin mit der Ausbildung, möchte ich eine Galerie aufmachen"
„Cool, ein eigenes Atelier?", fragte Leon verblüfft-
„Ja!", freute sich Marlon. „Und jetzt komm mal her", sagte er schnell und umarmte seinen Bruder fest. „Und für Vanessa überlegst du dir was Besonderes", zwinkerte er.


Der Flug nach Hause war für den Anführer noch schlimmer als der nach Australien. Vanessa hatte sich solange geziert, neben ihm zu sitzen, bis Maxi mit ihr tauschte. Als Leon dann aber ihn angiftete, musste Vanessa wieder Platz neben ihm nehmen.
Leon hatte immer wieder versucht, mit ihr zu reden. Aber entweder Vanessa hörte permanent weg oder hatte ganz plötzlich Kopfhörer auf.
Alles was sie verlangte war eine ordentliche Entschuldigung. Aber das lag wohl unter Leon Wessels Würde.
Gekränkt schlief sie den Rest des Fluges.
Als sie am kommenden Tag in München ankamen, war die Lage immer noch nicht besser.


Aufgeregt bog Vanessa zum Haus der Wessels ein. Leon wollte sie unbedingt sprechen, und da ihre Oma gerade vom Putzfimmel überfallen wurde, wäre es wohl keine gute Idee gewesen, wenn er zu ihr gekommen wäre.
Ob er wohl Schluss machen wollte? Nach ihrem Geständnis wahrscheinlich schon.
Vanessa hatte einen Fehler gemacht. Einen unendlich großen Fehler.
Sie hatte große Angst, was Leon sagen würde, aber sie musste es ihm erzählen.
Als sie klingelte, hatte sie ein flaues Gefühl im Magen. Es war wahrscheinlich das letzte Mal, dass sie das tat...

Leonessa - Firework | Die Wilden KerleGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt