Mein Herz pocht so stark, dass ich das Gefühl bekomme, daran ersticken zu können. Ich höre die Treppenstufen knarren. Das Geräusch wird immer lauter und ich bekomme Panik, als er um die Ecke gebogen kommt und mein Zimmer betritt. Er ist groß und hat starke, deutlich sichtbare Muskeln auf seinem nackten Oberkörper. Dazu kommt noch dieses widerliche Grinsen in seinem Gesicht, wenn er auf mich zukommt. Bei jedem Schritt, den er mir näher kommt, wird mir wärmer. Ich bewege mich rückwärts laufend auf die Wand zu und meine Körperhaltung wird immer kleiner, bis ich nahezu in der Wand hinter mir versinke. Mit seinen eiskalten Händen packt er mich am Handgelenk und drückt mich gegen die Wand. Seinen Oberkörper presst er an mich heran, sodass ich durch die Schmerzen kurz aufschreie. Sofort schließe ich meinen Mund und zwinge mich dazu keinen Mucks mehr zu machen. Doch als ich realisiere, was ich da gerade getan habe und was die Konsequenz dafür sein wird, verstumme ich gänzlich und ich spüre die Tränen an meiner Wange entlang rollen.
Schlagartig öffne ich meine Augen, setze mich ruckartig auf und kralle mich an dem Bettlaken fest. Mein Körper beginnt zu zittern und ich bekomme nur noch mühevoll Luft zum Atmen. Langsam ziehe ich meine Bettdecke weg, schlupfe aus meinem Bett heraus und verkrieche mich in meine Zimmerecke. Mit verschränkten Armen und Schweißperlen auf der Stirn sitze ich zusammengekauert auf dem Boden. Meinen Puls kann ich mittlerweile in meinem ganzen Körper spüren und mein Blick wandert zur Tür, durch die mein Bruder in seinem Pyjama durchgeschreitet kommt. Als er mich in der Ecke entdeckt, eilt er zu mir rüber und setzt sich neben mich auf den kalten Fußboden.
"Mia, hey,.... es ist alles gut. Versuche ruhig zu atmen. Ich bin schon da.", sagt er und nimmt mich dabei in den Arm.
Mein Gesicht versinkt in seiner Brust. Er gibt mir das Gefühl von Sicherheit und einem Zuhause, dass ich so schon ewig nicht mehr kannte.
"War es wieder Papa?", fragte er mich mit besorgter Miene.
"Mhm", schluchze ich und wische mir die Tränen von der Wange.
"Keine Sorge, ich passe auf dich auf!".
Bei diesen Worten drückt er mich noch fester, bevor er aufsteht und mich hochhebt. Auf seinen Armen trägt er mich zurück zu meinem Bett und legt mich vorsichtig ab. Ich sollte noch etwas Schlaf bekommen, bevor mein Wecker für die Schule klingeln würde.
"Danke, Kyle."
Mein Wecker klingelt jeden Tag um 7 Uhr morgens. Trotz dem ätzenden Ton schaffe ich es fast nie rechtzeitig aus dem Bett zu kommen, weshalb ich mich innerhalb von 25 Minuten vollständig für die Schule richten muss, was mir so gut wie nie reicht. Aus diesem Grund ist ein "Bad Hair Day" fast täglich garantiert.
Grace wartet jeden Morgen an der Straßenlaterne direkt an unserem Grundstück auf mich. Als sie meine dunkelbraunen Haare in dem "wunderschönen" Messy Bun zusammengemacht sieht, kann sie sich ein leichtes Lachen nicht verkneifen.
"Sexy was? ", lächle ich zurück und schubse sie leicht nach vorne, um mich mit ihr zusammen auf den Weg zur High School zu machen. Grace und ich sind schon seit unserer Kindheit beste Freundinnen und unzertrennlich. Zwar fahren die meisten aus unserer Stufe mittlerweile schon mit ihrem Auto zur Schule, was uns jedoch nicht stört, da wir uns somit schon mental auf die langweiligen Montagsstunden von Mr. Stoner einstellen können und uns über die letzten Klassenarbeiten und Tests unterhalten können. Von weitem können wir schon Hallie erkennen, wie sie uns strahlend und mit ausgebreiteten Armen entgegengerannt kommt.
"Hilfe... Mia. Du siehst heute Morgen echt beschissen aus. Hast du überhaupt geschlafen? ... Oder nein, warte...Du hast die ganze Nacht durch mal wieder Netflix angeschaut.", sagt Hallie und umarmt uns zur Begrüßung.
"Hab ich etwa irgendwelche gutaussehenden Typen auf Netflix verpasst?", fragt Grace lachend.
"Haha...Für einen Montagmorgen seid ihr beiden mir viel zu motiviert. Erst recht, wenn ich an den tollen Physiktest denke, wird mir schon schlecht.", erwidere ich leise.
Die Schulglocke ertönt und Mr. Stoner beginnt den Unterricht, indem er uns mitteilt, wie stolz er auf uns ist, dass wir so gute Leistungen erbracht haben. "Zumindest die meisten von euch!", betont er und schaut mir dabei mit genervtem Blick in die Augen, während ich ihm nur mit einem müdem Blick entgegenkommen kann.
"Mensch Mia... da weiß ich langsam auch nicht mehr weiter. Nicht mal mehr für eine 5 hat es gereicht. Das war ja mal wieder ein kompletter Reinfall!", sagt er enttäuscht und händigt mir meinen Test aus.
Nach einer langweiligen Stunde über irgendwelche physikalischen Gesetze, in der ich mit meiner Müdigkeit zu kämpfen hatte, ertönt erneut die Schulglocke, um uns den Pausenbeginn zu signalisieren. Ich war gerade dabei meine Sachen in meine Tasche zu räumen und das Klassenzimmer zu verlassen, als Mr. Stoner ruft: "Mia, kannst du bitte kurz zu mir kommen? Es geht um die Note." Mit einer leicht genervten Miene trotte ich zu dem Lehrerpult und lasse mich ihm gegenüber auf den Stuhl fallen.
"Falls Sie mir mitteilen wollen, dass ich mir nächstes Mal mehr Mühe geben soll, dann lassen Sie das bitte. Ich gebe mir immerhin schon Mühe. Aber es tut mir leid, dass Physik eben nichts für mich ist."
"Mia, mir ist bewusst, dass man als junges Mädchen vielleicht öfter mal Party macht oder die Nacht durchmacht mit Filmen, etc.... aber vielleicht solltest du einfach mehr schlafen, da du sehr erschöpft aussiehst und mir auch immer recht unkonzentriert erscheinst."
"Entschuldigung, dass nicht jeder so gut schläft wie Sie!"
"Naja... wir lassen das jetzt mal so stehen. Der eigentliche Grund, weshalb ich mit dir reden möchte ist, dass es vielleicht ganz gut wäre mit deinen Eltern über eine Lösung für die schlechten Physikleistungen zu sprechen."
"Bitte was?! Auf gar keinen Fall. Halten Sie die da sofort raus! Das sind meine Leistungen und nicht denen ihre." Mittlerweile stehe ich ihm schon gegenüber. Ich greife nach meiner Tasche und verlasse den Raum noch bevor er überhaupt etwas sagen konnte.
Im Gang warten Grace und Hallie schon auf mich, um gemeinsam zu den Spinden zu laufen.
"Was hat er gesagt?", fragt Grace besorgt.
"Das Übliche eben.", antworte ich und verdrehe dabei die Augen.
"Pruhhhh, immer das Lehrergelaber. Lasst uns die Boys suchen.", sagt Hallie mit voller Begeisterung.
Luke und Allek kennen wir schon seit Beginn der High School.
Tyler ist erst dieses Jahr auf die Schule gewechselt und war zuerst mit Mason befreundet, der immer nur Ärger macht und jede Woche einem anderen Mädchen am Spind die Zunge in den Hals steckt. Tyler hat nach ein paar Monaten gemerkt, was für ein Arsch Mason ist und hat sich dann mit uns befreundet. Wir verstehen uns alle mittlerweile super, auch wenn wir ihn noch nicht lange kennen und erst seit ein paar Wochen mit ihm abhängen.
Grace sieht Allek am Ende des Ganges und stürmt auf ihn zu, um ihn fast umzuschmeißen. Die zwei sind seit circa drei Monaten ein Paar und echt süß zusammen.
Hallie und ich schauen uns nur an und geben den beiden anderen Jungs eine Begrüßungsumarmung.
"Na, was machen wir heute Nachmittag noch schönes?", fragt Hallie in die Runde.
Luke schlägt direkt vor ans Meer zu gehen. "Hättet ihr Bock drauf?"
Wir alle sind uns sofort einig und laufen noch gemeinsam zum nächsten Klassenraum.
Natürlich zieht sich der restliche Tag ewig in die Länge, bis die Schulglocke den Schultag beendet.
"Bis nachher!", ruft Grace uns zu, bevor Allek ihr seinen Arm um die Schulter legt und die beiden den Raum verlassen.
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Touching Hands
RomanceGeprägt von ihrer Vergangenheit vertraut Mia niemandem mehr, außer ihrem großen Bruder Kyle. Seit sie von zu Hause rausgeworfen wurde, lebt sie bei ihm. Mia hält seit ihrer Kindheit Abstand zu anderen. Besonders was Jungs angeht, bleibt sie distanzi...
