Ich schließe die Haustüre und mache mich auf den Weg in Kyles Zimmer, um für ihn ein paar Klamotten einzupacken. In seinem Zimmer angekommen, wächst das Gefühl hier falsch zu sein. Das ist Kyles Zimmer. Was mach ich hier denn eigentlich? Was ist mit Kyle? Warum durfte ich nicht direkt mitfahren? Ich sollte doch jetzt bei ihm sein...
Ich werfe ein paar T-Shirts und Boxershorts in die große Tasche, bevor ich mit den Hosen weitermache. Vermutlich braucht er eher bequemere Hosen, wie Jogginghosen im Krankenhaus, egal wie sehr er diese auch hasst. Ich mache gerade die Schublade zu seinen Socken auf, als es an der Türe klingelt. Wer will denn jetzt auch noch was von mir? Wahrscheinlich eine von unseren Nachbarn, die wissen will, warum der Krankenwagen hier war. So nervig.
Als ich die Türe öffne und eigentlich schon loslegen wollte, unsere Nachbarin anzupampen, was sie denn jetzt von mir alles wissen möchte, blicke ich erstarrt in die Gesichter von Tyler und Grace. Eng dahinter stehen Hallie, Allek und Luke. Die ganze Truppe steht einfach vor meiner Haustüre. Süß.
"Was macht ihr denn hier?", frage ich nach, obwohl mir die Antwort eigentlich schon klar ist.
"Also in Mathe hast du sicherlich nichts Besonderes verpasst. Total ätzend, die Aufgaben", gibt Hallie lachend von sich, bevor sie sich an den anderen vorbeidrückt und das Haus betritt. Bei ihrem Humor, kann ich mir leider kein leises Kichern unterdrücken. Grace schüttelt nur lachend den Kopf, bevor sie mich ernst anschaut. "Naja, es ist nun mal nicht so typisch für dich, einfach aus dem Unterricht rauszuhuschen und die Lehrerin zu ignorieren und dann wollten wir nachsehen, was denn los ist und sind mit Tyler, Luke und Allek hierhergefahren", sagt Grace und blickt zu den Jungs.
"Der Krankenwagen kam uns entgegen. Was ist passiert? Also nur, wenn du es uns erzählen möchtest. Ist etwas mit Kyle?", fragt Tyler und schaut mir tief in die Augen, so wie er es immer macht, wenn er mich nicht gerade versucht zu ignorieren.
Grace wirft zuerst Tyler und dann auch mir einen verwirrten Blick zu, der mir zu deuten gibt, dass sie sich gerade fragt, wie viel Tyler von Kyles Diagnose und meiner Vergangenheit weiß. Ich schüttele nur leicht meinen Kopf um ihr zu verstehen zu geben, dass Tyler so gut wie nichts davon weiß.
"Kommt zuerst einmal rein. Ihr müsst hier nicht so im Türrahmen stehen bleiben, sonst steht gleich die ganze Nachbarschaft vor der Tür", biete ich allen an. Luke schließt die Türe hinter sich, nachdem auch er ins Haus eingetreten ist. "Also ich finde schon, dass du es uns erzählen solltest. Immerhin machen wir uns echt Sorgen, Mia", äußert sich nun auch Allek und greift nach Graces Hand, die ihn nur verwirrt anblickt. "Sie muss nicht, wenn sie nicht will", schnauzt Grace ihn an und zieht ihm die Hand weg, bevor sie auf mich zukommt um mich in den Arm zunehmen.
"Ist es Kyle? Haben sie ihn mitgenommen?", flüstert Grace mir zu. Ich nicke ihr nur zu, was ihr als Antwort reicht um mich noch stärker zu umarmen.
"Ich wünschte, du würdest mich auch mal so in den Arm nehmen, wie du es bei ihr machst", erwidert Allek beleidigt und verschränkt seine Arme vor der Brust. "Sei ruhig Allek. Du bekommst dafür ganz andere Sachen", gibt Grace augenzwinkernd zurück, woraufhin Allek leicht rot wird.
"Sollen wir dich zu ihm ins Krankenhaus fahren?", fragt Hallie nach. "Sagt genau die, die nicht mal ein Auto, geschweige denn überhaupt einen Führerschein besitzt", sagt Luke und lacht laut drauf los. "Ha, du fährst uns eh noch alle Heim", lacht Hallie ihn aus, woraufhin Luke pampig zurückgibt, dass sie auch sehr gerne laufen kann, wenn sie so darauf besteht. Daraufhin gibt Hallie keinen Mucks mehr von sich.
"Danke, aber ich muss noch ein paar Sachen einpacken und möchte euch nicht warten lassen. Noch dazu wird es dort eh bestimmt eine Weile dauern, bis ich zu ihm darf", erkläre ich traurig. "Ist doch kein Problem. Ich kann warten und dich dann gerne hinfahren", schlägt Tyler mir vor. Die hochgezogene Augenbraue von Grace im Hintergrund, als Tyler dieses Angebot gemacht hat, entgeht mir nicht.
"Bist du wirklich sicher?", hake ich nach. Als Antwort nickt er mir zu. "Und auch wir sind jederzeit für dich da", bietet Grace mir an. Auch die anderen stimmen Grace zu und bevor sie das Haus verlassen, gibt es noch eine kleine Gruppenumarmung. Wofür habe ich solche Freunde nur verdient?
"Ich beeile mich", sage ich zu Tyler und renne bereits schon in Kyles Zimmer zurück. Mit meiner Freundesgruppe geht es mir echt besser. Ich spüre, wie sie mich aufgemuntert haben und ich nicht mehr ganz so traurig bin. Dennoch bin ich sehr aufgeregt, Kyle nachher zu sehen. Ich möchte wissen, wie es ihm geht...
Mit der fertiggepackten Tasche in der Hand gehe ich zu Tyler zurück, der es sich mittlerweile auf dem Sessel bequem gemacht hat. "Tyler, du musst das wirklich nicht machen, wenn du nicht willst. Du musst es nicht für mich machen."
"Ich will es aber", entgegnet er, nimmt mir die Tasche ab und öffnet mir die Haustüre um zu signalisieren, dass wir loskönnen. Er legt die Tasche in den Kofferraum und steigt ein.
"Ich weiß, dass das jetzt etwas unpassend ist, aber das solltest du wissen. Die anderen haben es wohl vergessen zu erwähnen, aber nachdem du aus dem Unterricht abgehauen bist, hat Frau Anderson dir Pausenarrest erteilt, da du dich ihren Anweisungen wiedersetzt hast und einfach gegangen bist. Im Kopierraum müsste man einiges sortieren und ordnen. Also kein krasser Arrest, aber wenn du möchtest kann ich dir gerne helfen", bietet Tyler mir an.
"Danke, aber das habe ich vergeigt und muss ich selbst wieder gerade biegen. Aber trotzdem danke für das Angebot."
Auf dem Weg ins Krankenhaus, gebe ich keinen Mucks von mir. Mein Blick schweift ein paar Mal zu Tyler rüber, der sich auf die Straße konzentriert. Er sieht wie immer gut aus. Wieso ist er aber so nett zu mir? Vielleicht habe ich dennoch Vertrauen in ihn, dass er nicht so ist, wie Kyle immer behauptet.
Als er bemerkt, dass ich ihn heimlich beobachte, nehme ich schnell meinen Blick von ihm und blicke auf meine Hände herab. Ich vernehme ein leichtes Grinsen in seinem Gesicht, was mich ebenfalls kurz lächeln lässt.
Meine Fingernägel drücke ich, so wie ich es immer mache, wenn ich nervös bin, in meine Handinnenfläche, bis diese leicht rot wird.
Tyler muss bemerkt haben, dass ich sehr angespannt bin, da er mit seiner Hand nach meiner unruhigen Hand greift. Er hält sie solange fest, bis wir dort angekommen sind. Seine Hand fühlt sich sehr weich und angenehm an. Sie gibt mir tatsächlich etwas Ruhe und ich versuche mich noch etwas zu entspannen, bis wir dort sind, auch wenn es mir sehr schwer fällt.
"Mia...du musst nicht aufgeregt sein. Ich hoffe, dass alles gut ist bei Kyle und du dir umsonst so viele Sorgen machst. Wenn was ist, dann ruf mich einfach an. Jederzeit...", bietet er mir an.
"Danke Tyler. Nicht nur für das Angebot, sondern auch für deine Unterstützung heute, dass du das alles für mich machst."
"Gerne. Na dann mal los", sagt er und wir steigen aus, holen die Tasche aus dem Kofferraum seines Autos und laufen auf den Eingang des Krankenhauses zu.
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Touching Hands
RomanceGeprägt von ihrer Vergangenheit vertraut Mia niemandem mehr, außer ihrem großen Bruder Kyle. Seit sie von zu Hause rausgeworfen wurde, lebt sie bei ihm. Mia hält seit ihrer Kindheit Abstand zu anderen. Besonders was Jungs angeht, bleibt sie distanzi...
