Tylers POV:
Ich schließe die Haustüre auf und schmeiße, nachdem ich das Wohnzimmer betreten habe, meinen Rucksack auf unser blaues Riesensofa.
"Hey Ty", ruft Kiara, als sie die Treppe herunter kommt. "Scheint wohl kein guter Tag gewesen zu sein?" Sie zieht bei der Frage ihre Augenbrauen nach oben und kommt auf mich zu. "Hast du Hunger? Ich könnte uns etwas kochen. Mum und Dad sind noch nicht da. Sie wollten nach der Arbeit noch einkaufen gehen."
"Sorry, aber der Hunger ist mir vergangen. Trotzdem lieb von dir...", antworte ich ihr und lasse mich erschöpft auf das Sofa fallen.
Kie setzt sich neben mich. "Darüber reden hilft meistens. Was ist denn passiert?"
"Mia ist passiert. Ich versuche ihr zu helfen und sie zu verstehen, aber sie ist immer so distanziert und lässt mich nicht mal an sich heran. Manchmal ist sie so offen und zugleich nett, sucht auch meine Nähe und jetzt...Sie will nicht mal mehr mit mir reden. Ich verstehe sie einfach nicht. Warum verhält man sich so? Ist aber jetzt eh egal..."
"Wie egal? Ty? Habt ihr euch gestritten?", hakt sie nach.
"Ja. Das auch nur wegen ihrem Bruder."
"Hä? Was hat der damit zu tun? Kyle, oder?"
"Ja. Er muss ihr wohl eingetrichtert haben, sich von mir fernzuhalten. Anders kann ich mir das Verhalten nicht erklären."
"Sie wohnt auch bei ihm oder?"
"Ja. Das ist auch sowas, was ich komisch finde. Die zwei sind sich so Nahe und dann wohnt man mit dem Bruder nur ein paar Straßen weg von den Eltern. Da kann man doch gleich bei denen bleiben."
"Mhm. Macht Sinn...", flüstert sie. Wohl mehr zu sich selbst.
"Was macht Sinn?"
"Naja. Das Verhältnis mit ihren Eltern ist sehr schwierig. Deshalb sorgt sich ihr Bruder auch so um sie."
"Trotzdem muss sie sich nicht so scheiße mir gegenüber benehmen."
"Hey! Rede nicht so schlecht über sie. Ich verstehe ja, dass ihr euch gestritten habt, aber ich sehe doch, dass sie dir dennoch etwas bedeutet. Dieses Funkeln in den Augen, wenn du über sie sprichst. Das hattest du noch bei keinem Mädchen", redet sie mir ein und schubst mich dabei aus Spaß leicht zur Seite.
"Schwachsinn. Nur weil ich sie mag..."
"Mögen? Ty. Das ist keine Freundschaftsebene mehr. Jedenfalls nicht bei dir. Ich sehe doch, dass du etwas für sie empfindest. Also an deiner Stelle würde ich sie nicht einfach so gehen lassen. Sie scheint dir gut zu tun und ist wohl etwas Besonderes. Denn so wie ich dich kenne, lässt du nicht jedes Mädchen so einfach an dich ran."
"Okay, ist ja schon gut. Du hast Recht. Ich mag sie etwas mehr, als ich dachte. Aber das ändert nichts an der Situation."
"Doch...du musst ihr einfach Zeit geben. In ihrem Zustand ist es nicht leicht Jungs zu vertrauen."
"Von was redest du? Was für ein Zustand?", frage ich neugierig. Kiara wird langsam unruhig, was mir nicht entgeht. Sie weiß mehr über Mia, als sie zugeben möchte.
"Ich meine ja nur, dass hinter der harten Schale ein weicher Kern steckt. Das wirst du dann schon noch merken. Hinter jeder Streitigkeit steckt meist mehr, als man vermutet. Also gib ihr einfach Zeit. Wenn du ihr auch wichtig bist, wovon ich sehr stark ausgehe, dann wird der richtige Moment noch kommen, wo sie mit dir reden wird. Dein Empfinden für sie, kann keinem Mädchen egal sein. Und mir auch nicht. Ich sehe tagtäglich, wenn du dir den Kopf über sie zerbrichst. Seit du sie kennst. Du bist glücklich wenn sie es ist und bist schlecht gelaunt, wenn es ihr nicht gut geht. Ihr Verhalten kommt nicht von irgendwo her, sondern hat seinen Grund. Sie ist nun mal ein verletztes Mädchen, dass schon viel erlebt hat", versucht sie mir klar zu machen.
"Deine Menschenkenntnis ist wahnsinnig. Bei dir bleibt echt gar nichts unentdeckt. Aber woher weißt du das über sie?", frage ich verwundert nach.
"Nur so aus eigener Erfahrung... Weißt du eigentlich etwas über ihre Kindheit oder über die Eltern?"
"Nein und wieso interessiert es dich so?" Kiara verhält sich in meinen Augen gerade etwas merkwürdig.
"Nur so. Hätte ja sein können."
"Kie, ich kenne dich gut genug um zu wissen, wenn du mir etwas verschweigst. Auch als Mia hier war, hast du so komisch reagiert, als du aus dem Raum rausgekommen bist. Hat sie dir irgendetwas erzählt? Oder gab es sonst etwas, was du mir erzählen willst oder solltest?", hake ich bei Kiara nach, da sie von sich aus nicht viel erzählen möchte.
"N-e-i-n. Nichts. Sie sagte gar nichts."
"Sicher?"
"Jap. Hast du jetzt eigentlich Hunger?"
"Ja. Danke, Kie."
"Kein Problem. Wie nahe kamt ihr euch eigentlich schon?", fragt sie mich und zieht ihre Augenbrauen dabei zuckend nach oben. Sie muss echt immer alles wissen.
"Sei nicht immer so neugierig."
"Bitte"
"Na gut. Wir haben uns geküsst. Aber ihr toller Bruder ist dazwischen gegrätscht. "
"Zu schade auch. Ein paar 'Touching Hands' auf der Motorhaube wären bestimmt auch für die Nachbarn amüsant gewesen", sagt sie und formt ihren Mund zu einem Kussmund, um mich damit zu ärgern. Sie macht sich gerne über so etwas lustig. Mit ihrer guten Laune und ihrem Kichern steckt sie mich an, sodass ich ihr mit dem Ellbogen in die Seite stupsen muss, damit sie sich wieder einkriegt. Typisch Kie. Aber dafür liebe ich sie einfach zu sehr, um mich über so etwas aufregen zu können. Und wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich mir wünschen, auch nur einmal noch Mias weiche Lippen auf Meinen zu spüren. Das Gefühl des Kusses. Es war nahezu alles perfekt. Jedoch nur nahezu, denn das Gefühl wurde viel zu schnell unterbrochen. Ein Kuss zwischen uns wird wahrscheinlich eh nicht mehr so schnell passieren. Wenn überhaupt.
Das Gespräch mit meiner Schwester tat sehr gut. Sie weiß immer genau, wie sie die Laune anderer verbessern kann. Vielleicht sollte ich öfters auf Kiara hören, denn was Mädchen angeht, ist sie die beste Ansprechpartnerin, die ich mir vorstellen könnte. Sie weiß genau, wie sich andere fühlen, selbst wenn sie nur zu wenig über sie Bescheid weiß. Erstaunlich.
Seit dem Gespräch, kann ich Mia besser nachvollziehen und selbst wenn ich nicht genau weiß, was Kiara mit dem "Zustand" meinte, werde ich an die Sache anders herangehen und Mia mehr Zeit geben. Ich vermisse ihre Nähe viel zu sehr, als sie an Mason zu verlieren. Ich hoffe sie merkt selbst, was Mason für ein Trottel ist.
Meine Gedanken werden von einem knurrenden Magen unterbrochen, weshalb Kiara und ich uns ran an den Herd machen, um ein gutes Mittagessen auf den Tisch zu bekommen.
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Touching Hands
RomantikGeprägt von ihrer Vergangenheit vertraut Mia niemandem mehr, außer ihrem großen Bruder Kyle. Seit sie von zu Hause rausgeworfen wurde, lebt sie bei ihm. Mia hält seit ihrer Kindheit Abstand zu anderen. Besonders was Jungs angeht, bleibt sie distanzi...
