Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit im Wartezimmer von einer Krankenschwester zu Kyles Zimmer gebracht werden, vernehme ich ein Kribbeln in meinen Beinen. Kyle in dem Zustand gesehen zu haben, wie er von den Einsatzkräften dort in den Krankenwagen eingeladen wurde, hat mir das Herz rausgerissen. Ich habe ihn noch nie so kaputt gesehen.
"Hier ist das Zimmer von Kyle Jones. Falls er schläft, bitte ich euch jedoch ihn schlafen zu lassen. Und bitte bleiben Sie nicht allzu lange, da er sich dringend ausruhen muss", berichtet die Krankenschwester, bevor sie uns den Rücken zuwendet.
"Vielen Dank", sagt Tyler und hält mich an der Schulter zurück, als ich die Türklinke drücken möchte. Ich weiß genau, dass er mir angesehen haben muss, dass es mir überhaupt nicht leicht fällt den Raum zu betreten, vor allem nach dem, was zuvor passiert ist.
"Bist du sicher, dass du das alleine schaffst und ich nicht mit rein soll? Wenn etwas ist, bin ich für dich da."
Es ist total lieb von Tyler so rücksichtsvoll zu sein und er möchte mir schließlich nur zur Seite stehen, jedoch brauche ich die Zeit, alleine mit Kyle zu sein. Noch dazu bin ich mir sicher, dass Kyle nicht sonderlich erfreut wäre, ihn hier mit mir anzutreffen. Als ich Tyler davon berichte, dass ich es für keine gute Idee halten würde, wenn er mit reingeht, nickt er mir verständnisvoll zu und setzt sich auf den Boden des Flurs, um mir zu verstehen zu geben, dass er genau hier warten wird.
"Kein Problem. Lasst euch beide die Zeit, die ihr braucht. Falls du deine Meinung ändern solltest, komm einfach zu mir. Ich warte hier vor der Tür auf dich", sagt Tyler und ich schenke ihm ein dankbares Lächeln als Antwort zurück, bevor ich die Türklinke herunterdrücke und im Raum verschwinde.
Als ich die wenigen Schritte zu Kyles Bett mache, kann ich ihn schon hören, wie er leise meinen Namen sagt. Er ist wach, was schon einmal ein gutes Zeichen ist. Ich stelle die große Tasche mit den Klamotten neben seinem Bett ab, laufe auf ihn zu und gebe ihm eine intensive Umarmung. Auch wenn wir nur wenige Stunden voneinander getrennt waren, hat es sich wie eine Ewigkeit angefühlt und ich habe ihn vermisst.
Kyle macht auf mich einen erschöpften Eindruck. Seine Haut ist sehr blass und auch sein Gesichtsausdruck zeigt mir deutlich, dass er sich zwar freut mich zu sehen, jedoch extrem erschöpft ist. Auch wenn er es mir niemals sagen würde, weiß ich, dass er das in diesem Zustand nicht mehr lange durchhält.
"Wer war das eben im Flur? Ich habe andere Stimmen gehört", sagt Kyle zu mir und ich spüre sofort auf was er hinaus möchte.
"Tyler hat mich hergefahren. Und bevor du jetzt etwas sagen möchtest,... Er macht sich nur Sorgen um mich und kümmert sich. Du brauchst dir um ihn auch wirklich keine Gedanken machen und um mich erst recht nicht. Mir geht es gut", antworte ich, woraufhin Kyle sagt, dass er sich um ihn momentan auch keine Sorgen macht. Ich sehe ihm dennoch an, dass er mir meine Antwort nicht wirklich abkauft.
Seine Worte werfen mich kurz aus dem Konzept, da ich nicht damit gerechnet habe, dass er so locker mit der Situation umgeht, dass Tyler mich hierhergebracht hat. Es wundert mich, da er zuvor so negativ auf ihn eingestellt war und gemeint hat, dass ich aufpassen sollte.
Nachdem wir uns eine ganze Weile unterhalten haben, verabschiede ich mich wieder von ihm und verspreche ihm, ihn bald wieder zu besuchen.
Als ich das Patientenzimmer wieder verlasse und die Türe hinter mir schließe, sehe ich, wie Tyler auf dem Boden sitzt. Er sieht ebenfalls sehr müde aus und könnte dringend Schlaf benötigen. Ich knie mich zu ihm auf den Boden hin, da mich die Situation mit Kyle erschöpft hat. Zwar war er wach, aber den Anblick bei uns zuhause, als die Einsatzkräfte ihn rausgetragen haben, werde ich wohl nicht mehr so schnell vergessen können. Tyler legt vorsichtig den Arm um meine Schulter und zieht mich seitlich an ihn heran, sodass ich meinen Kopf auf seiner Schulter ablegen kann.
"Du musst mir nichts erzählen, wenn du nicht willst. Lass dir Zeit alles zu verarbeiten, was passiert ist. Wenn du willst, können wir ihn solange er im Krankenhaus liegt so oft besuchen, wie du willst. Ich spiele auch gerne dein Taxi. Sollen wir nach Hause gehen?", redet Tyler beruhigend auf mich ein. Als Antwort nicke ich ihm dankbar zu. Er steht auf und zieht mich mit seinen Händen vom Boden hoch, sodass wir uns auf den Nachhauseweg machen können.
Im Auto ist Tyler sehr ruhig und fragt mich auch nicht über Kyle aus, was ich sehr rücksichtsvoll finde, da er uns eine gewisse Privatsphäre überlässt. Tyler merkt heute irgendwie, wann ich über etwas reden möchte und wann nicht. Er gibt mir die Zeit, mich ihm anzuvertrauen, wenn ich dazu bereit bin. Diese Seite von ihm kennenzulernen, tut gut.
Ich erzähle ihm trotzdem, wie es Kyle momentan geht. Tyler wirkt mitfühlend und hofft ebenfalls wie ich, dass er bald wieder entlassen werden kann und es ihm besser geht.
Als der Wagen in die Fieldroad abbiegt und nach ein paar Metern zum Stillstand kommt, steigen wir beide aus und Tyler bringt mich noch das letzte Stück zur Haustüre. Die Situation, alleine von ihm nach Hause gebracht zu werden, erinnert mich zurück an die Situation, als wir uns geküsst haben. Es fühlt sich gerade seltsam an wieder hier zu sein und zu wissen, dass Kyle nicht kommen wird.
"Danke Tyler. Für alles heute. Aber ich muss mich auch bei dir entschuldigen. Ich war die letzten paar Wochen einfach nicht fair zu dir und habe dich von mir weggestoßen. Dabei wollte ich das eigentlich gar nicht. Ich hoffe, dass du mir das verzeihen kannst und", beginne ich mich zu entschuldigen, aber schaffe es nicht, meinen Satz zu Ende zu bringen, da Tyler mich augenblicklich in eine unerwartete Umarmung zieht. Ich weiß genau, dass ich in den meisten Fällen eine so intensive Umarmung abblocken würde, aber mein Kopf versucht sich gar nicht erst dagegen zu wenden. Im Gegenteil, es tut gut zu wissen, dass er für mich da ist. Bei ihm habe ich das Gefühl, dass er mich versteht, ohne, dass ich meine Gedanken aussprechen muss.
"Mach dir keine Sorgen. Natürlich verzeihe ich dir. Mia,... ich will dass du verstehst, dass ich dich nie im Stich lassen werde und für dich da sein möchte. Auch wenn du heute Nacht irgendwas brauchst oder irgendetwas sein sollte, dann ruf mich einfach an. Ich bin da."
Seine Worte tun gut. Er tut gut.
Als wir uns aus der Umarmung lösen, verabschieden wir uns voneinander und ich schließe die Haustüre hinter mir. Es war ein harter Tag gewesen und morgen muss ich meine Strafarbeit erledigen, weshalb ich mich fertig mache und früher schlafen gehe als sonst.
Als ich in meinem Bett liege, fällt es mir schwer, abzuschalten und Kyles Worten Glauben zu schenken, wenn Tyler mich doch immer wieder vom Gegenteil überzeugt. Gerade jetzt wünsche ich mir, dass die Umarmung nie aufgehört hätte.
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Touching Hands
RomansaGeprägt von ihrer Vergangenheit vertraut Mia niemandem mehr, außer ihrem großen Bruder Kyle. Seit sie von zu Hause rausgeworfen wurde, lebt sie bei ihm. Mia hält seit ihrer Kindheit Abstand zu anderen. Besonders was Jungs angeht, bleibt sie distanzi...
