Anne
Eigentlich wollte ich noch warten bis Claire das Licht im Flur angemacht hätte, um zu sehen dass sie wirklich drinnen angekommen war, aber ich zwang mich selbst dazu weg zu fahren. Ich musste nach Hause. Es war ein reines Chaos. Alle Kopfschmerzen die ich je hatte tummelten sich nun in meinem Kopf, darauf wartend dass endlich ich eine Aspirin nehmen konnte. Aber die würde jetzt ohnehin nicht helfen. Es waren Schmerzen, wirkliche Schmerzen. Und diese Schmerzen hatten einen Namen. Stefan.
Ich wollte gerade einfach nicht an ihn denken. Es machte alles nur unerträglicher. Plötzlich fühlte sich meine "Beziehung?", wenn das das richtige Wort war, zu Claire so falsch an. Grundlegend falsch. Ich war ihre Dozentin...nicht eine, sondern ihre! Und auch wenn man sich nicht aussuchen konnte in wen man sich verliebt, dieses moralische Drama hatte ich mir ganz und gar selbst eingebrockt.
Du hättest auf Distanz bleiben müssen, schon als du zum ersten mal gefühlt hast dass dort mehr sein könnte. Aber das hast du nicht, du warst schwach. Herrgott Anne. Du bist hier verdammt nochmal selbst dran Schuld.
Die Stimme in meinem Kopf liebte es alles an mir schlecht zu reden bis ich nicht mehr wusste wo hinten und vorne war und mich lieber in ein dunkles Loch verkriechen würde anstatt am nächsten Morgen zu unterrichten. "Scheiße, morgen ist doch die Klausur die ich abnehmen muss!", dachte ich und mein Puls begann zu rasen. Ich hatte nämlich noch nichts vorbereitet. Rein gar nichts.
Von einem hupenden Auto wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Noch einmal hupte ein Auto hinter mir. Ich war so tief in Gedanken verloren dass ich wohl nicht bemerkt hatte, dass die Ampel vor mir grün war. Langsam fuhr ich an. Es war zum Glück kein weiter Weg bis zu meinem Haus, aber mit allen Emotionen die die letzten Stunden in mir hochgekommen waren fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. Ich war erleichtert als ich mein Auto auf der Auffahrt parken konnte und atmete einmal tief durch.
Drinnen ließ ich mich auf die Couch fallen und schnappte mir meinen Laptop der auf dem Tisch neben mir lag. Ich öffnete ihn und blickte einmal um mich herum. Die Teetassen standen noch genauso wir wir sie hinterlassen hatten. In der anderen Ecke des Wohnzimmers erblickte ich noch eine Scherbe. Großartig hast du das gemacht Anne. Ich spürte ein Unbehagen in mir als ich an die Situation vorhin zurück denken musste. Ich hatte Claire verletzt. So wie ich es oft tat wenn Menschen mir nahe standen aber ich mich zu vorsichtig verhielt. Durch meinen Drang niemanden verletzen zu wollen tat ich es letztendlich doch und das musste endlich aufhören, so konnte es nicht weiter gehen.
Während ich die Fragen und Antworten für die Klausur über Molière vorbereitete konnte ich meinen Gedanken eine Zeit lang entfliehen. Die Liste wurde immer länger und länger, aber ich konnte nicht stoppen, wollte ich mich doch nicht mit meinen Gefühlen auseinandersetzten die in mir aufblühten. Damals, als ich während meines Studiums in meine angehende Dozentin verliebt war ging es mir genauso. Anfangs war ich so überfordert mit meinen Gefühlen und dass diese plötzlich auch erwidert wurden, dass ich gar keinen Blick mehr für irgendetwas anderes gehabt hatte. Eva war etwas älter als ich, 8 Jahre um genau zu sein. Jedes Mal wenn sie mich ansah hatte ich dass Gefühl wirklich gesehen zu werden. Nicht nur mein Äußeres, alles in und an mir. Ich war damals gerade 19 Jahre alt und fühlte mich so geborgen bei so einer 'erwachsenen' Frau. Wir verbrachten viel Zeit zusammen
Nachdem sie ihr Praktikum beendet hatte, stellte die Universität sie fest ein. Es war ein hun und her, denn Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler waren nicht gerne gesehen und laut Regelwerk selbst strengstens untersagt. Anfangs machte uns dies nicht so viel aus, aber immer und immer wieder merkte ich, dass sich die Dynamik in unserer Beziehung veränderte. War es der Altersunterschied? Lag es daran dass ich in ihrer Klasse saß und mich nicht mehr konzentrieren konnte sobald Wörter über ihre wunderschönen Lippen kamen? Eines Tages, Eva und ich waren damals ein halbes Jahr zusammen und sie war seit zwei Monaten fest angestellt, rief mich Eva nach dem Kurs zur Seite. Niemand an der Uni wusste von uns. Sie hatte es nie erzählt und ich hatte ebenfalls geschwiegen.
"Anne. Ich will nicht so weitermachen wie bis jetzt.", ertönte es in meinen Ohren. Kurz schimmerten meine Augen auf und ich sah Eva erwartungsvoll an. Die aber sank ihren Kopf und entgegnete "Ich will weder deine noch meine Karriere gefährden und ich will dir nicht im Weg stehen. Was wir hatten war wunderschön, aber zugleich wissen wir beide dass wir nicht langfristig so weitermachen können. Du willst ebenfalls Dozentin werden und ich will hier als Dozentin bleiben, aber ich kann nicht mehr ständig Katz und Maus spielen." Unwillkürlich füllten sich meine Augen mit Tränen. Ich griff nach Evas Hand, weil es vielleicht das letzte Mal war dass ich dies tun könnte. Wir lagen uns ein letztes Mal in den Armen und Eva nahm mein Gesicht in ihre Hände. "Es tut mir leid Anne, aber ich weiß dass es so besser is für uns beide..." und drückte mir im gleichen Atemzug einen Kuss auf die Stirn. Dann ließ sie von mir ab, nahm ihre Tasche und schloss die Tür des Hörsaals hinter sich ohne sich noch einmal umzudrehen.
Für mich war dieser Abschied so unverständlich und kalt gewesen dass ich es wohl nie verstehen werde. Es kam mir wie eine feige Ausrede vor. Eva wollte ihre Karriere als Dozentin lieber als mich. Ich konnte die Schmerzen kaum aushalte, aber hatte auch keine Kraft zu kämpfen. Eva sah ich danach so gut wie gar nicht mehr. Ich wollte sie auch nicht sehen und entwich ihr selbst auf den Fluren der Universität so gut es ging. Monate vergingen und ich kam langsam aber sicher über sie hinweg. Und dann, kurz vor meinem 20. Geburtstag lernte ich Stefan kennen. In einem der Kurse für Englische Literatur. Stefan...der seit drei Jahren nicht mehr an meiner Seite war. Ich war jetzt 33. Fast so alt wie er damals. Ein Kloß stieg in meinem Hals auf und meine Augen fingen an zu brennen. Ganz vergessen werde ich diesen schrecklichen Moment nie, aber die Hoffnung dass irgendwann nur noch gute Erinnerungen zurückbleiben ließ mich nicht im Stich.
Mittlerweile war es schon nach Mitternacht und ich hatte zu meiner Verwunderung drei Seiten an Fragen für die morgige Klausur aufgeschrieben. Ach...dann müssen sie halt zeigen was sie gelernt haben. Mit einem Ruck setzte ich mich auf und schlug den Laptop zu. Genug gearbeitet für heute. Ich lief ins Badezimmer und legte meine Sachen sorgfältig über den Rand der Badewanne, zog meinen Pyjama an und viel ins Bett wie ein Stein. Alle Emotionen des heutigen Tages sprudelten nochmal durch meinen Kopf und letztendlich so müde wurden von meinen Gedanken dass ich einschlief.
Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war dennoch Claire gewidmet.
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Aber ich liebe sie...
RomanceClaire ist 21, fängt an Germanistik zu studieren und das Studentenleben zu leben. Sie ist konzentriert auf ihr Studium und möchte sich weder von Jungs noch von Partys oder sonst etwas ablenken lassen. Doch als Claire ihre Literatur Dozentin kennenle...
