»Wir werden Ihren Sohn finden, Herr Jahn«, versuchte Alea ihr Glück. »Aber Sie müssen uns jetzt erklären, was hier los ist.«
Plötzlich richtete der Mann sein Gesicht auf und raunte mir tränenerstickter Stimme:
»Warum habt ihr mich nicht in Frieden gelassen? Wenn ihr nicht gekommen wärt, wäre das alles nicht passiert! Ihr seid an allem Schuld.« Dann heulte er weiter.
»Herr Jahn«, erklärte die Rothaarige weiter, »wir wollten nur helfen. Wir wissen, dass Sie damals bei Herrn Amadeus Gruber waren und in einem bestimmten Buch unterschrieben hatten.«
Plötzlich blickte er sie entsetzt an und hielt den Atem an. Damit hatte er nicht gerechnet.
»Woher wissen Sie das? Wer sind Sie? Arbeiten Sie mit ihm zusammen?«
»Nein, nein!«, erwiderte sie ohne zu zögern und erhob beschwichtigend die Hände. »Herr Gruber lebt nicht mehr und wir haben niemals für ihn gearbeitet. Ganz im Gegenteil, ich arbeite für AZUPP, das ist eine Agentur zur Untersuchung paranormaler Phänomene.« Sie zeigte auf Carlo neben sich. »Wir haben vor nicht allzu langer Zeit Herrn Martino hier geholfen, der ebenfalls in Herrn Grubers Buch unterschrieben hatte. Als Herr Gruber starb, konnten wir an sein Buch kommen und sahen darin, dass Sie unterschrieben haben. Jetzt möchten wir wissen, was Sie damals von ihm für die Unterschrift bekommen haben.«
Für einen Moment war es still im Raum, da sich Herr Jahn erst einmal sortieren musste. Das gerade eben Gehörte musste er verarbeiten. Dann schnaufte er kräftig und antwortete:
»Meine Frau und ich wollten unbedingt ein Kind haben. Wir haben es lange versucht, aber es wollte einfach nicht funktionieren. Wir waren so verzweifelt und ließen uns sogar beide untersuchen. Aber scheinbar waren wir kerngesund und es wollte trotzdem nicht funktionieren. Wir probierten es über ein Jahr lang, bis es irgendwann endlich geklappt hatte. Wir waren überglücklich.« Nachdenklich schüttelte er den Kopf. »Doch am Tag der Geburt lief alles anders. Meine Frau hatte höllische Schmerzen und die Ärzte taten ihr Bestes. Mir wurde gesagt, dass ich mich auf eine Totgeburt einzustellen hatte und das brach mir das Herz. Ich war am Ende. Ich suchte im Internet nach Spezialisten, weil ich so verzweifelt war. Ich wusste, dass ich so schnell keinen Arzt auftreiben würde, aber ich wollte irgendwas tun. Da stieß ich zufällig auf Grubers Homepage. Ich rief seine Nummer an und berichtete verzweifelt, was los war. Er lud mich sofort ein und versprach mir, mein Kind zu retten, wenn ich in dem Buch unterschriebe.«
»Das hatte ich mir schon gedacht«, warf Alea ein. »Ihr Sohn überlebte, aber dafür musste Ihre Frau sterben. Habe ich recht?«
Herr Jahn konnte nicht darauf antworten, denn erneut kamen ihm die Tränen.
»Doch irgendwas stimmt nicht mit Ihrem Sohn«, rief nun Rixa von der Seite.
Herr Jahn drehte seinen Kopf zur Philosophiestudentin, die noch immer im Türrahmen stand und nickte resigniert.
»Schon als Baby verhielt sich Martin wie ein wildes Tier und biss mir ständig in die Finger. Nicht mal meine Mutter wollte sich ihm irgendwann nähern, weil er komische, knurrende Geräusche von sich gab und biss. Umso älter er wurde, desto gewalttätiger wurde er. Er griff andere Kinder an, sodass ich ihn keine Sekunde aus den Augen lassen konnte. Hier in der Wohnung demolierte er mir alles. Er springt hier manchmal wie ein kleiner Affe herum. Das ist doch nicht normal, oder?«, fragte er nun in die Runde und schaute flehend.
»Nein, ganz und gar nicht«, bestätigte Alea. »Deshalb haben Sie ihn so unter Verschluss gehalten, richtig?«
Herr Jahn nickte bestätigend.
»Ich kenne mich jetzt nicht so gut aus wie meine Kollegen Veit und Keno Richter. Ich werde sie informieren und vielleicht können sie sich vorstellen, was es mit Ihrem Sohn auf sich hat.«
»Was denken Sie, was mit ihm ist?«, wollte der Mann verzweifelt wissen. »Meinen Sie, er ist...« Erschrocken hielt er inne.
»Wir stellen keine Vermutungen an«, wehrte Alea sofort ab. »Das möchte ich nicht, weil diese Spekulationen uns nicht weiter bringen. Lassen Sie mich kurz mit meinen beiden Kollegen telefonieren.« Sie erhob sich von der Couch und ging an Rixa vorbei in den Flur. Sie holte ihr Handy heraus und wählte Kenos Nummer. Sie wollte ihn informieren und um Hilfe bitten. Gemeinsam wollte sie nach dem Kind suchen, um eventuelle Schäden zu vermeiden.
Doch als Keno abhob, merkte sie sehr schnell, dass er nicht ganz zurechnungsfähig war.
»Du bist ja betrunken!«
»S-s-sorry, Alea! Aber mein Bruderherz geht es nischt so gut. Wir sind in der SonderBar und trinken unsere Sorgen weg.« Er begann laut zu lachen, dass es Alea sogar in den Ohren wehtat und sie das Handy von sich halten musste.
»Okay, dann vergiss es. Ich kriege das schon alleine hin.« Sie legte auf und ballte leicht erzürnt ihre Fäuste. Gerade heute mussten sich die beiden Kerle besaufen. Wie sollte sie denn jetzt vorgehen? Sie hatte doch keine Ahnung, da sie bloß die Praktikantin war und wenig Erfahrung hatte. Rixa war nur eine einfache Philosophiestudentin und Carlo hatte zwar Muckis, aber ebenso wenig Ahnung. Außerdem arbeiteten sie beide nicht für AZUPP und sie konnte nicht verlangen, dass sie in dieser Sache mithalfen. Sowieso hatten sie bislang schon mehr als genug getan, was unverschämt war.
Rixa merkte, dass etwas nicht stimmte.
»Was ist los?«
»Mist!«, fluchte die rothaarige Schauspielstudentin. »Wir müssen heute auf Veits und Kenos Unterstützung verzichten. Sie sind... anderweitig verhindert.«
Rixa ging zu ihrer neuen Freundin und legte ihren Arm um sie. Dann sagte sie:
»Wir sind aber noch da und unterstützen dich. Wir lassen dich jetzt nicht hängen, falls du das gedacht hattest.«
Alea blickte ihr ins Gesicht und lächelte erleichtert.
»Womit habe ich das verdient?«, fragte sie mehr zu sich selbst als zu Rixa. Erleichtert nahm sie all ihre Kraft zusammen und ging zurück ins Wohnzimmer. »Meine Kollegen können nicht. Dann müssen wir das alleine regeln. Carlo, würdest du mit mir nach dem Kind suchen?«
»Na klar«, antwortete er sofort.
»Und kannst du dich um Herrn Jahn kümmern, Rixa?«
»Natürlich«, bestätigte auch sie. »Ich koche uns einen Tee.«
Herr Jahn blieb wie erstarrt im Sessel sitzen und rührte sich nicht. Alea und Carlo gingen sogleich los, um die Gegend abzusuchen.
Nach einigen Stunden hatten sie das Kind aber leider noch immer nicht gefunden. Immer wieder hakte Alea telefonisch bei Rixa nach, ob es eventuell wieder zuhause aufgetaucht war, aber die Philosophiestudentin musste jedes Mal verneinen. Irgendwann entschied Alea, dass das so keinen Sinn machte. Das Kind war außergewöhnlich flink, außerdem klein und gefährlich. So schnell würden sie es nicht finden. Sie brachen deshalb am späten Abend die Suche ab. Carlo verabschiedete sich entschuldigend, weil er nicht weiter helfen konnte, aber Alea war dennoch unheimlich dankbar. Dann holte sie Rixa bei Herrn Jahn ab. Sie ließen sich von ihm versprechen, dass er die Nacht zuhause bliebe und keinen Unfug anstellte. Zwar meinte er erst, dass er ebenfalls nach Martin suchen wollte, aber verstand dann, dass jemand im Haus sein musste, falls das Kind doch dorthin zurückkehrte.
Die beiden Studentinnen gingen danach gemeinsam zurück zum Wohnheim und ließen den Tag Revue passieren. Alea bedankte sich auch tausendmal bei Rixa für ihre Hilfe, die anbot, auch weiterhin in der Sache mitzuwirken.
Als die junge Studentin irgendwann erschöpft ins Bett fiel, nahm sie sich vor, Veit und Keno die Leviten zu lesen. Wie konnten sie sich nur ausgerechnet an einem solchen Tag besaufen? Wegen ihrer Nachlässigkeit hatte sie die alleinige Verantwortung, obwohl sie lediglich die Praktikantin und darüber hinaus noch die totale Anfängerin war. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie eingeschlafen war, weil ihre Gedanken noch lange um das Erlebte kreisten.
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Mission Schicksal - 1.3 Rufe der Verzweiflung
Mystery / ThrillerDie Dämonenjagd geht weiter und führt Veit, Alea und Keno in ein Antiquariat mit okkulten Büchern. Wer ist die Inhaberin Frau Pechstein? Woher hat sie derartige Schriften? Welche Geheimnisse verbirgt sie? Und wenn das noch nicht genug ist, warten we...