Langsam öffnete sie die Augen. Sie sah nur verschwommen, ihre Nase tat heftig weh und sie schmeckte Blut. Das Bild wurde klarer und sie blickte in die fiese Fratze eines Ghuls mit einem lila Irokesenschnitt. Ein leises Stöhnen entfuhr ihr.
»Da bist du ja wieder«, fuhr Cosmo sarkastisch fort. »Du weißt jetzt, wozu wir im Stande sind. Der nächste Schlag versetzt dich nicht nur in einen kleinen Schlaf, sondern endgültig in die ewigen Jagdgründe. Also überlege dir gut, ob du uns weiter deine Bücher vorenthalten möchtest.«
Tatsächlich war ihr klar geworden, dass sie keine Chance hatte. Vorher hatte sie noch einen kleinen Rest Hoffnung besessen, dass sie irgendwie heil aus dieser ganzen Sache herauskam. Warum auch immer, nahm sie innerlich an, dass diese Punker vielleicht doch ein bisschen Herz hatten. Aber das war eben ihr Irrtum: Auch wenn sie menschlich aussahen, waren sie nicht menschlich. Sie waren keine Punker, sie waren Monster. Und das fiel ihr jetzt wie Schuppen von den Augen.
Da sie zu schwach war, um irgendwas zu äußern, nickte sie nur und gab mit ihren Augen zu verstehen, dass die Ghule gewonnen hatten.
»So ist es brav«, lobte Cosmo sie. »Dann fahren wir jetzt zurück zu deinem Laden und du öffnest uns die Pforten.«
Der große, starke Halvar entriss ihr das Seil, womit sie an den Stuhl gefesselt war und hob sie erneut über die Schulter. Wie ein nasser Sack hing sie an ihm, bewegunglos und ohne jegliche Kraft.
Dann steckten die Ghule sie wieder ins Auto und fuhren dahin, wo sie Frau Pechstein überfallen hatten. Sie sahen nicht, wer noch immer vor dem Laden auf dem Bordstein saß und parkten nichts ahnend ein paar Meter weiter an der Straße. Als sie ausstiegen, sah Alea die Monster jedoch.
»Die Ghule!«, rief sie erschrocken, sodass Kenos Kopf herumwirbelte und sie ebenfalls kommen sah.
»Sie haben Frau Pechstein«, stellte er fest und sprang auf.
Alea tat es ihm nach und ohne zu wissen, was sie taten, stellten sie sich den Ghulen in den Weg.
»Ihr schon wieder!«, knurrte der weibliche Ghul mit dem roten Haar und den schwarzen Lippen.
»Lass die arme Frau herunter!«, forderte Keno Halvar mutig auf.
Der große, dicke Ghul mit der grünen Stachelfrisur begann laut zu lachen.
»Und wenn nicht?«, fragte er provokativ. »Was wollt ihr Witzfiguren schon ausrichten?«
»Jetzt geht uns aus dem Weg!«, befahl Cosmo, der nicht zu Scherzen aufgelegt war.
»Niemals!«, entgegnete Keno mutiger, als er sich in Wirklichkeit fühlte.
Alea begann nun auch vor Angst zu zittern.
»Dann müssen wir euch eben gewaltsam aus dem Weg räumen«, kündigte Cosmo an und seine Gesichtszüge veränderten sich sofort. Aus dem menschlichen Gesicht wurde die Fratze eines Monsters, indem seine Wangen- und Stirnknochen hervortraten, das Kinn breiter und die Ohren länger wurden sowie die Augen ihre Farbe zu einem gruseligen Weiß änderten. Auch die Zähne wurden zu gefährlichen Reißzähnen.
Das gleiche passierte mit Danas Gesicht und die beiden standen nun in voller Ghul-Pracht vor Keno und Alea.
Innerlich bereiteten sich die beiden Mitarbeiter von AZUPP auf das schlimmste vor.
Tatsächlich gingen die beiden Ghule zum Angriff über. Cosmo nahm sich Keno vor und holte direkt zu einem Schlag aus. Mit einem Sprung nach hinten konnte sich Keno gerade noch schützen. Doch da holte der Ghul schnell zum nächsten Schlag aus, dem er nicht mehr ausweichen konnte. Er traf ihn mitten ins Gesicht, sodass Keno taumelte.
Dana sprang auf Alea zu, die sich bückte und nur noch spürte, wie sie zu Boden gerissen würde. Die böse Dämonin hielt die Schauspielstudentin mit beiden Händen auf dem Boden fest und legte ihr ganzes Gewicht auf ihren Körper. Sie fletschte die Zähne, als ob sie ihr gleich ins Gesicht beißen würde.
»NEIN!«, schrie Alea hilflos.
Keno sah zu ihr rüber und wollte ihr helfen, doch da zog ihn Cosmo an den Schultern zurück und trat ihn in den Rücken. Der Schmerz durchzog seinen ganzen Körper und er fiel ebenfalls zu Boden.
»Tötet sie!«, forderte Halvar seine beiden Freunde freudig auf und grinste vor sich hin.
Cosmo stellte sich über Keno und machte sich bereit, ihm ins Gesicht zu treten. Dana riss ihr Maul auf und kam Aleas Gesicht gefährlich nahe. Gleich würde sie ihr mit den Reißzähnen das halbe Gesicht abbeißen.
Doch plötzlich zerrte eine kräftige Hand Dana von Alea und schleuderte sie weg.
»Veit!«, rief Alea erfreut. »Endlich!« Sie hatte ihn kurz zuvor mit einer Nachricht auf dem Handy zurückgerufen, weil Keno und sie sowieso nicht in das Antiquariat kamen. Daher hatte Veit sofort wieder kehrt gemacht und war zum Laden zurückgekommen.
Seine Augen glühten rot, als Alea ihn anblickte. Aus seinen Händen schien wieder dunkle Energie zu strömen, die wie Rauchschwaden die Luft verdunkelten.
Cosmo sah ihn und riss erschrocken die Augen auf. Doch da war es zu spät. Mit einer Flut dieser schwarzen Energie wurde der Ghul in die Luft gehoben und mit voller Wucht fallengelassen.
Halvar sah das und ließ Frau Pechstein schnell auf den Boden nieder. Er wollte Dana und Cosmo zu Hilfe eilen. Er rannte auf Veit zu und holte zum Schlag aus. Doch Veit duckte sich unter seinen Pranken weg. Dann packte er Halvar an einem Arm und warf ihn über seine Schulter hinweg ein paar Meter weiter auf die Straße.
Alea schnellte auf und rannte zur alten Dame, die schwach auf dem Boden lag.
»Wir helfen Ihnen jetzt«, kündigte sie an, als sie sich über Frau Pechstein beugte. »Ich rufe einen Krankenwagen.« Damit holte sie schnell ihr Handy heraus und wählte die Notrufnummer.
»Du Mistkerl!«, raunte Cosmo munter, als er sich wieder von der Straße erhob. Er hielt mit der rechten Hand seinen linken Arm, der zu schmerzen schien. Halvar und Dana lagen noch immer gekrümmt auf dem Boden.
»VERSCHWINDET!«, brüllte Veit wütend. Dann ließ er noch mehr der schwarzen Energie aus seinen Händen fließen und schleuderte sie direkt auf die drei Ghule. Diese brüllten vor Schmerz und brachen schließlich vollends auf dem Boden zusammen.
Alea fühlte den Puls der alten Dame. Er war sehr schwach.
»Bitte halten Sie durch«, flehte sie.
Mit letzten Kräften versuchte Frau Pechstein, ihre Augen offen zu halten. Sie blickte Alea traurig an und sprach mit leiser, rauchiger Stimme:
»Der Schlüssel zu meinem Laden ist in meiner Tasche. Schau nach.«
Alea tat, wie ihr geheißen und holte den Schlüssel aus Frau Pechsteins Tasche heraus.
»Du musst im Lexikon der Dämonen unter B nachschlagen...«, hauchte die Hexe und schloss ihre Augen.
»Wie bitte?«, hakte die junge Frau nach, doch Frau Pechstein war bewusstlos. Von weiter Ferne waren allerdings schon die Sirenen des Krankenwagens zu hören.
»Lasst uns abhauen«, schlug Halvar kleinlaut mit schmerzverstellter Stimme vor. Er stützte seine beiden Freunde und gemeinsam humpelten sie davon.
Veits Augen glühten noch immer rot und er wollte ihnen gerade hinterher laufen, da hielt ihn Keno zurück, indem er ihn am Arm festhielt.
»Nein! Lass sie! Wir müssen uns um Frau Pechstein kümmern.«
Da besann sich Veit und seine Augen nahmen wieder die normale Farbe an. Er nickte seinem Bruder zu und zusammen gingen sie zu Alea und der alten Dame. Sie stützten ihren Kopf, bis der Krankenwagen da war. Auch ein Polizeiauto war zur Stelle. Sanitäter kümmerten sich um Frau Pechstein und nahmen sie mit dem Krankenwagen mit. Alea, Veit und Keno behaupteten, dass sie dazwischen gingen, als drei Punker sie überfielen. Sie mussten den Polizisten ihre Daten hinterlassen und dann fuhren sie wieder weg.
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Mission Schicksal - 1.3 Rufe der Verzweiflung
Mystery / ThrillerDie Dämonenjagd geht weiter und führt Veit, Alea und Keno in ein Antiquariat mit okkulten Büchern. Wer ist die Inhaberin Frau Pechstein? Woher hat sie derartige Schriften? Welche Geheimnisse verbirgt sie? Und wenn das noch nicht genug ist, warten we...