Erzfeinde

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Die späten Nachmittagsstunden brachen bereits an, als Harry begann sich ruhelos in dem riesigen Bett umherzuwerfen. Das dünne T-Shirt klebte an ihm wie eine zweite Haut und die schwere Daunendecke hatte sich verselbstständigt.
Er träumte immer wieder von zwei Schlangen, die ihn verfolgten und sich gnadenlos um seinen Oberkörper schlangen und zudrückten.
Er war sich nicht sicher, was ihm schlussendlich aus dem Schlaf riss, doch als er die Augen öffnete, lag sein Kopf nicht mehr auf den unzähligen Kissen. Harry rollte sich stöhnend auf dem Rücken und blinzelte überrascht, als er den Kopf stöhnend hob und zu den hohen Fenstern hinüber blinzelte.
Die Sonne stand bereits seltsam tief und schien schwach in seinem Zimmer.
Der Bursche hatte schon seit Ewigkeiten nicht mehr so lange geschlafen – noch hatte es vorgehabt.
Bei den Onkel Vernon und Tante Petunia war es ein unausgesprochenes Schwerstverbrechen gewesen, länger zu schlafen. Meistens hatte sein Tag um sieben Uhr begonnen.
Erleichtert stellte der Gryffindor fest, dass der Schmerz in seinem Kopf endlich nachgelassen hatte und er sich besser fühlte.
Ein plötzlicher kalter Luftzug traf Harrys Nacken, und er riss den Kopf hoch. Ein Schaudern der ekelhaften Art kroch seine Wirbelsäule hoch. Dann fiel sein Blick auf Draco, der mit verschränkten Armen an der verschlossenen Tür lehnte.
Verdammt.
Der Gryffindor starrte den Göttersohn des Hausherren lange an, nicht sicher, ob er nicht noch immer im Vollrausch war, und halluzinierte. Es gab keinen logischen Grund, warum ausgerechnet Draco hier war. Sie verabscheuten einander.
„Guten Morgen, schön, dass du endlich wach bist, Potter. Sag, wo ist deine Krone geblieben?"
Harry erwachte aus seiner Starre und richtete sich ruckartig auf. Er musste sämtliche Willenskraft aufbringen, um nicht erschrocken zurückzucken.
Sein Schulkollege wusste nichts von seiner dunklen, kaputten Seite.
Harry legte sich eine Hand in den Nacken und rieb vorsichtig über eine schmerzende Stelle.
„Zum Teufel, was um alles in der Welt machst du denn hier?"
Draco verdrehte ganz offensichtlich die Augen.
„Wie immer glänzt du mit deiner herausragenden Auffassungsgabe, Potter. Brauche ich denn einen Grund, um hier aufzutauchen? Das hier ist das Anwesen meines Vaters. Ich kann überallhin", erwiderte der blonde Schönling und lachte so, als hätte Harry den Witz seines Lebens gerissen.
Der Gryffindor musterte die Schlange widerwillig, während er sich vorsichtig aus dem Bett quälte und die Beine auf dem Boden abstellte.
Er versuchte sein Gegenüber nicht ganz zu offensichtlich zu mustern.
Draco war wie immer wie ein Model gekleidet.
Seine Haare waren sorgsam nach hinten gekämmt und hingen ihm strähnenweise in die Stirn.
Er trug ein enges, faltenloses grünes Hemd und eine ebenso enge grüne Hose, abgesehen von seinen schwarzen Lackschuhen und der schwarzen Seidenkrawatte.
Er sah aus, als würde er gleich ein Bankett besuchen. Harrys abschätzender Blick wanderte zu dem Gesicht des Slytherin zurück.
„Bist du noch betrunken?", fragte der blonde Schönling, nachdem sich die Stille etwas zu lange gezogen hatte.
„Das könnte ich dich eher fragen. Bist du betrunken, Draco?", schoss Harry bitter zurück.
„Oder hast du dich in das falsche Zimmer verirrt?"
„Tze, nein. Ich weiß genau, wo ich gelandet bin."
Draco richtete sich auf, streckte seinen schwanengleichen Hals durch und stieß sich von der Tür ab.
„Wir beide müssen uns mal unterhalten."
Der Goldjunge war mit einem Schlag hellwach und war innerhalb weniger Sekunden gänzlich geistig anwesend.
Harry ließ die Hand möglichst unauffällig über die Matratze hin zu seiner Hosentasche wandern, wo er seit Jahren seinen Zauberstab aufbewahrte.
„Ich wüsste nicht, worüber."
Der Gryffindor versuchte sich möglichst unnahbar zu geben und einen möglichst unbeeindruckten Gesichtsausdruck an den Tag zu legen.
Draco runzelte die Stirn und grinste höhnisch.
„Benutz dein Gehirn und du kommst von selbst darauf. Was will ich wohl hier? Wir sind keine Freunde. Und das ist gewiss kein Höflichkeitsbesuch."
Harry bewegte sich nach hinten und schob die Hand in die Hosentasche. Er streckte die Finger aus, doch da war nichts. Verdammt, wo war sein Zauberstab geblieben?
Zähneknirschend klopfte er die Hosentaschen ab und ein Gefühl des Unbehagens machte sich in Harry breit.
„Was ist denn los, Potter?", wollte Draco lauernd wissen und der Gryffindor ließ die grünen Augen über das Bettzeug huschen. Irgendwo musste sein Stab doch sein.
Der blonde Schönling lachte leise und das Unbehagen, das er empfand, schoss sprunghaft nach oben.
„Suchst du etwas Bestimmtes?"
Ungläubig sah er dabei zu, wie Draco seinen Zauberstab hervorholte und zärtlich mit den Fingern über das dunkle Holz strich.
Harry klappte der Mund auf.
„Woher hast du ...?"
„Mein Vater ist im Salon eingeschlafen und hat nicht einmal gezuckt, als ich ihn mir zu eigen gemacht und aus seiner Brusttasche gezogen habe. Er muss ziemlich erschöpft gewesen sein, wenn du mich fragst. Es ist fast unmöglich, sich an meinem Vater derart leise und heimlich anzuschleichen."
Mit diesen Worten fiel es ihm wie die Schuppen von den Augen. Die Erwachsenen hatten ihm gestern Abend den Zauberstab entwendet, damit er nicht noch mehr Unheil stiften konnte. Harry hatte mittlerweile keine Hemmungen mehr, außerhalb der Schule zu zaubern.
Wie hatte er das nur vergessen können?
Da war wohl der Alkohol daran Schuld, dachte er sich bitter.
Draco grinste überheblich und er trat näher heran, während er lässig mit dem Zauberstab wedelte.
„Bei Sev wäre er sicherer gewesen, zweifellos. Er geht zwar stilloser als mein Vater vor, dennoch versteht er sich meisterhaft darauf, Dinge vor ungebetenen Gästen zu schützen."
Dem Goldjungen wurde schlecht und er schmeckte bittere Galle. Er hasste es, dass er so unvorbereitet getroffen worden war. Das war nicht gut.
„Was willst du, Draco?", fragte er leise und versuchte die Entfernung zu schätzen. Gute zwei Armlängen trennten ihn noch von Lucius Sohn.
„Die Fronten klären. Ich habe meinen Vater und Onkel Sev belauscht, als sie in ihr Gespräch um dich vertieft waren. Du solltest echt deine Einstellung überdenken nach allem, was passiert ist."
Nach allem, was passiert war? Harry schluckte. Er konnte sich nicht ganz entsinnen. Die letzten Stunden glichen einem dumpfen Wirbel aus verschiedenen Farben und unscharfen Konturen. Er konnte sich kaum an etwas Nennenswertes erinnern.
Er wusste nur, dass er irgendwann in der Malfoy Manor gelandet war.
„Geht es hier darum, dass ich gestern betrunken war?"
Der Gryffindor seufzte leise und spielte mit dem Gedanken, sich zu erheben.
„Ja, und auch darum, dass du dir irgendetwas eingeworfen hast, mit dem sich nur die Muggel amüsieren. Sev ist an die Decke gegangen, als er herausgefunden hat, was es war. Scheint ziemlich ungesund zu sein."
Harry machte sich nicht die Mühe, darauf zu antworten. Allerdings loderte kaum verhohlene Wut in ihm auf und er verzog das Gesicht. Draco ließ sich davon nicht stören. Er fuhr mit bitterer Stimme fort.
„Es ist ungeheuerlich, dass sich die beiden nun mit dir beschäftigen müssen. Du bist wertloser als das Schlammblut Granger."
Auf einmal fühlte Harry sich nackt, durchschaut und wie ein Kürbis ausgehöhlt. Er versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass Draco hier im Haus seines Vaters keinen offensichtlichen Angriff starten konnte. Zumindest nicht mit Magie.
Sein Gegenüber verzog die Lippen zu einem kühlen Lächeln.
„Ich kann den Alkohol, den du getrunken hast, auf der Zungenspitze schmecken, so sehr stinkst du danach."
Dracos Blick glitt an Harrys Statur hinab, bis hin zu den zu großen Klamotten, die seinen dürren Körper verdeckten.
„Mein Vater hatte recht. Du bist keine Augenweide mehr und siehst abscheulich aus. Deine Haare sind verstrubbelt und deine Klamotten haben echt schon bessere Tage gesehen. Und du stinkst abscheulich. Ist ja kaum auszuhalten."
Harry presste die Kiefer aufeinander. Er hatte keinen Bock darauf, sich von Draco bloßstellen zu lassen. Und eines war offensichtlich. Diese Unterhaltung würde nicht gut enden. Malfoy war ganz offensichtlich auf Streit aus. Es war besser, sich für den bevorstehenden Wutausbruch zu wappnen.
Die Augen des blonden Schönlings waren aus blankem Eis, allerdings begann sich ein seltsamer Schimmer darin festzusetzen.
Ungläubig blickte Harry seinen Zauberstab an, der völlig deplatziert in Dracos Hand wirkte.
Er hatte nur eine Chance. Vielleicht war sein Widersacher zu arrogant, um zu glauben, dass er den ersten Schritt wagen würde. Er hatte nur eine Chance, und die würde er ausnutzen.
„Gib mir meinen Zauberstab wieder!"
Der Dunkelhaarige fauchte beinahe wie eine wilde Katze und schoss nach vorne wie ein Pfeil auf den Stab zu.
Es erschien Harry als die beste Entscheidung, auch wenn sein Kreislauf sofort mit leichtem Schwindel und Übelkeit protestierte.
„Träum weiter."
Draco bewegte sich in einer geschmeidigen Bewegung und schneller, als er es erwartete.
„Ich bin nicht hier, um dir deinen Zauberstab auszuhändigen."
Im nächsten Augenblick wurde ihm klar, dass er Lucius Sohn bei weiten unterschätzt und seinen eigenen schlechten Zustand gänzlich außer Acht gelassen hatte.
Ehe er es sich versah, waren seine Unterarme fixiert und sein Zauberstab rollte klappernd über den Boden.
Harry prallte unsanft gegen den Oberkörper und so erlangte Draco die Möglichkeit, herumzuwirbeln. Dabei verloren seine Füße den Halt und seine Knie gaben nach.
Ein gezielt harter Schlag traf Harry ins Gesicht, und er brauchte viel zu lange, um zu verstehen, dass es der blonde Schönling gewesen war, der versuchte ihn schachmatt zu setzen.
Sein Herz begann zu hämmern.
„Nicht mit mir, Potter."
„Was willst du wirklich hier?"
Der Gryffindor wollte sich auf die Beine bemühen, doch Draco war schneller und packte ihn im Genick.
Gewaltsam wurde Harry über den Boden gezerrt und landete schlussendlich auf allen Vieren.
„Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?", keuchte der Dunkelhaarige auf, als er mit der Fußspitze so sehr malträtiert wurde, dass er sich kaum rühren konnte. Ein höllischer Schmerz breitete sich in seinem Nacken aus und wanderte hinab zu den Schultern.
Er wollte nicht hier sein. Keine Faser seines Körpers wollte hier sein. Er musste hier weg. Sofort.
Als er einatmete, stieg ihm der Geruch des schweren Parfums in die Nase, der ihm vorhin schon aufgefallen war. Jetzt wurde ihm allerdings übel davon.
Eine Eiseskälte fuhr Harry in die Adern und in einer abgehackten Bewegung riss er den Kopf herum.
Draco ließ sich Zeit mit einer Antwort.
„Weißt du, Potter, du hast mich schon immer an ein wildes Tier erinnert, das nicht fähig ist, sich zu kultivieren. Severus sagte immer, dass du zu stolz und zu eigensinnig bist.
Du brichst ständig die Regeln, machst, was du willst, und kommst immer unbehelligt davon, während Andere das Leid deiner Aktionen tragen müssen. Ohne Weasly und Granger wärst du schon längst ein fortwährender Versager und schon im ersten Schuljahr draufgegangen."
Dracos Augen verdunkelten sich unheilvoll und Harrys Haut begann zu prickeln.
„Du bist ein unfassbar dämlicher Nichtsnutz, und ich lasse es nicht zu, dass du meinen Vater und Severus mit in das Verderben ziehst. Die Augen des dunklen Lords ruhen auf meiner Familie und gerade jetzt wagst du es, dich in den Mittelpunkt zu stellen und Dumbledores Goldjungen zu spielen."
Harry lachte bitter.
„Sie haben sich selbst dazu entschieden, in das Verderben zu gehen. Ich bin nicht freiwillig hier. Ist dein Ego so klein, dass du nicht damit umgehen kannst?"
Draco ging neben ihm ungerührt in die Knie und der Druck im Nacken verschwand. Harry wehrte sich aus Leibeskräften und schaffte es, sich auf den Rücken zu drehen.
Er hörte, wie der blonde Schönling etwas zutage förderte, das eindeutig aus Glas war.
Draco holte eine bauchige Phiole hervor und hielt sie Harry vor das Gesicht.
„Willst du wissen, was das ist? Ich war heute Früh bei Severus im Labor und habe mich da ein wenig umgesehen. Er hat einige interessante Spielereien, die nur darauf warten, ausprobiert zu werden. Wie immer hat er in seinen Notizen alles fein säuberlich notiert."
Der Gryffindor starrte ihn an und sein Herzschlag beschleunigte sich. Er konnte nicht glauben, was er da hörte.
„Wenn ich dir das Zeug hier eingeflößt habe, wirst du überhaupt nichts mehr tun, was meiner Familie schaden kann. Ich verspreche dir, wenn ich mit dir fertig bin, wirst du dich nicht einmal mehr an deinen Namen erinnern, Potter. Du wirst als Schlachtvieh weiter leben und dich deinem Schicksal ergeben. Und mein Vater und Sev werden in Sicherheit sein."
„Niemals kommt es so weit", flüsterte Harry leise und richtete den Blick auf die verkorkte Phiole, die unheilvoll funkelte.
Doch was machte er sich vor? Er war hier der Schwache. Er tat immer nur auf stark und unbeeindruckt, dabei war er es nicht. Es gab keine Möglichkeit, die feurige Angst in Schach zu halten.
Abscheu zeichnete sich in den Augen seines Peinigers ab.
„Sieh dich doch an, Potter. Du bringst dich bereits jetzt schon selbst ins Grab und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis du draufgehst.
Man sieht dir deine Saufgelage an, also sei so gut und stirb zumindest zum richtigen Zeitpunkt und so, wie man es dir sagt."
Dracos Stimme war belegt.
„Ich habe kein Interesse an einem langsamen und schmerzhaften Tod! Also sei so gut und fick dich."
Harry riss seinen Kopf ruckartig zurück und Wut loderte in ihm auf. Dank des dunklen Lords hatte sich sein Leben grundlegend verändert. Seinetwegen hatte er in den letzten Jahren nichts als Schmerz und Enttäuschungen erlebt.
Er hasste Draco! Oh, er hasste diesen Schnösel so sehr! Der Hass stieg ins Unermessliche, als er fester gepackt wurde.
Für einen flüchtigen Moment wollte er herumfahren und Malfoy die Fingerspitzen in die Augen zu rammen, aber er beherrschte sich und zwang sich, sein Kinn zu heben. Die Familie Malfoy war nicht besser als andere reinblütige Familien.
Sie waren grausam und oberflächlich, und das Einzige, was sie von den normalen Menschen unterschied, waren ihre Macht und ihr Reichtum.
Trotz keimte in Harry auf.
Er hatte nicht vor, durch die Hand des dunklen Lords zu sterben. Es gab so viele Arten abzutreten, so viele. Die Auswahl war schier grenzenlos.
Und er würde Draco nicht glauben lassen, er sei besser als er. Mit so viel Selbstvertrauen wie er entbehren konnte, versuchte er, den Ellenbogen in das hübsche Gesicht krachen zu lassen.
„Hör auf dich zu wehren und mach endlich den Mund auf! Ich bin nicht so nachgiebig wie mein Vater, wie du bald merken wirst. Er hat nicht erkannt, was für ein wertloses Leben du dein Eigen nennst."
Harry konnte sich kaum rühren, als Draco ihm auf die Pelle rückte und mit erstaunlicher Kraft zu Boden drückte.
„Runter von mir!", brüllte er so laut er konnte, in der Hoffnung, gehört zu werden, bevor es zu spät war.
Er wollte sich herumdrehen, um Draco nicht direkt zugewandt zu sein. Doch der Sohn von Lucius setzte sich auf ihn und drückte seinen Körper mit aller Kraft nach unten. Als Harry den Kopf hob, wurde er in den Haaren gepackt und mit Gewalt zurückgezogen.
„Mein Vater und Severus glauben tatsächlich, dass du etwas gegen den dunklen Lord ausrichten kannst. Allein der Versuch wird meiner Familie schaden. Das ist jetzt vorbei."
Kaltes Grauen machte sich in ihm breit, als Draco ungerührt Mund und Nase abdeckte und mit den Zähnen die Phiole entkorkte und den Korken in die Ecke spuckte.
Früher oder später würde er nach Luft schnappen müssen.
Schneller als Harry lieb war, ging ihm die Luft aus. Irgendwann begann seine Lunge zu brennen, und mit jeder weiteren Sekunde fühlte es sich mehr danach an, als würde sich eine Messerspitze tiefer und tiefer in seine Brust bohren.
„Nicht doch, mach einfach den Mund auf und sei endlich ein braves Lamm."
Dracos plötzlicher, behutsamer Tonfall sorgte bei Harry fast für Brechreiz.
Sein Gesicht bekam mittlerweile rote Flecken und er begann langsam blau anzulaufen. Mühsam umklammerte er die unnachgiebige Hand und zerrte daran. Alles verschwamm vor seinen Augen.
Er stieß ein dumpfes Heulen aus und riss an dem unnachgiebigen Griff. Auf gar keinen Fall durfte er jetzt aufgeben. Die Genugtuung würde er Draco nicht geben.
Harry kniff die Augen zusammen und erlaubte sich tief in sich hineinfühlen.
Die Finsternis, sie lauerte in ihm. Er konnte sie spüren. Sie wartete nur auf den richtigen Augenblick, um hervorzubrechen. Sie flehte ihm an, endlich ausbrechen zu dürfen.
Harry hörte das verlockende Flüstern tief in sich drin. Obwohl es noch taghell war, spürte er die dunkle Magie, die sich nur in der Nacht zu zeigen gedachte. Die Magie, die er versuchte zu unterdrücken und zu verheimlichen.
Je mehr er sich dagegen wehrte, desto stärker wurde dieses Gefühl in seinem Hinterkopf. Er wollte an diesem weit entfernten Ort bleiben.
Ein dunkler Schimmer breitete sich in den Augen des Burschen aus, als er die Augen öffnete.
Er bekam einen Augenblick keine Luft mehr und er zwang sich, nicht der aufkeimenden Panik anheimzufallen.
Gerade fühlte sich sein Inneres so an, als könnte er die Welt in Stücke reißen. Die Finsternis breitete sich ohne Vorwarnung um sie beiden herum aus. Diesmal war es keine Einbildung. Diesmal war er nüchtern.
Harry stieß das letzte Quäntchen Luft aus, das sich in seinen Lungen befand, und ein ohrenbetäubendes Donnern ließ das Zimmer erbeben. Alles, was aus Glas war, explodierte und die Flammen im Kamin züngelten unheilverkündend hoch. Ein unangenehm kalter Windzug fegte durch das Gemach und Risse zeichneten sich im Putz ab.
Harry griff ruckartig nach der schwarzen Seidenkrawatte und eine Welle von tiefschwarzen Funken übergoss sich über seinen Peiniger. Es war, als wäre eine Grenze zum Einsturz gekommen, und die Luft war vor prickelnder Spannung erfüllt.
Draco schrie auf, ließ den Goldjungen los und rollte sich zur Seite. Die Phiole glitt zu Boden und zerbarst dort, wie alles andere, das aus Glas gewesen war. Feine Risse zogen sich in Zickzackmuster über den dunklen Boden.
Die Dunkelheit legte sich über ihn und ein silbriges Licht blitzte vor seinen Augen auf. Der stechende Kopfschmerz, der gnadenlos explodierte, beförderte ihn in das zeitweilige Nichts.
Als Harry die Augen aufschlug, hatte er keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Er fühlte sich seltsam kraftlos und ausgelaugt. Allerdings war er sofort wieder mit seinen Sinnen anwesend und er konnte sich etwas mehr bewegen.
Wie ein Ertrinkender zog er die Luft ein.
Es hatte funktioniert. Irgendwie.
Harry begriff nicht einmal ansatzweise, wie er das gerade bewerkstelligt hatte. Es war so aussichtslos gewesen und Draco war ihm bei Weitem überlegen.
Er war nicht einmal sicher, ob die zauberstablose Magie in diesem Ausmaß überhaupt durchführbar war. Und der seltsame dunkle Schimmer, den er aus den Augenwinkeln gesehen hatte, bevor er ihn verschlungen hatte?
Bei den Erwachsenen hatte er so etwas noch nie beobachten können. Es schien so unglaublich, dass er es gerne als Traum abgetan hätte.
Vielleicht war es auch nur eine einmalige Aktion gewesen und war seiner Panik geschuldet gewesen.
Nein, er war noch nie darin gut gewesen, sich etwas vorzumachen. Das, was da gerade passiert war, war nicht normal.
Harrys Augen brannten, während er versuchte, sich wieder unter Kontrolle zu bringen.
Jeder Atemzug schmeckte nach dem schweren Parfüm von Draco und er verzog angewidert das Gesicht.
Einen Moment konnte er sich vormachen, dass alles in Ordnung war.
Aber auch nur einen Augenblick lang. Draco lehnte mit aufgerissenen Augen an der Wand. Der Goldjunge Dumbledores schluckte und er bemerkte, dass der Blondschopf starr wie ein Brett war. Ihre Blicke trafen sich einen Wimpernschlag lang. Harry schwieg eine Weile und hielt den Blick zu Boden gerichtet.
„Was bei Salazars Namen ist hier los?"
Der Gryffindor hob langsam den Kopf und sah Lucius und Severus in der Tür stehen.
„Draco, was hast du losgetreten? Du weißt doch ganz genau, dass in den Ferien nicht gezaubert werden darf!"
Harrys Blick huschte zu den Beiden. So aufgebracht hatte er Lucius noch nie erlebt. Die Stimme des älteren Malfoy ließ alles zu Eis gefrieren.
Die beiden Erwachsenen wechselten einen Blick, und obwohl sie sichtlich gelassen dastanden und die Ruhe die Luft erfüllte, konnte Harry doch die Wut spüren, die von den beiden ausging.
„Vater, ich habe ..."
„Schweig still! Halt den Mund, oder ich sorge höchstpersönlich dafür."
Snape und Lucius schritten durch die offene Tür und eine Decke des Schweigens legte sich im Inneren über sie. Nur noch eine einzelne Kerze brannte auf einem Tisch, was seltsam war.
Während Lucius seine hellen Augen wieder auf seinen Sohn richtete, kniete sich Severus neben Harry nieder.
Die Furchen im Gesicht des Älteren verdüsterten sich, als er die Scherben betrachtete, die von der Phiole stammten.
„Ich bin mit dem Trank nicht in Berührung gekommen. Dafür war er zu langsam", hörte Harry sich leise selbst flüstern.
Seine Oberschenkel kribbelten unangenehm, als er sich langsam in eine aufrechte Position begab und versuchte aufzustehen.
„Sitzen bleiben."
Severus griff allerdings nach seinen Schultern und drückte ihn mit Bestimmtheit nach unten. Übelkeit stieg in Harry auf und er stützte sich mit einer Hand am Boden ab.
Der dunkelhaarige Zauberer ließ ihn zu keinem Augenblick aus den Augen.
Harry hörte sich stumpf fragen, ob jemand einen Whisky für ihn hätte. Die weichen Züge waren aus seinem Gesicht verschwunden und ein starrer Ausdruck hatte sich darin festgesetzt.
„Oh nein, das lassen Sie schön bleiben."
Er verkniff sich eine bissige Antwort. Er konnte unmöglich klar denken, wenn er nicht halbwegs getankt hatte. War das gerade wirklich geschehen?
Erst jetzt konnte er sich das Chaos ansehen, das er angerichtet hatte. Der große Ohrensessel vor dem Kamin war umgefallen. Einer der Tische war in sämtliche Einzelteile zerbrochen und in den Tapeten der Wände zeigten sich tiefe Risse.
Severus schloss die Finger um Harrys Hand und runzelte die Stirn.
„Ihre Hände sind eiskalt, Mr Potter."
Er vermied jeglichen Blick zu seinem Lehrer. Er hatte Angst, dass er die Nerven verlieren würde, wenn er es vorher tat.
Snapes wache, dunkle Augen wanderten an Harrys Körper auf und ab, und als er den Ausdruck in seinen Augen sah, als er den Blick dann doch erwiderte, verspürte er aufs Neue den Wunsch, sich umzudrehen und zu fliehen. Der Mann sah aus, als wollte er ihn lebendig verschlingen. Harry schluckte schwer. Plötzlich war ihm viel zu heiß in dem dünnen T-Shirt.
Der Gryffindor tat sein Bestes, um seinen Gesichtsausdruck neutral zu halten.
Sein Instinkt drängte ihn allerdings dazu, jeder verfluchten Person in diesem Zimmer zu sagen, dass er seine Ruhe haben wollte. Doch er hielt so Lippen so fest zusammengepresst, als wären sie zusammengewachsen.
Harry spürte, wie er erneut die Kontrolle zu verlieren drohte, und ein ekelhaftes Gefühl frohlockte, an die Oberfläche zu kommen.
Ein unpassendes Lachen stieg in ihm auf und Severus sah mit einer erhobenen Augenbraue zu ihm.
Es war, als brach eine Welle über ihm zusammen.
„Was ist hier passiert?", knurrte Lucius ungehalten.
Ein Beben durchfuhr Draco und er hielt den Kopf gesenkt. Sämtliches Blut war dem Schönling aus dem Gesicht gewichen.
„Die Magie ist aus ihm herausgebrochen. Ich wusste nicht, dass er zu etwas fähig ist. Er ... hat ohne Zauberstab gezaubert ... und ..."
Severus sah zu Lucius Sohn hinüber, und was immer er noch hervorbringen wollte, erstarb.
Die Wut der beiden Erwachsenen war in der Luft greifbar. Doch im Moment waren beide auf Draco fixiert.
Das war seine Möglichkeit. Das Gefühl der Hoffnung, entkommen zu können, kehrte in ihm zurück und erstickte alles andere.
Harry entzog sich Snape, sprang auf die Füße und bewegte sich so schnell, dass die beiden Erwachsenen nicht die Zeit hatten, um zu reagieren. Der Gryffindor schnappte sich noch den Zauberstab und schoss wie ein Pfeil aus der Tür hinaus.
Severus erhob sich augenrollend und verschränkte die Arme vor der Brust.
Es war anstrengend, ständig Recht zu behalten.
„Und es geht los. Mit dieser Aktion habe ich schon gerechnet. Allerdings gehofft, dass sie etwas später eintritt, wenn er etwas mehr bei Verstand ist."
„Mir scheint, dass deine Tränke etwas zu gut waren, mein Freund. Wäre er noch verkatert, wäre er etwas leichter zu händeln."
Lucius seufzte leise und warf seinem Sohn einen vernichtenden Blick zu, der merklich in sich zusammensank.
Draco zerbarst regelrecht unter den Blick seines Vaters.
„Wir reden später. Geh auf dein Zimmer und wag es dich, es zu verlassen, bevor ich dich aufgesucht habe."
Lucius Blick war unglaublich furchteinflößend.
„Tips, Pinky, schaff dieses Chaos hier weg!"

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