Nachdem Harry eine Weile in aller Seelenruhe mit Mrs. Figg zusammengesessen und etwas mit ihr geplaudert hatte, machte er sich wieder an die Arbeit, um zumindest einen kleinen Teil der unzähligen Bücher bis zur Abenddämmerung durchgesehen zu haben.
Als er ein Buch öffnete, dessen Einband fast auseinanderbrach – so brüchig war er schon – fiel ihm ein silberner Ring in die Hände.
Das Schmuckstück war besonders auffallend und überaus aufwendig verarbeitet. Es war ein äußerst schmaler Ring, im Flechtmuster der Kobolde gehalten und mit Distelblüten ausgeschmückt. Zwischen den Distelblüten war ein edler Topas eingefasst.
Mr. Tibbles, der es sich auf den plüschigen Ohrensessel bequem gemacht hatte, hob den Kopf und fauchte leise. Harry starrte den Kneazle von Mrs. Figg für einen Moment lang an, dann beschloss er, das seltsame Verhalten der Katze zu ignorieren. Krummbein hatte ja auch seine seltsamen Momente.
Vorsichtig legte der Gryffindor das Schmuckstück zur Seite und faltete die beschriebenen Pergamente auseinander, die ihm zusammen mit dem Ring in die Hände gefallen waren. Er kratzte sich nachdenklich am Kopf und raufte sich das dichte, schwarze Haar. Was auch immer auf diesem Pergament geschrieben stand, er konnte es nicht lesen. Es war eine seltsame Sprache, die eine markant verschnörkelte Schrift aufzuweisen hatte.
– Man könnte meinen, das lichte Erlenvolk hätte diese Zeilen verfasst.–
Harrys langer, weißer Finger fuhr über den Rand des Blattes entlang und prompt schnitt er sich daran.
„Autsch", murmelte er leise und steckte sich automatisch den Finger in den Mund.
Vielleicht würde ihn Mrs. Figg später weiterhelfen können. Die rüstige alte Dame schien ja einiges auf dem Kasten zu haben. Der Wind, der um die späten Nachmittagsstunden herum aufgezogen war, wurde jetzt stärker und die ganze Luft im Studierzimmer prickelte nun elektrisch. Bei diesem Wetter würde er sich am liebsten in seinem Bett verkriechen und sich die schwere Decke über den Kopf ziehen. Nachdenklich legte Harry den Ring wie auch die Pergamente neben das Teeservice und nahm sich den nächsten Stapel Flyer an, der durchgesehen werden müsste.
Noch immer konnte der junge Zauberer es nicht nachvollziehen, wie man so viel Müll horten konnte. Dunkle Haarsträhnen hefteten sich elektrisch aufgeladen an seine Wangen und blieben hartnäckig dort kleben, selbst als er versuchte, sie zurückzustreichen.
Suchend sah er sich um und seufzte schließlich auf. Verdammt, es war kein Karton mehr übrig. Er hatte den Letzten vorhin aufgebraucht, als er die unzähligen verblichenen Pamphleten, Broschüren und Flyer entsorgt hatte. Und faul wie er eben war, hatte er sich nicht die Mühe gemacht, nach unten zu laufen, um einen Neuen zu holen.
„Verdammt", fluchte er, als ihm erneut unzählige Haarsträhnen im Gesicht kleben blieben.
Er griff nach der Flasche Wasser, die neben dem Porzellanservice stand, und goss sich einen ordentlichen Spritzer in die Hand. Energisch verrieb er sich die Flüssigkeit in den Händen und fuhr sich dann damit durch das wilde Haar, um sich die Locken aus der Stirn zu schieben.
So. Deutlich besser,dachte er sich, während er den Kopf hin und her drehte, um das Ergebnis in einem der angelaufenen Spiegel zu betrachten, die es hier gab. Durch die Feuchtigkeit war die statische Elektrizität in seinem Haar verflogen. Zugleich hatte das kühle Nass eine sehr angenehme Erfrischung zurückgelassen. Plötzlich blitzte es ganz in der Nähe, unmittelbar gefolgt von einem Donnerschlag, und sämtliche Lichter gingen aus. Erneut begann der Kneazle zu fauchen und sträubte das Nackenfell.
– Ernsthaft?–
Harry begann zu fluchen, wandte sich vom Tisch ab und tastete in den offenen Schubladen umher. Irgendwo hatte er altertümliche Kerzen aus Honigwachs und Streichhölzer gesehen. Stromausfälle kamen hier nur selten vor. So gehörte eine Kerzengrundausstattung nicht zum typischen Hausstand eines englischen Haushaltes. Beim Räumen war er vorhin auf einen Kerzenhalter aus Milchglas gestoßen. Ein seltsam aussehendes Ding, an dessen Enden glitzernde Glastropfen baumelten. Aber in Zeiten wie diesen hatte er nicht vor, in Stilfragen wählerisch zu sein. Nun, jetzt würde der Kerzenständer wieder seinem eigentlichen Zweck gerecht werden. Endlich fand er die schlichten weißen Haushaltskerzen aus Bienenwachs sowie zwei Heftchen mit Streichhölzern. Im Licht des nächsten Blitzes steckte er die Kerzen in den Kerzenhalter. Dann ging er durch das Zimmer und zündete weitere Kerzen an, bis das ganze Zimmer von einem sanften, flackernden Schimmer durchflutet wurde.
DU LIEST GERADE
Three souls - one fate
FanfictionVor den Sommerferien vor seinem sechsten Jahr in Hogwarts kommt Harry mit einem uralten Zauber in Berührung, der sein gesamtes Leben mit einem Mal auf den Kopf stellt. Nichts ist von dem lieben Burschen übriggeblieben, den man vor diesem Zwischenfal...
