POV Heather
Besorgt kniete ich mich neben Katelyn und nahm ihre Hand. „Bitte mach das nie wieder", sagte ich leise, meine Stimme fester, als ich mich fühlte. „Ich hatte wirklich Angst um dich."
Meine Schwester grinste gequält. „Ich musste euch doch beschützen."
„Danke für Ihren Einsatz, Agent. Ohne Sie wäre das hier viel schlimmer ausgegangen", sagte ein Mann im Anzug im Vorbeigehen und nickte Katelyn anerkennend zu. Wahrscheinlich ein Ermittler.
Ich achtete kaum auf ihn, denn meine Aufmerksamkeit lag ganz bei meiner Schwester. Behutsam untersuchte ich ihre Wunden. Keine Arterie getroffen, das war gut. Doch ihr Bein bereitete mir Sorgen. Ich zog einen Druckverband fest um ihren Arm und warf ihr einen eindringlichen Blick zu.
„Du hast Glück", sagte ich. „Ich versuche die Blutung zu stoppen, das sollte kein Problem sein, aber die Kugel steckt noch in deinem Bein. Sie muss operativ entfernt werden."
„Super", murmelte Katelyn mit einem unbeeindruckten Ton, doch ich sah, dass sie sich lediglich bemühte, sich nichts anmerken zu lassen.
Ich winkte zwei Sanitäter herbei, die ihr eine Infusion gegen die Schmerzen verabreichten. Dann wurde sie auf die Trage gehoben und zum Rettungswagen gebracht. Bevor ich einstieg, versicherte mir ein Polizist, dass es unseren jüngeren Geschwistern gut ging. Erst dann ließ ich mich auf den Sitz neben Katelyn fallen.
Im Krankenhaus wurde sie sofort in den OP gebracht, während ich mich um den Papierkram kümmerte und mit Madison telefonierte. Als endlich die Nachricht kam, dass die OP gut verlaufen war, atmete ich das erste Mal seit Stunden ein wenig durch.
Ich hatte Katelyn ein geräumiges Einzelzimmer mit Blick auf den Park besorgt. Als ich das Zimmer betrat, war es still, abgesehen vom monotonen Piepen des Monitors. Katelyn lag aufrecht im Bett, blass, aber wach. „Hey", sagte ich sanft und setzte mich an ihre Seite. Vorsichtig legte ich meine Hand auf ihre. „Hey", erwiderte sie mit rauer Stimme. „Möchtest du was trinken?"
Sie nickte leicht, und ich hielt ihr einen Becher mit Wasser hin. Sie nahm ein paar Schlucke. „Danke."
Die Tür öffnete sich leise, und Madison trat ein, gefolgt von den jüngeren Geschwistern. Hillary, die Zwillinge Chloe und Cassy und Shawn schlichen nahezu ins Zimmer. „Katelyn!" Die Zwillinge liefen sofort zu ihr, hielten aber kurz vor ihr an, als ob sie Angst hätten, ihr wehzutun. „Hey, alles gut", sagte Katelyn leise und streckte ihnen eine Hand entgegen. Ihre Stimme war sanft, aber leicht brüchig.
„Wirklich?", fragte Chloe zaghaft. Ich nickte. „Sie wird wieder ganz gesund." „Das war ein großer Schock für euch, oder?", fragte Katelyn mitfühlend und strich den Zwillingen sanft mit dem Daumen über die Wange. Dann sah sie zu Hillary und Shawn, die langsam näher traten.
„I-ich hatte solche Angst", schluchzte Cassy. „U-und a-als du da auf dem Boden lagst, da d-dachte ich, du würdest..." Der Rest ihres Satzes ging in ihrem Weinen unter. „Shhh, ganz ruhig. Es ist alles gut gegangen." Katelyn zog sie sanft zu sich und nahm sie vorsichtig in den Arm.
POV Shawn
Die Stimmung im Zimmer war ruhiger, doch ich fühlte mich noch sehr unruhig. Alles war gut ausgegangen, ja. Aber was, wenn nicht? Die Schüsse, das Schreien, Katelyn, blutend auf dem Boden – die Bilder ließen mich nicht los. Ich saß auf dem zweiten Bett neben Hillary und starrte in meine Suppe, in der ich lustlos herumstocherte. Ich hatte einfach keinen Appetit.
„Hey, ihr zwei." Heather setzte sich zu uns. „Wie geht es euch?" „Ein wenig merkwürdig, aber an sich okay", erwiderte Hillary. Ich sagte nichts. Wie sollte ich das beantworten? Gut? Kann es einem nach so etwas überhaupt gut gehen? Heather ließ mich nicht aus den Augen. „Shawn?" Ich zuckte mit den Schultern.
„Ihr steht beide noch unter Schock", sagte sie sanft. „Ruht euch aus. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus." „Bleiben wir heute Nacht hier?", fragte Hillary leise. „Wie ihr wollt. Entweder ihr schlaft im Nebenzimmer, dort sind ein paar unbenutzte Betten, oder einer von uns fährt mit euch nach Hause."
„Ich will hier bleiben", sagte ich sofort. „Ich auch", stimmte Hillary zu. Heather nickte verständnisvoll. „Gut, dann kommt. Ich zeige euch das Zimmer."
Doch als ich später im Bett lag, konnte ich einfach nicht schlafen. Neben mir atmete Hillary ruhig, doch ich starrte an die dunkle Decke. Mein Kopf spielte die Ereignisse immer und immer wieder ab. Ich hörte die Schüsse, sah Katelyn, fühlte die Panik und das Chaos. Was, wenn die Männer gezielt auf uns geschossen hätten? Was, wenn Katelyn nicht getroffen, sondern getötet worden wäre? Was, wenn...
Ich rollte mich auf die Seite und presste die Augen zu. Aber das änderte nichts. Erst viel später, als meine Gedanken schließlich langsamer wurden, fiel ich in einen unruhigen Schlaf.
Morgen würde alles besser sein.
Hoffentlich.
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Little Brother
Teen FictionHier geht es um Shawn den jüngsten der acht Silver Geschwister. Begleitet ihn in seinem Leben mit großen sieben Schwestern..
