Ein leises Knistern lag in der Luft.
Enya blinzelte. Ihre Lider fühlten sich schwer an, ihr Kopf pochte. Langsam öffnete sie die Augen.
Sie lag in einem Bett. Nicht in ihrem eigenen – das erkannte sie sofort. Die Matratze war weicher, das Kissen duftete nach frischem Lavendel. Über ihr wölbte sich eine dunkle Holzdecke, von der eine einzelne Lampe warmes Licht verbreitete.
Wo war sie?
Ihre Finger tasteten über die Bettdecke, während sie sich langsam aufrichtete. Der Raum war geräumig, aber gemütlich – Wände aus dunklem Stein, ein großer Schrank. Er war wunderschön verziert, mit geschnitzten Ranken, die sich ineineinader verzweigten. Außerdem konnte sie zwei Tische mit jeweils einem Stuhl erkennen. Und zwei Betten. Das zweite Bett stand ihr gegenüber.
Und darauf saß jemand.
Ein Mädchen, klein und zierlich, mit kurzen, glatten blonden Haaren und auffallend dunkelgrünen Augen. Sie wippte aufgeregt mit den Beinen und sah Enya erwartungsvoll an.
„Du bist wach!" Ihre Stimme klang fröhlich, fast überschwänglich.
Enya blinzelte sie an. „Wer... bist du?"
„Lexie!" Das Mädchen grinste. „Lexie Sinclair. Obwohl eher Alexisis Sinclair. Aber ich hasse diesen Namen. Der hört sich so geschwollen an. Meine Freunde nennen mich daher immer Lexie. Und du bist Enya, richtig?", die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus.
Enya runzelte die Stirn. Ihr Kopf schmerzte noch immer, und nichts ergab einen Sinn. „Wo bin ich?"
Lexie sprang auf, als hätte sie genau auf diese Frage gewartet. „Du bist in Silver Stone! Das Internat für besondere Leute wie uns!"
Silver Stone.
Der Name kam ihr vage bekannt vor – der Fremde im Wald hatte ihn erwähnt. Aber das half ihr nicht weiter.
„Internat?" Enya sah sich erneut um. Das Zimmer wirkte nicht wie ein gewöhnliches Schulzimmer, sondern eher wie etwas aus einem alten Schloss. Als wäre sie schnurstracks ins Mittelalter zurück katapultiert worden. „Was ist das hier für ein Ort?"
Lexie setzte sich im Schneidersitz auf ihr Bett. „Silver Stone ist nicht einfach irgendein Internat. Es ist eine Schule. Eine Schule für Drachenwandler."
Enya blinzelte. Dann lachte sie trocken. „Klar. Und ich bin ein Troll."
Lexie verdrehte die Augen. „Nein, ernsthaft! Drachenwandler sind... na ja, Menschen, die sich in Drachen verwandeln können. Obwohl man ja auch nicht wirklich Menschen dazu sagen kann, oder? Naja, egal. Auf jeden Fall sind wir Gestaltwandler und gehören zur Gattung der Drachen. Ziemlich cool, nicht?"
Enya starrte sie an. Dann schüttelte sie den Kopf. „Das ist lächerlich. Sowas gibt es nicht. Und selbst wenn, wäre ich auf keinen Fall so ein Drachen...wandler."
„Eigentlich nicht so lächerlich." Lexie zuckte mit den Schultern. „Sonst wärst du nicht hier. Silver Stone nimmt nur Drachenwandler auf."
Enya wollte protestieren, doch die Erinnerungen an das, was in der Schule passiert war, schossen ihr durch den Kopf. Der vibrierende Boden. Die Hitze. Das Glühen ihrer Haut.
Nein. Das konnte nicht sein.
Oder doch?
Sie wollte gerade nachfragen, als es passierte.
Eine Stimme erklang in ihrem Kopf.
>>"Na, hast du endlich geschnallt, dass du kein normaler Mensch bist?"<<
Enya fuhr herum, doch niemand außer Lexie war im Raum.
>>"Oh wow, sie kann mich endlich hören. Glückwunsch! Ich bin Bran. Und du bist die kleine Wandlerin mit den feurigen Ausrastern."<<
Die Stimme klang amüsiert. Spöttisch.
„Wer...?" Enya verstummte. Sie konnte die Worte hören, aber nicht mit ihren Ohren. Sondern in ihrem Kopf.
>>"Also wirklich, das ist ja fast enttäuschend. Keine Panik? Kein Schreikrampf? Nicht mal ein verzweifeltes „Wer bist du?"<<
„Wer bist du?!" fuhr Enya ihn an – in Gedanken, ohne den Mund zu öffnen.
>>"Ah, da ist sie ja, die Reaktion. Ich dachte schon, du wärst komplett emotionslos."<<
„Beantworte einfach meine Frage!"
>>"Schon gut, schon gut. Ich bin Bran. Und bevor du fragst – nein, ich bin kein Dämon, kein Geist und auch keine schizophrene Halluzination. Ich bin... sagen wir, für den Moment eine Art Mitbewohner in deinem Kopf."<<
„Mitbewohner? Für den Moment?"
>>"Ja. Aber keine Sorge, ich zahl keine Miete. Dafür sorge ich für Unterhaltung! Und alles weitere wirst du mit der Zeit erfahren."<<
Enya rieb sich die Schläfen. „Ich... habe wohl nicht mehr alles Tassen im Schrank. Das ist doch nicht normal."
>>"Tja, herzlich willkommen in deinem neuen Leben. Hier ist nichts normal."<<
„Warum kann ich dich hören?"
>>"Weil du nicht wie die anderen bist, Kleine. Aber das weißt du ja bereits. Irgendwo tief drin. Selbst wenn du es nicht wahrhaben willst. Aber alles wird sich klären, du musst nur mal geduldig sein."<<
„Was willst du von mir?"
>>"Im Moment? Nur ein bisschen Spaß. Ist ziemlich langweilig hier, weißt du?"<<
„Enya?"
Lexies Stimme ließ sie zusammenzucken. Enya sah auf – Lexie musterte sie mit schiefgelegtem Kopf.
„Du wirkst... komisch. Ist alles okay?"
Enya zögerte. Sollte sie ihr von Bran erzählen?
Aber sie wollte Lexie nicht verschrecken. Sie war schon komisch genug. Obwohl hier ja sowieso alles komisch war.
>>"Gute Entscheidung. Erzähl ihr bloß nichts von mir."<<
Enya ignorierte ihn. „Ich bin nur... müde."
Lexie musterte sie skeptisch, zuckte dann aber mit den Schultern. „Dann wird es Zeit für Essen! Komm, ich stelle dich meinen Freunden vor."
Sie sprang auf und zog Enya mit sich. „Ich wette, du hast Hunger. Drachenwandler haben immer Hunger."
Enya seufzte. Sie hatte keine Ahnung, was hier gerade geschah, aber eines wusste sie sicher: Ihr Leben war nicht mehr normal.
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Dragons Ich bin anders
FantasíaJeder trägt ein Geheimnis in sich. Manche sind harmlos. Andere verändern dein ganzes Leben. Enya Valtara dachte immer, sie sei ein normales Mädchen - bis zu dem Tag, an dem sie nach Silver Stone gebracht wurde. Eine Schule voller Fremder, ein Ort, a...
