Enya folgte Lexie durch die Gänge der Schule, während das Summen von Gesprächen und das Klappern von Besteck aus der Mensa langsam hinter ihnen verklang. Die Gänge waren voller Gemälde alter Menschen. Wohl ehemalige Direktoren. Große Fenster warfen lange Schatten auf den Boden, während die Fackeln an den Wänden ein warmes, flackerndes Licht verbreiteten.
„Du musst dich noch offiziell anmelden", erklärte Lexie, während sie eine Treppe hinaufstiegen. „Und der Direktor will sicher mit dir reden."
„Worüber?" fragte Enya, doch Lexie zuckte nur mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Aber jeder neue Schüler muss ins Sekretariat, also mach dir keine Sorgen."
Das Sekretariat lag am Ende eines langen Flurs. Es war ein heller Raum mit mehreren Schreibtischen, einer großen Pinnwand mit Schulinformationen und einem alten Holztresen. Eine freundliche Frau mit grauem Haar und einer kleinen Brille begrüßte sie.
„Ah, du musst Enya sein", sagte sie mit einem Lächeln und reichte ihr einen Pergamentbogen. „Füll das bitte aus. Der Direktor erwartet dich gleich."
Enya nahm den Fragebogen und ließ sich auf einen der Stühle fallen. Ihr Blick wanderte über die Fragen:
Name: Enya Valtara
Adresse: 1724 Silvercrest Lane
Seattle, WA 98116
USA
Geburtsdatum: 22.02.2006
Drachenart:
Sie hielt inne. Drachenart? Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie wusste es nicht. Sollte sie das einfach offen lassen? Oder etwas raten? Nach kurzem Zögern ließ sie das Feld leer und füllte den Rest aus. Danach gab sie den ausgefüllten Bogen zurück.
„Gut, dann kannst du jetzt zum Direktor", sagte die Sekretärin und deutete auf eine schwere Holztür.
Enya nahm einen tiefen Atemzug und klopfte an.
„Herein", ertönte eine ruhige Stimme.
Sie öffnete die Tür und betrat das Büro. Der Raum war riesig. Hohe Bücherregale erstreckten sich bis zur Decke, gefüllt mit alten, ledergebundenen Wälzern. Eine große Fensterfront ließ den Blick über den riesigen Schulhof schweifen. In der Mitte des Raumes stand ein schwerer Schreibtisch aus dunklem Holz. Dahinter saß ein Mann mit schulterlangen, silbergrauen Haaren und scharfen, aber freundlichen Augen.
„Willkommen, Enya", sagte er mit einer tiefen Stimme. „Ich bin Direktor Aurelian Embervale."
Sein Name klang mächtig – fast schon wie aus einer Legende.
„Setz dich."
Enya nahm vorsichtig auf dem ledernen Stuhl vor ihm Platz.
„Miss Sinclair hat mir erzählt, dass du nicht glaubst ein Drachenwandler zu sein. Außerdem sollst du noch Fragen diesbezüglich haben."
Sie nickte zögernd. „Ja. Ich verstehe es nicht ... Wie kann das sein?"
Direktor Embervale lehnte sich zurück und faltete die Hände.
„Weil Drachenwandler kein gewöhnliches Volk sind. Ihre Existenz reicht weit zurück, bis in die Zeit der ersten Drachenkriege. Es gibt eine Legende, die alles erklärt."
Er stand auf, ging zum Fenster und begann zu erzählen.
⸻
**„Es war Chaos. Überall Feuer, Rauch – und Drachen. Sie füllten den Himmel und den Boden, kämpften erbittert gegeneinander. Der Boden war aufgerissen, von Flammen verbrannt, die Luft erfüllt vom Brüllen der Bestien. Es war ein Krieg, in dem es keine Gnade gab. Manche Drachen wurden am Himmel von ihren Gegnern zerrissen, andere fielen auf den Boden, wo ihre Leiber verbrannt oder zerfetzt wurden.
Doch im Zentrum dieses Krieges standen zwei gewaltige Drachen – einer rot wie loderndes Feuer, der andere weißblau wie der erste Schnee des Winters. Sie waren mächtig, uralt und verbitterte Feinde.
Der Kampf zwischen ihnen dauerte Stunden, vielleicht Tage. Jeder Angriff ließ die Erde erbeben. Flammen und Eis trafen aufeinander, bis der Himmel selbst zu zerbersten schien.
Doch inmitten dieses Chaos wurde ein Kind geboren.
Ein Kind, das anders war als alle anderen. Seine Augen funkelten wie das Feuer der Drachen, und doch lag in ihnen eine Kälte, die den stärksten Sturm erstarren ließ. Man sagt, es war ein Kind der Legende, ein Kind, das das Schicksal der Drachen für immer verändern würde ..."**
⸻
Direktor Embervale machte eine Pause und sah Enya tief in die Augen.
„Diese Legende wird seit Jahrhunderten erzählt", sagte er schließlich. „Doch sie ist nur ein kleiner Teil der Geschichte unseres Volkes. Die Drachenwandler sind nicht nur Nachfahren der alten Drachen, sondern auch Teil eines großen Reiches."
Er trat vor eines der Bücherregale und zog ein altes Buch heraus. Als er es aufschlug, konnte Enya Zeichnungen von Drachen und Wappen erkennen.
„Die Drachenwelt ist in Ränge unterteilt – ähnlich wie in einem Rudel oder einem Königreich", fuhr er fort. „An der Spitze steht der König der Drachen, ein Wandler von unermesslicher Macht. Er herrscht über alle Drachenwandler und wacht über den Frieden zwischen den verschiedenen Clans."
Er blätterte eine Seite um, und Enya erkannte eine kunstvolle Zeichnung eines majestätischen Drachen mit einer Krone aus Flammen.
„Darunter stehen die Alphas – die Anführer der Clans. Sie sind die stärksten unter den Wandlern und führen ihre Gruppen mit Weisheit und Kraft. Ihnen folgen die Betas, ihre engsten Berater und Stellvertreter. Danach kommen die normalen Drachenwandler, die das Fundament unserer Gesellschaft bilden. Sie sind Krieger, Gelehrte, Heiler – jeder mit seiner eigenen Aufgabe."
Enya lauschte gebannt. Sie hatte keine Ahnung, dass es eine ganze Hierarchie unter den Drachenwandlern gab.
„Und was ist mit dem Königreich?" fragte sie neugierig.
Embervale nickte. „Das Drachenreich ist alt, älter als die meisten Reiche der Menschen. Es liegt verborgen, geschützt durch Magie und uralte Gesetze. Der derzeitige König, König Blackwood, herrscht seit Jahrzehnten mit Strenge, aber auch mit Gerechtigkeit. Doch nicht jeder akzeptiert seine Herrschaft ..."
Er ließ die letzten Worte in der Luft hängen, als wolle er nicht weiter darüber sprechen.
Enya lehnte sich zurück und ließ die Informationen auf sich wirken. Ein Drachenkönig? Eine verborgene Welt? Es klang alles unglaublich.
Nach einer kurzen Stille sah sie den Direktor an und fragte leise: „Glauben Sie an die Legende?"
Embervale lächelte leicht. „Ja. Ich glaube daran."
Enya schnaubte amüsiert. „Wäre cool, wenn es wahr wäre. Aber am Ende ist es ja nur eine Legende."
Embervale sagte nichts dazu, sondern musterte sie nur mit einem unergründlichen Blick.
„Danke für die Informationen", sagte Enya, als sie aufstand.
„Geh nun und ruh dich aus. Du hast noch viel vor dir."
Enya verließ das Büro und spürte, wie ihr Kopf von all den neuen Informationen schwirrte.
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Dragons Ich bin anders
FantasyJeder trägt ein Geheimnis in sich. Manche sind harmlos. Andere verändern dein ganzes Leben. Enya Valtara dachte immer, sie sei ein normales Mädchen - bis zu dem Tag, an dem sie nach Silver Stone gebracht wurde. Eine Schule voller Fremder, ein Ort, a...
