Die Wärme der Sonne lag noch auf Enyas Haut, als sie den Flugplatz verließ und sich auf den Weg zurück zum Wohngebäude machte. Ihre Gedanken rasten. Die Verwandlung, der Flug, das Gefühl der Freiheit – all das hätte sich triumphal anfühlen sollen. Doch da war etwas anderes, das sie nicht losließ.
Evan.
Sein Blick hatte sich tief in ihr Gedächtnis gebrannt. Er hatte sie beobachtet, das war ihr bewusst gewesen. Aber warum? Neugier? Erstaunen? Misstrauen? Sie hatte es nicht deuten können, doch etwas an seinem Ausdruck war merkwürdig gewesen – als hätte er etwas erkannt. Als hätte er etwas gesehen, was sie noch nicht sehen konnte.
Mit verschränkten Armen lief sie durch den langen, schwach beleuchteten Korridor, der sich vor ihr wie ein endloser Tunnel erstreckte. Die hohen Fenster zu ihrer Rechten spiegelten die Dämmerung wider, während die Fackeln an den Wänden ein unstetes Licht warfen. Plötzlich spürte sie es.
Ein Frösteln.
Nicht die übliche Kälte wie am Abend, sondern etwas anderes. Eine seltsame, kriechende Kälte, die sich wie feine Nadeln in ihre Haut bohrte. Sie verlangsamte ihren Schritt. Die Flammen der Fackeln flackerten stärker, als würde ein unsichtbarer Windhauch durch den Gang streichen.
Dann – ein leises Geräusch.
Ein Flüstern, kaum hörbar und doch deutlich genug.
„Enya..."
Ihre Muskeln erstarrten. Ihre Finger krallten sich in ihre Ärmel, als sie ihren Namen hörte. Die Stimme war tief und rau, fremd und doch...seltsam vertraut. Sie drehte sich hastig um – doch der Korridor hinter ihr war leer.
Ihr Atem ging schneller. Einbildung? Müdigkeit? Oder hatte sie tatsächlich...?
Wieder dieses Geräusch.
Ein Rauschen, ein Wispern, als würden tausend Stimmen gleichzeitig flüstern, ihre Worte jedoch unverständlich. Und dann – eine Bewegung im Schatten.
Enya trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Ihre Kehle war trocken. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust.
„Wer ist da?!" rief sie, doch ihre Stimme klang schwächer, als sie beabsichtigt hatte.
Keine Antwort.
Aber etwas war anders.
Die Schatten an den Wänden wirkten... tiefer. Dunkler. Sie schienen sich zu bewegen, sich auszudehnen, als würde sie den Korridor um sich herum verschlingen. Enya riss die Augen auf. Der Steinboden unter ihren Füßen fühlte sich plötzlich weicher an – als würde er nachgeben.
Und dann sah sie es.
Die Welt um sie herum zerbrach wie Glas. Die Mauern des Internats lösten sich auf, verschwanden in einer unnatürlichen Schwärze. Die Fackeln erloschen, das Licht erstarb. Alles wurde von einer düsteren, fremden Dunkelheit verschluckt.
Enya schnappte nach Luft. Ihre Beine fühlten sich schwer an, als wäre sie in zähflüssigem Teer gefangen.
Und dann, mitten in dieser leeren Schwärze – zwei Augen.
Nicht menschlich. Nicht drachenhaft. Etwas anderes. Leuchtend, unheimlich, fremdartig.
Sie fühlte eine Präsenz. Eine Kraft, uralt und gewaltig, die sie zu durchbohren schien.
Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter.
Dann – ein Schlag gegen ihre Brust. Unsichtbar, aber stark.
Sie keuchte auf, stolperte nach hinten – und blinzelte.
Der Korridor war wieder da. Die Mauern, die Fackeln, das Licht – alles stand unverändert an seinem Platz. Doch ihre Knie zitterten, ihr Herz schlug zu schnell. Hatte sie sich das eingebildet? War es eine Vision gewesen? Eine Warnung?
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Dragons Ich bin anders
FantasiJeder trägt ein Geheimnis in sich. Manche sind harmlos. Andere verändern dein ganzes Leben. Enya Valtara dachte immer, sie sei ein normales Mädchen - bis zu dem Tag, an dem sie nach Silver Stone gebracht wurde. Eine Schule voller Fremder, ein Ort, a...
