Erbe

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Es war dunkel.

Nicht nur die Dunkelheit der Nacht.
Nicht nur das vertraute, samtige Schwarz hinter geschlossenen Lidern.
Sondern ein bodenloses Nichts. Eine Leere, die nicht atmete. Kein Anfang, kein Ende. Kein Licht. Kein Geräusch.

Nur Stille.

Und Enya.

Sie lag dort, zusammengerollt wie ein verletztes Tier. Ihre Knie an die Brust gezogen, die Arme eng um sich geschlungen, als könne sie sich selbst davor bewahren, auseinanderzubrechen.
Doch sie war längst zerbrochen.

Innen.

Ihre Haut heilte. Langsam, mühselig – mit jeder Stunde, mit jedem Tag ein wenig mehr.
Aber ihre Seele...
Ihre Seele war zersplittert wie Glas, über das jemand mit nackten Füßen gelaufen war. Immer wieder.

Worte.
Schmerzen.
Schreie.

Sie hörte sie noch. Rief sie zurück, als wären sie die einzigen Dinge, die sie festhalten konnte.
Die eisige Kälte, die durch ihren Körper kroch, als sie gefesselt am Boden lag.
Die metallenen Ketten, schwer und fest wie Urteile.
Die Schatten, die um sie herumflüsterten, als wollten sie sich in sie hineinfressen.
Der Schmerz – oh Götter, der Schmerz.

Sie hatten keine Waffen gebraucht, keine Folterwerkzeuge.
Sie hatten mit Worten gearbeitet. Mit Magie, die sich anfühlte wie Schlingen um ihre Gedanken und ihren Körper.

Sie hatten sie gezwungen, sich selbst zu sehen – als Werkzeug, als Schlüssel.
Sie hatten versucht, ihr das Letzte zu nehmen, was ihr noch gehörte: ihr Selbst. Ihre Überzeugung. Ihre Wahrheit.

Und sie hatten beinahe gewonnen.

Denn nun war sie hier.
Im Nichts.
In der Schwärze.

„Ich kann nicht mehr", dachte sie.

Vielleicht war es besser so.
Vielleicht war Schweigen sicherer.
Vielleicht war Vergessen ein Geschenk.

Die Leere war erbarmungslos – aber ehrlich.

Kein Urteil.

Kein Blick.

Keine Berührung.

Nur Stille.

Und der gleichmäßige Takt ihres schlagenden Herzens – als würde es aus Gewohnheit weitermachen, obwohl sie längst aufgegeben hatte.

Dann – kaum spürbar – etwas.
Ein Zittern in der Dunkelheit.
Ein Hauch.

„...Enya"

Die Stimme zerschnitt die Dunkelheit nicht. Sie schwebte hinein, sachte, wie Nebel.
Leise.
Zaghaft.

Lexie.

Und andere.
Stimmen, die sie kannte.
Geliebte Stimmen, vertraut und warm.
Doch Enya hörte sie wie durch eine dicke Wand.

Dumpf.

Entfernt.

Nicht real.

Sie fühlte nichts dabei. Keine Freude. Keine Hoffnung.
Nur diese allumfassende Leere.

„Geht weg..." hätte sie sagen wollen. „Ich will nicht zurück."
Aber Worte kamen keine. Nicht einmal in Gedanken.

Die Stimmen verklangen.
Zeit verging. Oder stand still. Oder verfloss gar rückwärts.

Dann...
Eine andere Stimme.

Tiefer.

Wärmer.

Ein Laut, der ihr innerstes erzittern ließ, bevor ihr Verstand begriff, warum.

Dragons Ich bin andersWo Geschichten leben. Entdecke jetzt