Enya wusste, dass sie anders war.
Nicht, weil sie es fühlen konnte. Nicht, weil jemand es ihr gesagt hatte.
Sondern, weil Dinge passierten, wenn sie wütend wurde.
Und Wut war eine vertraute Begleiterin in ihrem Leben.
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Der Bus ruckelte über die nasse Straße, während Enya ihren Blick starr aus dem Fenster gerichtet hielt.
Jeden Morgen dieselbe Fahrt. Dieselben Gesichter. Dieselben flüchtigen Blicke, die über sie huschten, als wäre sie unsichtbar – oder als hätte man Angst, sie zu lange anzusehen.
Sie zog die Beine an und umklammerte die Träger ihres Rucksacks. Je kleiner sie sich machte, desto weniger Aufmerksamkeit würde sie auf sich ziehen. Theoretisch.
Das Problem war nur: Es gab Menschen, die es liebten, sie zu bemerken.
Der Bus stoppte. Ein paar Schüler stiegen ein, darunter Victoria.
Victoria war das Mädchen, das jeder mochte – oder es zumindest besser fand, so zu tun. Lange, perfekt fallende blonde Haare, ein strahlendes Lächeln, das sie nach Belieben ein- und ausschalten konnte, und eine Aura, die keinen Widerspruch duldete. Sie war schön. Reich. Unantastbar.
Und sie hasste Enya.
Keiner wusste genau, warum. Vielleicht hatte Victoria einfach Spaß daran, ein Opfer zu haben. Jemanden, an dem sie ihre Launen auslassen konnte.
Enya versuchte, ihren Kopf weiter zu senken, doch es war zu spät.
„Oh, guckt mal", sagte Victoria, während sie mit ihren Freundinnen den Gang entlanglief. „Da sitzt ja unser kleiner Freak."
Gelächter.
Enya sagte nichts. Sie wusste, dass es nur schlimmer wurde, wenn sie reagierte.
„Bist du auf dem Weg zu deiner Hexenversammlung? Oder hast du endlich gelernt, wie man mit Menschen redet?"
Noch mehr Gelächter. Jemand stieß gegen ihren Sitz. Enya biss die Zähne zusammen und starrte weiterhin aus dem Fenster.
Bald ist es vorbei, sagte sie sich. Einfach ignorieren.
Doch Victoria hatte heute wohl keine Lust, ignoriert zu werden.
„Was ist? Sag doch mal was!" Sie packte Enyas Kapuze und zog kräftig daran, sodass Enyas Kopf nach hinten gerissen wurde.
Ein Schmerz schoss durch ihren Nacken, aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war das Gefühl, das sich tief in ihr regte – dieses gefährliche, heiße Brennen.
Nicht jetzt. Nicht hier.
Mit aller Kraft zwang Enya sich, ruhig zu bleiben. Doch als der Bus endlich vor der Schule hielt und sie hastig ausstieg, wusste sie, dass dieser Tag nicht gut enden würde.
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Der Unterricht verlief, wie er immer verlief. Die Stunden zogen sich endlos, und Enya zählte die Minuten, bis sie nach Hause konnte.
Doch in der letzten Pause passierte es.
Sie wollte gerade ihre Bücher aus dem Spind nehmen, als sie den Fehler machte, sich umzudrehen.
Victoria stand direkt hinter ihr.
„Na, hast du mich vermisst?" Ein süffisantes Lächeln lag auf ihren Lippen. Um sie herum standen ihre beiden engsten Freundinnen – Lina und Sophie.
Enya seufzte. „Lass mich in Ruhe, Victoria."
„Oh, sie redet tatsächlich." Victoria legte gespielt überrascht eine Hand an ihre Brust. „Wie aufregend."
Enya wollte an ihr vorbei, doch in dem Moment packte Victoria sie am Arm. Hart.
„Wir sind noch nicht fertig, Freak."
Enya wollte sich losreißen, aber Victoria war schneller. Mit einem kräftigen Ruck schleuderte sie Enya gegen die Spinde. Ein dumpfer Knall hallte durch den Flur, als ihr Rücken auf das Metall traf. Schmerz schoss durch ihre Schulter.
Ein paar Schüler blieben stehen, doch keiner griff ein. Keiner wollte sich mit Victoria anlegen.
„Lass mich los!" Enyas Stimme bebte vor unterdrücktem Zorn.
Doch Victoria lachte nur. „Oder was? Willst du mich mit deinem magischen Blick verfluchen?"
Sophie kicherte. Lina zog Enyas Rucksack von ihrer Schulter und warf ihn auf den Boden.
Etwas in Enya riss.
Es begann tief in ihrer Brust. Ein leises Grollen, das nur sie hören konnte. Ein Prickeln, das sich durch ihre Adern zog.
Nicht jetzt. Nicht jetzt.
Doch dann griff Victoria nach ihrem Halsband. Ein schlichtes schwarzes Band mit einem kleinen, goldenen Anhänger – das Einzige, was sie noch von ihrer Mutter hatte.
„Was ist das? Hast du da etwa etwas zu verbergen?"
Victoria zog daran – und in dem Moment explodierte Enya.
Nicht wörtlich.
Aber der Boden unter ihnen vibrierte. Ein tiefes, unheimliches Grollen breitete sich aus, als würde etwas weit unter der Schule erwachen. Die Neonlichter über ihnen flackerten. Die Luft wurde heiß.
Zu heiß.
Enya schnappte nach Luft. Ihre Haut fühlte sich an, als würde sie brennen – als würde sich etwas unter der Oberfläche bewegen, das nicht mehr zurückzuhalten war.
Victoria wich einen Schritt zurück. „Was zum...?"
Enya sah ihre eigene Hand. Sie glühte.
Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, goldene Schuppen zu sehen, die über ihre Finger huschten – doch dann wurde alles schwarz.
⸻
Als sie wieder zu sich kam, lag sie nicht mehr in der Schule.
Der Geruch von Regen und feuchtem Laub lag in der Luft. Enya blinzelte und spürte, wie sich ein dumpfer Schmerz durch ihren Kopf zog. Ihre Finger gruben sich in kaltes Gras, ihr Körper fühlte sich schwer an, als wäre sie stundenlang gefallen.
Wo war sie?
Sie setzte sich mühsam auf und sah sich um. Um sie herum ragten uralte Bäume in den Himmel, ihre Stämme von Moos überzogen. Es war dunkel, nur das fahle Licht des Mondes drang durch das Blätterdach.
Und dann sah sie ihn.
Ein junger Mann lehnte lässig an einem Baum, die Arme vor der Brust verschränkt. Er trug dunkle Kleidung, sein Gesicht war halb im Schatten verborgen. Aber seine Augen – sie waren das Einzige, was Enya klar erkennen konnte. Tief, golden und unergründlich.
„Endlich wach", sagte er ruhig. Seine Stimme war sanft, aber mit einem Hauch von Ungeduld.
Enya versuchte sich zu konzentrieren. „Wer... bist du?" Ihre eigene Stimme klang heiser.
Er trat einen Schritt näher, und mit jeder Bewegung wirkte es, als wäre er nicht ganz... menschlich. Seine Präsenz war zu intensiv, zu raubtierhaft.
„Das spielt keine Rolle", sagte er. „Was zählt, ist, dass du jetzt da bist."
„Wo ist ‚da'?" Sie versuchte aufzustehen, doch ihr Körper war immer noch zu schwach.
Der Fremde betrachtete sie einen Moment lang, als würde er überlegen, wie viel er ihr sagen sollte. Dann kniete er sich neben sie, griff sanft nach ihrer Hand – und Enya spürte es.
Ein Prickeln, das tief in ihre Haut drang, als würde etwas Altes, längst Vergessenes in ihr erwachen.
„Silver Stone", sagte er schließlich leise. „Das ist der Ort, an den du gehörst."
Bevor sie protestieren konnte, wurde ihr plötzlich schwarz vor Augen.
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Dragons Ich bin anders
FantastikJeder trägt ein Geheimnis in sich. Manche sind harmlos. Andere verändern dein ganzes Leben. Enya Valtara dachte immer, sie sei ein normales Mädchen - bis zu dem Tag, an dem sie nach Silver Stone gebracht wurde. Eine Schule voller Fremder, ein Ort, a...
