Enya folgte Lexie durch die langen, verwinkelten Gänge des Internats. Der Duft von frisch gebackenem Brot und warmem Essen lag in der Luft, als sie die Mensa betraten. Die Geräusche von Gesprächen, Lachen und dem Klirren von Geschirr erfüllten den Raum, doch für Enya fühlte sich alles fremd an.
„Das ist der große Speisesaal", erklärte Lexie und deutete auf die riesige Halle, die mit langen Holztischen und Bänken bestückt war. „Hier essen alle. Und hier wirst du meine Freunde kennen lernen. Du musst wissen das sie alle einfach toll sind. Du wirst sie mögen."
„Ich weiß noch nicht, was ich von dem ganzen Zeug halten soll", murmelte Enya und folgte Lexie, die bereits zielstrebig auf einen Tisch zu steuerte.
Am Tisch saßen bereits mehrere andere Schüler. Lexie setzte sich und klopfte auf den Platz neben ihr. „Komm, setz dich zu uns! Du musst dir unsere Bande mal anschauen."
Enya setzte sich vorsichtig und musterte die Gruppe. Zwei Jungs, Zwillinge, saßen nebeneinander. Beide hatten braune Haare und sahen sich fast zum Verwechseln ähnlich, doch gab es einen kleinen Unterschied. Dan, der links saß, hatte strahlend grüne Augen, während Liams Augen von einem klaren Blau waren. Beide waren kräftig gebaut und schienen sehr sportlich.
„Das sind Liam und Dan", stellte Lexie sie vor. „Und das hier sind Vio, Tete und Jojo."
Vio war die Erste, die sich meldete. Ihre langen, schwarzen Haare glänzten fast lilafarbend, und ihre lilafarbenen Augen schienen Enya aufmerksam zu mustern. „Du bist also die Neue? Cool." Sie nickte leicht und schickte ihr ein freundliches Lächeln.
Tete saß neben ihr, ein wenig abseits, mit einer schüchternen Miene. Ihre langen Beine streckten sich unter dem Tisch, und sie spielte nervös mit einem ihrer Piercings, während sie sich nicht ganz sicher schien, ob sie Enya ansprechen sollte.
Jojo, die am Ende des Tisches saß, war die Aufgeschlossenste. Sie hatte helles blondes Haar und ein strahlendes, herzliches Lächeln. „Hi, ich bin Jojo! Schön, dich kennenzulernen! Wie geht's dir? Wie findest du Silver Stone bis jetzt?"
„Es... ist alles ein bisschen viel", antwortete Enya, unsicher, wie sie das alles einordnen sollte. „Ich hatte nicht wirklich erwartet, dass ich in einer Schule für... Drachenwandler lande."
„Haha, das geht uns allen so", lachte Liam. „Der erste Tag ist immer ein bisschen überwältigend."
„Ja, du wirst dich schnell daran gewöhnen", fügte Dan hinzu, der sich zu Enya umdrehte. „Ich weiß ich bin neugierig, aber was für ein Drache bist du eigentlich?"
„Ich... weiß es nicht", gestand Enya und ließ ihre Gabel sinken. „Ich habe keine Ahnung. Ich wusste bis vor 20 Minuten nicht einmal das es Drachenwandler gibt."
„Das ist nicht ungewöhnlich", erklärte Vio mit einem wissenden Blick. „Die meisten wissen erst zu Beginn des Schuljahres, welche Art Drache sie sind. Die meisten können sich nicht verwandeln, bevor sie ihre Ausbildung hier beginnen."
„Aber es gibt auch die, die schon vorher eine Ahnung haben, da die meisten in ihrer Familie die gleiche Art sind oder sie haben sich im Ausnahmefall vorher schon einmal verwandelt.", sagte Jojo und legte ihre Hand auf Enyas Arm. „Mach dir keine Sorgen, du wirst es bald herausfinden. Wir alles wissen es auch noch nicht, außer Lexie. Obwohl das auch nicht ganz stimmt."
„Stimmt!", sagte Lexie. „Ich weiß es zwar nicht zu 100%, aber meine ganze Familie besteht aus Wasserdrachen. Ich gehe mal davon aus, das ich auch einer bin."
Enya nickte, interessiert aber auch in Gedanken. Vielleicht würde sie nie erfahren, welche Drachenart sie war oder vielleicht war sie überhaupt keine Drachenwandlerin. Vielleicht hatte die Schule bei ihr einen Fehler gemacht.
Plötzlich öffnete sich die Tür der Mensa und ein Mädchen trat ein, das die Aufmerksamkeit aller sofort auf sich zog.
Sie war groß, schlank und bewegte sich mit einer Grazie, die alles und jeden anderen in den Schatten stellte. Ihre blonden Haare fielen in sanften Wellen über ihre Schultern, und ihre Haltung war stolz und selbstbewusst. Sie trug eine teure, fast protzige Jacke, wahrscheinlich von Gucci und ihr Blick war so kühl, dass es Enya fast frösteln ließ.
„Ah, Jane", murmelte Lexie und verdrehte die Augen. „Die Queen der Schule."
Jane kam geradewegs auf sie zu und trat an den Tisch, ohne die Gruppe auch nur zu beachten. Sie fixierte Enya mit einem scharfen Blick und setzte sich direkt gegenüber von ihr. „Du bist also die Neue." Ihre Stimme war ruhig, aber dennoch durchdringend. „Ich dachte mir, ich stelle mich mal vor, so nett wie ich bin. Dabei kann ich dich direkt über alles Aufklären."
„Worüber?" Enya fühlte sich unwohl. Was wollte dieses Mädchen?
„Silver Stone ist kein Ort für Loser.", sagte Jane und legte ihre, wohl sehr teure Designertasche auf den Tisch. „Du solltest wissen, dass ich hier das Sagen habe. Und du solltest dich besser von mir fernhalten."
Enya schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wovon du redest."
„Ach, du wirst es schon noch lernen", sagte Jane mit einem kalten Lächeln. „Vor allem, was meinen Verlobten betrifft. Du solltest dich nicht an ihn heranmachen."
„Dein Verlobter?" Enya fühlte sich verwirrt.
„Der unglaublich gutaussehende Typ da drüben, ist mein Verlobter.", sagte Jane und deutete auf einen Jungen, der gerade durch die Tür kam. Er war groß, mit dunkelbraunen Haaren und einem verschämt gut aussehenden Gesicht. Er war breit gebaut und strahlte nur so vor Selbstbewusstsein. Jedoch auch vor Langeweile. Die anderen schienen ihn sofort zu erkennen und murrten leise.
„Das ist Evan Blackwood.", erklärte Jojo flüsternd. „Er ist... na ja, der zukünftige König."
„Korrekt. Das macht mich zur zukünftigen Königin. Also sei schön brav und halte dich von ihm und mir fern.", wiederholte Jane mit einem süffisanten Lächeln. „Es wäre schade, wenn du schon am ersten Tag einen Fehler machst und sie dich wieder rauswerfen müssten, oder?"
Enya spürte, wie sich ihre Fäuste unwillkürlich ballten. Warum nervte dieses Mädchen sie? Sie hatte doch gar nichts mit denen zu tun. Doch sie sagte nichts. Vielleicht war es besser, erst einmal abzuwarten und zu sehen, wie sich alles entwickeln würde.
„Komm, lass uns essen", sagte Jojo und drückte Enya leicht an der Schulter. „Die Leute hier sind nicht alle so wie Jane. Du wirst schnell herausfinden, mit wem du dich abgeben solltest und mit wem nicht."
Enya nickte und zwang sich zu einem Lächeln. Doch in ihrem Kopf brummte es. Jane Blackwood, die Königin der Schule, und Evan Blackwood, der zukünftige König. Es schien, als würde es in Silver Stone nie langweilig werden.
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Dragons Ich bin anders
FantasíaJeder trägt ein Geheimnis in sich. Manche sind harmlos. Andere verändern dein ganzes Leben. Enya Valtara dachte immer, sie sei ein normales Mädchen - bis zu dem Tag, an dem sie nach Silver Stone gebracht wurde. Eine Schule voller Fremder, ein Ort, a...
