POV: Evan
Evan konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal geschlafen hatte.
Nicht richtig.
Nicht ohne den bitteren Geschmack von Schuld im Mund und das beklemmende Gefühl, zu spät zu sein.
Sie hatten Enya monatelang gesucht.
Monate.
Und jetzt, wo sie endlich hier war – wo sie endlich in Sicherheit war –, fühlte es sich nicht wie ein Sieg an.
Es fühlte sich an wie eine Niederlage.
Evan stand in der Dunkelheit und starrte durch das große Fenster hinaus. Draußen hing der Mond schwer am Himmel, sein fahles Licht warf lange Schatten in sein Zimmer. Direkt neben dem Gästezimmer. Das Gästezimmer, in dem Enya lag.
Oder besser gesagt: Das, was von ihr übrig war.
Er presste die Lippen zusammen und rieb sich mit zwei Fingern über die Stirn.
Die Bilder der letzten Nacht ließen ihn nicht los. Sie hatten sich in seinen Schädel gebrannt, wie ein unauslöschliches Mal.
Der Moment, in dem sie sie gefunden hatten.
Das Versteck der Schattenwesen war tief unter der Erde verborgen, abgeschottet von der Welt. Es hatte Wochen gebraucht, um überhaupt eine Spur zu finden – und dann noch länger, um sich sicher zu sein, dass sie dort war.
Evan war der Erste gewesen, der in den Kerker gestürmt war.
Er würde dieses Bild nie vergessen.
Der Keller war feucht, modrig, die Luft dick von Blut und Schweiß. Als sie die Tür aufgebrochen hatten, hatte sich die Dunkelheit wie eine lebendige Kreatur an ihnen festgekrallt. Das schwache Licht der Fackeln enthüllte eine Zelle, karg, kalt – und an der Wand, an Ketten gefesselt, war eine Gestalt, so still, dass er sie im ersten Moment gar nicht als Enya erkannt hatte.
Die dunklen Ketten, die sich in ihre Handgelenke gegraben hatten.
Die blasse, wächserne Haut.
Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihrem Körper, ihre einst stolze Haltung war verschwunden. Sie saß auf dem kalten Steinboden, ihr Kopf war gesenkt, ihr Haar – früher glänzend und lebendig – war verfilzt, stumpf, verklebt mit Schmutz und Blut. Ihre Arme waren mit Schnitten übersät, alte Wunden, neue Wunden, manche noch offen, andere bereits vernarbt.
Die tiefen, dunklen Schatten unter ihren geschlossenen Augen.
Sie hatte so still dargelegen, dass er für einen furchtbaren Moment gedacht hatte, sie wäre tot.
Und dann ... dann war ihm aufgefallen, dass sie atmete.
Flach. Schwach. Aber sie lebte.
Sein Herz hatte sich zusammengezogen, als er sich neben sie gekniet hatte.
„Enya."
Keine Reaktion.
„Ich werde dich hier rausholen", flüsterte er leise.
Er hatte ihre Fesseln gelöst, hatte ihren Körper in seine Arme gezogen, sie war leicht, viel zu leicht– und sie hatte sich nicht einmal gewehrt.
Das war der Moment gewesen, in dem ihm klar wurde, dass sie nicht nur körperlich gebrochen war.
Sie hatte aufgegeben.
———
Als sie wieder im Internat ankamen, waren Enyas Freunde sofort da.
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Dragons Ich bin anders
FantasyJeder trägt ein Geheimnis in sich. Manche sind harmlos. Andere verändern dein ganzes Leben. Enya Valtara dachte immer, sie sei ein normales Mädchen - bis zu dem Tag, an dem sie nach Silver Stone gebracht wurde. Eine Schule voller Fremder, ein Ort, a...
