Die Vormittagssonne tauchte das Zimmer in ein warmes, sanftes Licht. Staubpartikel tanzten in der Luft, während ein leichter Wind durch das halb geöffnete Fenster strich und die Vorhänge zum Flattern brachte. Doch Enya nahm all das kaum wahr.
Sie lag auf dem Rücken, die Decke über ihr verschwamm vor ihren Augen, während ihre Gedanken immer wieder um dieselbe Frage kreisten:
Was war letzte Nacht passiert?
Die Vision. Die dunklen, verfallenen Mauern. Diese schrecklichen Augen, die aus der Finsternis aufgetaucht waren, als würden sie sie direkt ansehen.
Aber das war nicht alles.
Evan.
Enya drehte sich unruhig auf die Seite und presste die Stirn gegen das kühle Kopfkissen. In ihrem Gesicht brannte eine leichte Röte. Warum, verdammt noch mal, dachte sie ausgerechnet an ihn?
Es war diese eine Sekunde gewesen. Dieser Moment, in dem sie in der Dunkelheit seines Blicks gefangen gewesen war, als die Luft zwischen ihnen wie aufgeladen schien.
War das echt gewesen? Oder hatte sie sich das nur eingebildet?
Sie biss sich auf die Lippe. Nein. Das war nicht echt. Es war nur... eine unglückliche Situation. Sie waren eingesperrt gewesen, dicht an dicht, in einem winzigen Abstellraum. Kein Wunder, dass sich ihr Körper seltsam angefühlt hatte. Das hatte nichts mit Evan zu tun.
Oder?
Sie seufzte leise und drehte sich wieder auf den Rücken.
Das konnte nicht sein. Es war Evan Blackwood. Der Prinz von Valdris. Arrogant. Geheimnisvoll. Unausstehlich.
„Okay, was ist los mit dir?"
Enya zuckte erschrocken zusammen. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Lexie sich auf ihr Bett gesetzt hatte. Ihre beste Freundin betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen, den Kopf leicht schief gelegt.
„Was meinst du?" fragte Enya, bemüht um eine neutrale Stimme.
Lexie hob eine Augenbraue. „Du bist seit dem Frühstück komisch drauf. Du hast kaum gegessen, du hast sogar Jane keinen schlechten Kommentar hinterhergeworfen – was, mal ehrlich, echt verstörend war – und du siehst aus, als wärst du in Gedanken irgendwo ganz anders."
„Vielleicht bin ich einfach müde."
Lexie schnaubte. „Ha! Als ob du müde wärst. Du hast irgendwas auf dem Herzen, und ich werde es rausfinden."
„Glaub mir, du willst es nicht wissen."
„Enya." Lexie sah sie eindringlich an. „Ich bin deine beste Freundin. Und beste Freundinnen teilen alles."
Nicht alles, dachte Enya sofort.
„Bitte? Bitte, bitte, bitte?" Lexie legte die Hände aneinander und machte ein flehendes Gesicht.
„Nein."
„Ich flehe dich an!"
„Lexie, nein."
Lexie presste eine Hand auf ihr Herz. „Dann werde ich wohl oder übel sterben! Wirklich! Ich fühle, wie mein Herz bricht... ich werde zu Boden sinken... meine letzten Worte werden nur ein Flehen sein....—"
„Hör auf!" Enya lachte und schob sie spielerisch weg.
Lexie grinste siegessicher an. „Also?"
Enya seufzte. Sie wusste, dass Lexie nicht aufgeben würde.
„Na schön. Ich erzähl's dir."
Lexie setzte sich sofort aufrechter hin, bereit, jedes Wort in sich aufzusaugen.
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Dragons Ich bin anders
ФэнтезиJeder trägt ein Geheimnis in sich. Manche sind harmlos. Andere verändern dein ganzes Leben. Enya Valtara dachte immer, sie sei ein normales Mädchen - bis zu dem Tag, an dem sie nach Silver Stone gebracht wurde. Eine Schule voller Fremder, ein Ort, a...
