POV: Evan
Er hatte sich diesen Moment hundertmal ausgemalt.
Und in keinem seiner Gedanken war er bereit gewesen.
Die Nachricht erreichte ihn wie ein Donnerschlag. Es durchzuckte seinen kompletten Körper, von den Zehenspitzen bis hin ins letzte kleine Haar. .
„Sie ist wach."
Er hatte das erste Mal seit Wochen geschlafen. Richtig geschlafen. Kein wacher Dämmerzustand, kein nervöses Drehen im Bett. Tief, schwer und erschöpft war er auf der Couch im Arbeitsraum eingeschlafen, ein Buch über magische Versiegelungen halb aufgeschlagen auf seiner Brust, die Seiten durchzogen von Notizen, Kritzeleien und Satzfragmenten, die er in der Hoffnung festgehalten hatte, irgendetwas würde endlich Sinn ergeben.
Doch kein Buch, kein Text, kein alter Kodex hätte ihn auf das vorbereiten können, was ihn in diesem Moment traf.
Evan war losgerannt, ohne es bewusst zu entscheiden. Seine Beine hatten sich bewegt, sein Körper war schneller gewesen als seine Gedanken. Und jetzt – jetzt rannte er. Durch die Flure der Akademie, vorbei an Schülern, Lehrern, flüchtigen Stimmen, die sich drehten und verfolgten, als wollten sie ihn zurückrufen. Doch er hörte nichts. Nicht wirklich.
Enya.
Ihr Name war der Takt in seinem Brustkorb.
Drei Monate.
Drei endlose, leere, beklemmende Monate, in denen sie zwischen den Welten geschwebt hatte. In denen ihr Körper auf einer Krankenstation lag, blass, unbewegt, und doch irgendwie – da. Und gleichzeitig so fern, dass es ihn innerlich zerriss.
Er hatte sie nicht loslassen können. Kein einziges Mal.
Auch wenn andere irgendwann damit begannen, sich zurückzuziehen – zu glauben, dass man nichts mehr tun konnte. Selbst Lexie war irgendwann stiller geworden, hatte sich zurückgezogen, war in ihre eigene Grübelei verschwunden.
Nur Evan war geblieben. Tag für Tag hatte er sich weiter hineingearbeitet. In Archive, in Bücher, in Magie. In Legenden, die kaum einer mehr zu lesen wagte. Alles in der Hoffnung, etwas zu finden – ein Fragment, ein Hinweis, ein Fetzen der Wahrheit über das Siegel. Über Enya. Über das, was mit ihr geschehen war.
Und jetzt – war sie wach.
Die Tür zur Krankenstation war halb offen.
Ein Sonnenstrahl fiel durch das Fenster auf den Boden im Flur – ein seltener, goldener Streifen Licht, der den Raum davor fast heilig erscheinen ließ.
Evan blieb für einen Sekundenbruchteil stehen. Nur eine Sekunde.
Er hörte Stimmen – verhalten, aufgeregt, gedämpft wie durch Wasser.
Lexie war da. Ihre Stimme erkannte er sofort. Ein Lachen, das in Tränen überging.
Tete, Jojo, Vio, Dan, Liam – sie alle waren dort.
Und mittendrin eine andere Stimme. Leiser. Fast nur ein Hauch.
Enya.
Er trat ein.
Die Luft im Raum war warm, erfüllt von einem Duft nach Lavendel und Heilsalben. Die Vorhänge standen halb offen, der Stoff bewegte sich sanft im Wind. Es war hell – nicht grell, sondern ruhig. Friedlich. Die Geräusche der Welt draußen schienen weit entfernt.
Sie lag im Bett.
Blass. Ihre Haut fast durchscheinend, als hätte jede Farbe, jeder Ton sie verlassen. Aber ihr Atem hob sich. Gleichmäßig. Ihre Augen waren offen. Nicht mehr leer – sondern wach.
Und sie sah ihn an.
Als hätte sie nur auf ihn gewartet.
Für einen Moment blieb er wie angewurzelt stehen. Seine Hand krampfte sich um den Türrahmen, sein Herz schlug so laut, dass er sicher war, jeder im Raum müsste es hören.
Doch niemand sprach ihn an. Alle drehten sich zu ihm, doch keiner sagte etwas.
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Dragons Ich bin anders
FantasyJeder trägt ein Geheimnis in sich. Manche sind harmlos. Andere verändern dein ganzes Leben. Enya Valtara dachte immer, sie sei ein normales Mädchen - bis zu dem Tag, an dem sie nach Silver Stone gebracht wurde. Eine Schule voller Fremder, ein Ort, a...
