Der Moment der Wahrheit

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Der Raum war erfüllt von einer elektrischen Spannung, als Enya und die anderen Schüler um den Drachenkäfig standen. Ihr Herz raste, und der Drang, endlich zu erfahren, welche Drachenform in ihr schlummerte, wurde fast unerträglich. Doch bevor es soweit war, spürte sie wieder die vertrauten Stimmen in ihrem Kopf – Bran und Skadi.

>>„Du solltest dich für mich entscheiden"<<

Meldete sich Bran sofort, seine Stimme wie immer tief und selbstbewusst.

>>„Ich bin stark, ich kann dir helfen, die Kontrolle zu behalten. Du weißt, dass du das brauchst."<<

Enya schloss für einen Moment die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. „Du bist zu... aufdringlich", dachte sie in seine Richtung. „Immer dieses Ego-Gehabe, das ist nicht gerade beruhigend."

>>„Weil du mir nicht vertraust"<<

Entgegnete Bran, seine Worte schärfer als zuvor.

>>„Du wirst sehen, was passiert, wenn du dich für sie entscheidest. Skadi mag ruhig sein, aber sie ist nicht stark genug, dich durch diesen Moment zu bringen."<<

Enya seufzte und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, als sie die andere, ruhigere Stimme vernahm.

>>„Du musst dich nicht entscheiden, weil einer von uns laut ist"<<

Sagte Skadi, ihre Worte sanft, aber bestimmt.

>>„Ich werde dir nichts aufzwingen, Enya. Du wirst selbst wählen, und das ist in Ordnung. Ich werde dich begleiten, wenn du es möchtest. Aber du kannst auch auf dich selbst hören. Du bist nicht allein, auch wenn Bran das behauptet."<<

„Aber ich...Ich weiß doch gar nicht wieso ich mich entscheiden soll!", antwortete Enya, unsicher, welche Entscheidung sie treffen sollte. „Wieso streitet ihr? Und was habt ihr damit zu tun?"

>>„Wir sind deine inneren Drachen, Enya."<<

Kam von Skadi. Meine inneren Drachen? Also kann man mit ihnen sprechen? Dann war ich ja wirklich eine Drachenwandlerin!

>>„Ja, das ist alles normal. Aber was nicht normal ist, ist das man mehr als nur einen hat. Das gibt es so nicht."<<

Ich war genervt. Also war ich wieder mal nicht normal. Wieso denn immer ich. „ Ok, dann verstehe ich es jetzt. Außerdem gibst du mir das Gefühl, dass ich diese Sache selbst in der Hand habe."

Skadi lachte leise in Enyas Kopf.

>> „Genau, das ist es. Du hast die Kontrolle. Es geht nicht darum, einen Drachen zu bändigen, sondern darum, im Einklang mit ihm zu sein. Dein Drachenwandler-Dasein ist ein Teil von dir, nicht etwas, das du erobern musst."<<

>>„Hör auf, sie für dich zu gewinnen!"<<

Warf Bran ungeduldig ein.

>>„Du kannst mir vertrauen, Enya. Die Entscheidung wird dir leichter fallen, wenn du die Stärke in mir siehst."<<

„Ich will das irgendwie nicht", dachte Enya, fast verzweifelt. „Aber... ich denke, ich kann dich nicht nehmen, Bran. Du bist... zu aggressiv. Ich werde Skadi wählen."

Ein bitterer Hauch von Missfallen wehte durch ihren Geist.

>>„Du machst einen Fehler"<<

Warnte Bran, seine Stimme nun merklich kühler.

>>„Komm nicht und bettel mich um Hilfe an."<<

Doch Enya war sich sicher. Skadi hatte ihr Vertrauen gewonnen. Sie war ruhig, aber auf keinen Fall schwach. Enya hatte das Gefühl, dass sie mit Skadi in der Lage sein würde, die Drachenkraft zu entfalten und zu kontrollieren.

„Ich habe mich entschieden", dachte Enya mit fester Entschlossenheit. „Skadi, ich wähle dich."

Skadi reagierte mit einer leisen, beruhigenden Antwort.

>>„Weise Entscheidung, Enya. Wir werden es gemeinsam schaffen."<<

Bran schwieg. Die Stille in ihrem Kopf war jetzt fast bedrückend, doch Enya wusste, dass sie das Richtige getan hatte.

Enya spürte noch das Echo von Bran und Skadis Worten in ihrem Geist, als eine kräftige Hand sich auf ihre Schulter legte.

„Miss Valtara?" Die tiefe Stimme von Direktor Embervale riss sie endgültig aus ihren Gedanken. Sie blinzelte und sah ihn an. Seine sturmgrauen Augen musterten sie aufmerksam. „Sind Sie bereit, weiterzumachen?"

Sie schluckte und nickte langsam. Ihre Finger waren immer noch leicht verkrampft, die Nervosität ließ kein bisschen nach. Nichtmal nachdem sie wusste, dass sie wirklich ein Drachenwandler sein musste.

„Sehr gut." Embervale wandte sich an die restlichen Schüler. „Alexsis Sinclair,Sie werden beginnen. Treten Sie in den Käfig."

Lexie zuckte merklich zusammen, dann presste sie die Lippen aufeinander und machte einen Schritt nach vorn. Enya bemerkte, wie ihre Freundin nervös an ihrem Pullover zupfte. Doch als sich die schweren Gitterstäbe vor ihr öffneten, hob sie entschlossen das Kinn und betrat den sandbedeckten Boden der Arena.

Professor Embervale trat an den Rand des Käfigs und verschränkte die Arme. „Die erste Verwandlung ist nie einfach. Ihr Körper wird sich anfühlen, als würde er zerreißen, ihre Knochen werden sich neu formen, ihre Haut sich verändern. Doch sie dürfen der Angst nicht nachgeben." Seine Stimme war ruhig, aber streng. „Konzentrieren sie sich auf die Kraft in ihnen, auf das Drachenblut, das durch ihre Adern fließt. Spüren sie es. Lenken sie es. Und denken sie daran, das sie nach ihrer Verwandlung mit ihrem Drachen kommunizieren können."

Lexie sog scharf die Luft ein. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Einen Moment lang passierte nichts – dann verzog sie das Gesicht, als hätte sie plötzlich Schmerzen.

Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle. Sie taumelte nach vorn, fiel auf die Knie. Enya wollte einen Schritt nach vorne machen, doch Jojo hielt sie zurück.

Lexies Körper begann zu zittern. Ihre Fingernägel wurden länger, ihre Haut schimmerte in einem feuchten, blauen Ton. Ihr Rücken wölbte sich, als würde sich etwas darunter regen. Dann, mit einem Ruck, schossen zwei Flossen aus ihren Armen, dicht gefolgt von einer langen, geschmeidigen Schwanzflosse, die über den Boden peitschte.

Mit einem letzten erstickten Laut der in einem Brüllen endete, brach die Verwandlung vollständig über sie herein. Ihr Körper dehnte sich, Knochen knackten, Muskeln verschoben sich – und dann stand sie da. Groß, elegant, mit schimmernden Schuppen, die in tiefem Meeresblau glänzten. Ihre Augen leuchteten wie flüssiges Silber, und als sie den Kopf hob, funkelten zarte, wasserartige Muster auf ihrer Stirn.

Ein Wasser Drache.

Stille lag über der Arena. Dann sprach Embervale: „Sehr gut, Miss Sinclair. Willkommen in ihrer wahren Gestalt."

Dragons Ich bin andersWo Geschichten leben. Entdecke jetzt