Der Camper steht, die Markise ist ausgefahren, die Sonne scheint und es scheint alles perfekt zu stimmen. Italianità, das Belpaese lockt mit Sommer und Gelato. Schreiben mit den Füßen im Sand. Endlich. Frieden kann so schön sein.
Ein Brummen naht, eine weiße Penisverlängerung von Pick-up mit Caravan biegt um die Ecke, langsam, begleitet von Syrenengesängen aus beider Münder, sowohl Tochter als auch Ehefrau, Sohnemann und Mann, wie Captain Kirk und sein Mini-Me, unbeeindruckt im Cockpit, wearing sunglasses, looking cool. Ausgerechnet auf der Parzelle schräg gegenüber scheint ihr Landeplatz zu liegen, erste düstere Wolken, momentan noch imaginär, legen sich vor die Sonne.
Dann Auftritt: Der Mann. Eidgenosse. Feuerwehrmann. Wichtig. Riese mit Bauch. Ernährer der Familie, obwohl bei seinem Umfang wohl wenig für die Familie bleibt, aber lassen wir das. Das Tattoo auf dem Caravan vielsagend. In Deutschland ist die Schrift verpönt und das komisch verdrehte Kreuz nicht gern gesehen. Wir in der Schweiz sind da neutraler. Wir nutzen die Schrift und zeigen stolz unsere Helvetia mit Schild und Schwert. Eidgenosse seit ewig und für immer. Die Gesinnung ist dieselbe. Mir schwant Böses, die Wolken werden dunkler.
Kleine Anekdote am Rande: Als ich noch ein Jugendlicher war, nannten wir die Wohnanhänger liebevoll schmunzelnd "Bumscontainer", vermutlich, weil sie auf der Autobahn so rhythmisch schaukeln. Dass aber ein Hersteller solcher Vergnügungskutschen seine Produkte ausgerechnet mit "Bürstner" beschriftet, setzt der Komik die Krone auf. Bis heute legt sich ein schelmisches Grinsen über mein Gesicht, wenn ich einen solchen Rammelkübel über die Autobahn hüpfen sehe. Männer bleiben ein Leben lang Teenager. Manche.
Der Mann parkt seinen tätovierten Wohnwagen per Fernbedienung perfekt auf die Parzelle. Perfekt für ihn, nicht für seine Frau, die laut, aber ungehört zuguckt. Danach folgt das übliche Campingplatz-Kino, bis alles aufgebaut ist. Popcorn und Cola. Die jüngere Tochter entpuppt sich als heftig pubertierend, etwas übergewichtig und stark zickig. Der ältere Sohnemann präsentiert sich sportlich, stolz, männlich und ebenfalls kindisch pubertierend.
So dauert es auch nicht lange, bis Papa, im Campingstuhl Bier nippend, die Tochter ermahnt, sie möge gefälligst nicht solchen Dreck auf dem Vorplatz verbreiten. Sie zeigt sich unbeeindruckt, wird laut, reklamiert, die Emotionen gehen durch die Markise. Vater steht auf, schlägt Tochter. Tochter schreit, Mutter schweigt, Bruder am Handy, Vater wieder am Bier.
Das ist der Moment, wo ich ein hundertfaches Dankeschön an eine intelligente Ingenieursseele richten möchte. An die Seele, welche die Noise-Cancelling-Earpods erfunden hat. Ach wie schön ist es doch, mit Barclay James Harvest den Sonnenuntergang zu genießen und nur im Augenwinkel vier Menschen gestikulieren zu erahnen, wie Hampelmänner auf der Bühne des unwirklichen Lebens. Nein, leider des wirklichen Lebens. Die Nachteile des Campens zeigen sich darin, dass die Dramen anderer Menschen laut, öffentlich und hemmungslos ausgetragen werden.
"Und, wie war Italien?", werden die Kollegen nach dem Urlaub fragen. "Heiß. Bier und Diesel sind teuer geworden. War ganz gut, wir gehen wieder hin. Frau und Kinder haben es genossen." Und die Helvetia im Tattoo würde sich am liebsten hinter ihrem Schild verstecken, derweilen die schwarzen Wolken den Regen niederprasseln lassen als wenn es kein Morgen gäbe. Imaginär, denn die Sonne scheint weiterhin orange, unbeeindruckt, majestätisch schön.
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Einerseits ... Fortsetzung
NonfiksiWeiter gehts mit den Texten auf einer Seite. Beobachten und Schreiben machen solchen Spass - da muss ich einfach dran bleiben.
