Bei den meisten Menschen kann der Geburtstag klar definiert werden. Früher erinnerten sich die Leute daran (ich wurde geboren, als der Lavendel blühte; vor dreißig Wintern), heute wird das auf die Minute genau notiert und sofort in einen Computer eingegeben, der, so hofft man, diese Daten niemals vergessen wird. Bei einem Land wird das schon schwieriger, vor allem, wenn kein König oder Kaiser dereinst gesagt hat: "Ab heute nennen wir unser Land Schweiz, bis in alle Ewigkeit." So einfach war das nicht, im Land am Gotthard.
Wie war das damals, als die vier leicht betrunkenen Männer auf einer grünen Wiese am Berg keinen Schnaps mehr hatten? Verschwitzt vom letzten Kampf gegen die Übermacht eines unbeliebten Herrschers, in ungewaschenen Wollkleidern, unrasiert und ungekämmt, dafür von der Sonne braungebrannt, mit lederner Haut, saßen sie da, blickten auf den Vierwaldstättersee und knobelten aus, wer von ihnen ins Tal gehen sollte, um eine neue Korbflasche des gebrannten Wassers zu holen. Der Luzerner zog das kleine Holz und musste absteigen.
Zurück blieben der Urner, der Unterwaldner und der Schwyzer. Rasch wurde ihnen langweilig, denn auch der Käse, das Brot und die Wurst waren längst in ihren Bäuchen verschwunden. Also begannen sie sich Geschichten zu erzählen. Wie bei Männern üblich, handelten diese vor allem von ihren eigenen Heldentaten. Der Urner zum Beispiel berichtete, wie er einst, auf Geheiß des Landvogts, seinem Sohn einen Apfel von der Stirn habe schießen müssen. Als Beweis hielt er seine Armbrust in die Höhe. (Man munkelt, ein zufällig vorüberziehender Wanderer aus Deutschland hätte die Geschichte gehört, sich Notizen gemacht und seine Blätter zuhause aufbewahrt. Niemand kann das bestätigen, aber rund sechshundert Jahre später wurde ebendiese Geschichte von einem deutschen Schriftsteller veröffentlicht, und das kann kein Zufall sein.) Selbstverständlich wussten die Herren aus Unterwalden und Schwyz auch ähnliche Geschichten zu erzählen und jeder der drei starken Männer wollte der mutigste sein.
Um sich nicht auf der Wiese am Rütli zu streiten, beschlossen sie, einen Bund der Mutigen zu schwören. Den Luzerner wollten sie mit einbeziehen, sobald er mit dem Schnaps wieder oben wäre. Sie stellten sich hin, jeder mit seiner Waffe in der Hand und schworen einen Eid, sich von nun an immer zu Hilfe zu eilen, wenn einer von ihnen in Not sei. Danach setzten sich die drei Genossen wieder, denn das lange Stehen bereitete ihnen wohl Mühe. Der Luzerner verpasste diesen geschichtsträchtigen Moment und sein Landkreis musste deswegen etwas mehr als vierzig Jahre warten, um in den Bund aufgenommen zu werden.
Die drei Genossen erinnerten sich tags darauf kaum daran, dass sie einen Eid geschworen hatten, denn auch in der Folge ging die Geschichte der Länder am Gotthard kriegerisch weiter. Es waren die Frauen der mutigen Krieger, welche die Erzählungen ihrer verkaterten Männer aufschrieben, nachdem sie jene im Badezuber eingeweicht hatten. Die drei Frauen lachten über die Geschichte und wollten sie als Märchen von der Nacht am Rütli für ihre Töchter, als Gutenachtgeschichte, aufschreiben. Dieses Dokument überdauerte viele Tage und gelangte schließlich in die Hände eines Gerichtsschreibers, weil eine der drei Frauen dem Richter Brot lieferte.
Der Gerichtsschreiber las von dem Bund der drei Genossen, wertete die Geschichte als politisch bedeutungsvoll, versah sie mit dem aktuellen Datum und dem Siegel des Gerichts und legte sie zu den Akten. Das alles geschah im Jahr 1291. Fortan sprach man von der Eidgenossenschaft, wenn über die drei Orte Uri, Schwyz und Unterwalden gesprochen wurde. Ein Hauch von Ehrfurcht schwebt seither über den Köpfen der Menschen, wenn sie daran denken. Die Eidgenossenschaft. Gegründet auf dem Land am Gotthard.
Warum eigentlich genau an diesem Ort? Der Gotthard ist der einzige Ort in der über eintausend Kilometer langen Alpen-Doppelkette, an dem man beide Ketten mit nur einem Pass überqueren kann. Die zwei nahezu parallelen Bergketten treffen dort kurz aufeinander, bevor sie sich wieder trennen. Das erkannten die Italiener (damals noch Römer), das erkannten die Deutschen (als Habsburger) nur die Bauern in den Bergtälern erkannten es nicht. Sie prügelten sich mit den fremden Herren, Königen und Herrschern um ihre Wiesen und merkten nicht, weshalb die fremden Länder solch großes Interesse an der Reuss-Schlucht zeigten.
Mit dem neuen Bund in der Tasche hätte die junge Eidgenossenschaft reich werden können. Sie hätten für den Transport der Waren aus dem Norden und Süden eine kleine Gebühr verlangen können, wenn diese durch die engen Schluchten und über den Berg befördert wurden. Doch das interessierte sie nicht. Sie weiteten ihr Gebiet lieber über die flachen Landschaften, hin zu den großen Städten Zürich, Bern und Luzern (das aus obengenannten Gründen nicht schon mit dabei war) aus, schlossen sich den modernen Orten an. Die großen Städte hatten Armeen und konnten den kleinen Bergorten Sicherheit bieten.
Die Geschichte des jungen Landes ging in der Folge sehr blutig und kriegerisch weiter. Die heißblütigen Bauern prügelten sich mit allen und jedem. Dabei bewiesen sie Leichtsinn aber auch Mut und einiges an Geschick, denn sie schlugen manch großes Heer in die Flucht. An dieser Stelle sei ein Schleier der Verschwiegenheit über die Erzählung gezogen, denn heute sieht man die moderne Schweiz gerne als sauberes und vor allen neutrales Land, das sich nicht um fremde Kriege kümmert. Vergessen kann so schön sein.
Um einen Geburtstag feiern zu können, braucht es, der Name sagt es, einen Tag. Ein genaues Datum. Auf dem Märchen, das die Frauen damals aufgeschrieben hatten, steht Am Ersten im August im Jahre des Herrn 1291. Die Eidgenossenschaft feiert ihren Geburtstag seither heute, am 1. August, obwohl niemand mehr so genau weiß, wann sich die Geschichte ereignet hat. Im Grunde ist selbst das Jahr nicht genau definiert, da auch nicht klar beschrieben ist, wann der kleine Balg in der Krippe bei Bethlehem vom Ochsen beschnuppert worden war – doch das ist wieder eine andere Geschichte.
Der Name der Eidgenossenschaft wurde im Laufe der Geschichte geändert, man nannte sie, auf Anweisung Napoleons, Schweizerische Eidgenossenschaft, in Latein Confoederatio Helvetica, Abkürzung CH. Da der Name den meisten Menschen zu lang ist, sprechen sie nur von der Schweiz. Sie sagen auch Ueli und nicht Ulrich, oder Heidi und nicht Adelheid, Abkürzungen liegen im Trend (LOL, USA ...). Zudem passen die beiden Buchstaben hervorragend zum eigenartigen Dialekt, den die Menschen am Gotthard sprechen, mit dem kräftigen Kratzen im Hals, sobald sie beim Lesen auf den Buchstaben K oder eben auf die Kombination aus C und H treffen. Die Schweiz ist das Land des CH, wortwörtlich.
Heute feiern wir also den 734. Geburtstag. Ein mathematisch schönes Jahr, denn 7=3+4, aber das interessiert wohl niemanden. Wie geht es dem Land am Gotthard? Mal abgesehen davon, dass sie bis heute nicht begriffen haben, wie sie reich werden könnten, ganz gut. Noch immer lassen sie sämtliche Waren, und vor allem die Reisenden, gratis über den Alpenpass fahren. Sie graben gar teuere Tunnel und bauen Brücken – jedes andere Land in Europa würde für deren Benutzung Zoll verlangen; mal abgesehen von Deutschland, vielleicht, wo freies Rasen auf gebührenfreien Straßen als Grundrecht gilt.
International gesehen geht es der Schweiz gut. Sie gilt als neutral (solange kein Geld im Spiel ist), sie gilt als sauber, vor allem jedoch gilt sie als sicher. Sicher im politischen Sinn, sicher aber auch im natürlichen Sinn. Es gibt hier keine Vulkane, kaum Erdbeben und die Gefahren eines Wirbelsturms oder eines Tsunamis sind sehr gering. Die moderne Schweiz hält sich weitgehend aus Konflikten raus. Für Touristen bietet der Alpenstaat sehr viele Attraktionen. Burgen, Schlösser, Berge, Seen, malerische Altstädte und sauberes Trinkwasser. Friedlich.
Zur Erinnerung an unsere kriegerische Vergangenheit feuern wir heute, am Geburtstag, viele hundert Tonnen Feinstaub in die Atmosphäre. Es soll knallen, explodieren, Funken sollen sprühen und Schnaps wird fliessen. Im Andenken an die drei mutigen und verschwitzen Männer am Rütli. Viele Geschichten werden erzählt, die meisten handeln von Heldentaten. Über den Köpfen schweben Ehrfurcht und der Schwefelrauch des Feuerwerks. Die Herzen der Menschen erfüllt mit Stolz. Die Köpfe morgen verkatert. Feiern ist schön. Happy Birthday, Schweiz!
***
Das sind exakt 1291 Worte da oben, in dieser Geschichte. Geschrieben ganz ohne Schnaps – aber mit viel Schalk im Nacken. Ich wünsche allen einen schönen Ersten August.
DU LIEST GERADE
Einerseits ... Fortsetzung
Non-FictionWeiter gehts mit den Texten auf einer Seite. Beobachten und Schreiben machen solchen Spass - da muss ich einfach dran bleiben.
