Ein Testament muss, so verlangt es das Gesetz, von Hand geschrieben und unterzeichnet werden. Es gibt verschiedene formelle und sogar einige formale Vorgaben, was darin alles enthalten sein muss und wie es aussehen soll, doch abgesehen davon ist man frei, wie man seinen letzten Willen inhaltlich gestaltet.
Ich halte es hier wie mit dem Romanschreiben. Ich plotte zuerst. Ach ja, ich vergass es zu erwähnen: Ich schreibe mein Testament.
Bevor jetzt das große Geschrei von wegen 'noch jung' und 'viel zu früh' losgeht, möchte ich hier einige Gedanken dazu in die Runde werfen. Ich will selbst entscheiden, was mit meinen physischen und geistigen Eigentümern geschieht, wenn ich dereinst nicht mehr sein werde. Ich will das tun, solange ich noch geradeaus denken kann, solange ich noch selbst schreiben kann. In meinem Umfeld kam es jüngst zu zwei unerwarteten Todesfällen von jungen Menschen, ohne Unfall, ohne Fremdeinwirkung. Das hat mir gezeigt, dass es nie zu früh ist, sich über die Zeit danach Gedanken zu machen.
Die ersten vier Wochen vergehen mit Denken. Der Gedanke, dass ich mir über die Zeit nach meinem Tod Gedanken mache, lässt mich zum ersten Mal so richtig fühlen, im letzten Drittel des Lebens angelangt zu sein. Nächstes Jahr werde ich sechzig Jahre alt. Damit bin ich viermal so alt wie meine aktuellen Schülerinnen und Schüler. Längst habe ich begriffen, dass die Jugendlichen von mir nicht Mathe und Rechtschreibung lernen müssen, sondern Anleitung brauchen, wie sie mit den stets steigenden Anforderungen an sie umgehen müssen, ohne daran zu zerbrechen. Ich bin zum Pronomen meiner zugeteilten Subjekte mutiert. Der Begleiter der Protagonisten in fremden Geschichten. Meine eigene Geschichte nähert sich dem Epilog. Wie wird er sein? Positiv, ein glückliches Ende mit weiterführender Hoffnung? Ein schrecklicher Plottwist, der alles Gute zum Bösen wendet? Darüber habe ich keine Kenntnis und das ist gut so.
Im zweiten Monat nach meinem Entschluss, nein, Beschluss, denn entschließen wäre ja das Gegenteil von schließen, also öffnen, und das ist ein Testament nicht, weil es doch etwas abschließt. Wie auch immer. Im zweiten Monat nach meinem Beschluss schlage ich die Eckpfeiler ein. Vorerst wird eine Auslegeordnung erstellt. Was ist denn alles da? Puh, ganz schön viel, für einen allein. Ich stelle fest, keine Ahnung zu haben, wie das rechtlich abzulaufen hat und suche mir eine Beraterin.
Der dritte Monat: erste Erkenntnisse sind gewonnen. Ich brauche ein Bankschließfach, worüber ich einer vertrauten und vertrauenswürdigen Person die Vollmacht gebe. Dort lagere ich die digitalen Kopien meiner Bücher, sämtliche Passworte aller Online-Konten (Login mit Benutzername und PW) und eine Liste der Abos, die sich automatisch verlängern. Lange Liste. Vielleicht lege ich auch noch etwas Gold dort hinein. Schaden kann es nicht. Das fertiggestellte Testament kommt dann auch in dieses Schließfach.
Im vierten Monat beginne ich, den Plot zu erstellen. Ich ordne die Kapitel und überlege mir den jeweiligen Inhalt. Immobilien, Fahrzeuge, Bücherrechte (Übertragung des geistigen Eigentums), Wertsachen, Vermögen. Die Liste der Kapitel bricht nicht ab. Und bereits melden sich wieder Zweifel. Ist es korrekt, den Oldtimer nicht dem Patenkind, sondern einer vollkommen fremden Person zu hinterlassen? Wie werden meine liebsten Menschen reagieren, wenn sie feststellen, dass die Rechte an der Marke Bruno Heter in die zarten Hände einer jungen Frau übergehen? Einer brillanten Autorin, die es bisher noch nicht gewagt hat, ihre genialen Geschichten zu veröffentlichen?
Solche Gedanken sind wichtig. Sie erden mich, verbinden mich mit meiner Familie, mit meinen Freunden. Ich verbringe viel Zeit mit denken, mit abwägen und mit der Vorfreude auf die strahlenden Augen derer, die ein kleines Andenken an mich weitertragen dürfen.
... Fortsetzung folgt ...
DU LIEST GERADE
Einerseits ... Fortsetzung
Non-FictionWeiter gehts mit den Texten auf einer Seite. Beobachten und Schreiben machen solchen Spass - da muss ich einfach dran bleiben.
