5. Kapitel: Entführt

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Er zog mich einfach weiter. Die Straße entlang, dann die nächste, und wieder die nächste. Bis ich irgendwann die Orientierung verloren hatte. Zwischendurch startete ich ab und zu ein paar jämmerliche versuche, mich von ihm loszureißen, aber er war einfach zu stark.
"Du kannst mich auch loslassen. Ich kann alleine laufen" erklärte ich ihm (jetzt schon zum dritten Mal).
"Ich lauf nicht weg" wiederholte ich mich immer und immer wieder. Doch er zog einfach unbeirrt weiter an meinem Arm (der mittlerweile zu kribbeln angefangen hat, da er mit seinem starken Griff die Blutzufuhr in meine Hand stoppte).
"Wohin auch? Ich hab keinen Plan wo wir sind." murmelte ich eher zu mir selbst als zu ihm. Doch jetzt lies er meinen Arm los. Ich wäre fast hingefallen, so plötzlich hörte er auf, mich durch die Gegend zu schleppen. Er wollte schon wieder nach meinem Arm greifen um mich aufzufangen, doch ich war schneller und wich seiner Hand aus. Zusätzlich verschränkte ich die Arme vor der Brust (damit er ja nicht auf die Idee kommen würde, mich wieder am Arm zu packen). Dann blieb ich einfach stehen.

Er war schon ein paar Schritte weiter gelaufen, doch ich rührte mich nicht vom Fleck. Ich wollte ihm auf keinen Fall den Erfolg gönnen, den er bekommen hätte, würde ich ihm einfach so folgen (ich hatte jetzt schon das Gefühl, ich sei entführt wurden, ich möchte bei Gott nicht auch noch zu meiner eigenen Entführung beitragen). Nach ungefähr 10 Metern Entfernung drehte er sich um, da er bemerkt hatte, dass ich mich keinen Schritt bewegt hatte. Ich konnte auch mit dieser Entfernung erkennen, dass er innerlich einen Konflikt führte - mit sich selbst.

Er überlegte, ob er mich einfach mit meiner Sturheit hier, irgendwo im Nirgendwo, stehen lassen sollte, oder ob er nachgeben, und zurück zu mir kommen sollte.

Er entschied sich (leider...) für letzteres. Ich hätte einfach jemanden angerufen und der hätte mich abgeholt. Aber jetzt weiter mit diesem Typen rumlaufen, dazu hatte ich keine Lust. Leider interessierte sich niemand für mich, also kam der Typ natürlich trotzdem zu mir zurück. Bei mir angekommen wollte er wieder nach meinem Arm greifen, doch ich wich ihm aus. Er versuchte es erneut und ich war wieder schneller. Dabei sah ich ihm die ganze Zeit stur in seine Augen und er starrte wütend zurück.

Schließlich gab er nach, stieß einen kleinen Fluch aus (das Erste was überhaupt über seine Lippen kam seit... naja, seit ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte). Plötzlich spürte ich zwei warme Hände an meinem Körper. Die eine an meinem Rücken, die zweite in meinen Kniekehlen. Dann wurde ich hoch gehoben. Das alles war schneller passiert als ich überhaupt blinzeln konnte und schon wurde ich in den Armen des Typens durch die Straße geschleppt (was das Gefühl einer Entführung nur noch vergrößerte).

Ich wehrte mich heftig dagegen, aber er hielt mich einfach unbeirrt fest und trug mich die abgelegene, kleine Straße entlang. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, getragen zu werden (obwohl ich es hasste, nicht auf meinen eigenen Beinen zu stehen), als er mich plötzlich wieder auf meine eigenen Beine stellte. Da ich nicht darauf vorbereitet war (mal wieder) viel ich schon wieder (das gefühlte 1000 mal an diesem verdammten Tag) fast hin. Diesmal schaffte ich es nicht, rechtzeitig mein Gleichgewicht zu finden und ihm auszuweichen. Also schaffte er es diesmal mich am Arm zu packen und stellte mich wieder auf meinen eigenen Beine.

"Kannst du jetzt einfach mal aufhören so stur zu sein und mit mir mitkommen?" fragte er. Seine Stimme war dabei so tief und klang so bedrohlich, dass es eigentlich schon fast als knurren durchging.
"Ist ja gut." antwortete ich eingeschnappt zurück und hob beide Hände nach oben, um zu symbolisieren, dass er gewonnen hatte.
"Ich lass mich eben nicht gerne von irgendwelchen Typen in kleine abgelegen Gassen verschleppen. Sorry, dass ich da leicht misstrauisch werde." fügte ich hinzu und verschränkte wieder meine Arme vor der Brust.

Er schüttelte nur den Kopf und ging weiter. Diesmal folgte ich ihm. Jetzt (leider viel zu spät), merkte ich auch, wie schön warm es eigentlich in seinen Armen war. Da ich es jetzt aber nicht mehr ändern konnte, zog ich meinen Mantel fester um mich und beeilte mich, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Auf dem Weg sprachen wir nicht viel. Ich merkte nur wie er mir immer wieder Blicke von der Seite aus zuwarf.
Der Wind frischte auf und ich zog meine Jacke noch fester um mich und konnte ein leichtes Zittern nicht unterdrücken. Natürlich blieb mein Zittern nicht unbemerkt. Seine blöden blauen Augen sahen alles (so kam es mir jedenfalls vor). Als er sah, wie ich zitterte, kam er näher zu mir. Jetzt lief er nur noch ein paar Zentimeter neben mir. Irgendwie machte mich diese plötzliche Nähe nervös, dass hielt mich aber nicht davon ab, es trotzdem zu genießen.
*
Nach einem (scheinbar endlosen) Lauf durch alle kleinen und dunklen Gassen dieser Stadt, kamen wir schließlich bei einem sehr flachen und verlassen aussehenden Gebäude an. Fensterscheiben waren eingeschlagen, der Putz bröckelte ab und das Dach war an manchen Stellen kaputt. Innen gab es ein großes, leere Becken. Alles war gefliest und auch das Becken war mit Fliesen ausgelegt. Wir waren in einem Schwimmbad.
Und wir waren nicht alleine...

Weiter hinten saßen auf mehreren Liegen ein Mädchen, und zwei weitere Jungs. Außerdem stand hinten noch ein altes Klavier rum (was macht bitte ein Klavier in einem Schwimmbad?!). Der Typ ging zu ihnen und setzte sich neben sie auf die Liegen. Ich jedoch blieb einfach genau da stehen, wo ich das Gebäude (oder das was davon noch übrig war) betreten hatte.

Nachdem sich der Typ mit den anderen zwei Typen und dem Mädchen eine Weile unterhalten hatte, drehten sich alle zu mir um und starrte mich für eine Weile nur an.

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