11. Kapitel: das Boston's

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Zu Hause angekommen rannte ich hoch in mein Zimmer, erledigte meine Hausaufgaben und setzte mich danach an meinen Laptop. Vielleicht verhielt ich mich wie eine verrückte Stalkerin, aber ich wollte wissen, was es mit den beiden auf sich hatte. Also gab ich erst Vincent und danach Cem in Google ein. Ich weiß nicht, was ich zu finden gehofft hatte, aber wie zu erwarten fand ich gar nichts. Frustriert lies ich mich in mein Sessel fallen. Ich musste verrückt sein. Ich beschloss die Sache erneut zu vergessen. Diesmal wirklich.

*

Leichter gesagt als getan. Ich hätte nie gedacht es so schwer sein kann zwei Leuten aus dem Weg zu gehen. Doch, wie es ist immer so ist wenn man etwas unbedingt NICHT will, passiert genau das. Ich begegnete schon am nächsten Tag erneut Vincent an der Haltestelle und beschloss kurzerhand nach Hause zu laufen.

Cem sah ich einmal im Schoki-Laden, bin aber so schnell wieder gegangen, dass er mich zum Glück nicht bemerkt hatte... hoffte ich.

*

Cem's POV
Sie ging mir aus dem Weg. Ich hab sie ein paar mal gesehen, doch sie ist immer umgedreht und weggegangen wenn sie mich sah. Ich konnte sie verstehen. Wenn mich ein fremder Typ entführt und ein zweiter mich anquatscht und über geheime Talente ausfragt, und die beiden sich auch noch kennen wäre ich auch vorsichtig.
Ich musste Sie einfach dazu bringen, mir zuzuhören. Sie würde es verstehen, bestimmt. Ich versuchte sie überall abzufangen, doch sie war clever. Vielleicht zu clever. Ich schaffte es in zwei Wochen nicht einmal mit ihr zu reden...

Ende Cem's POV

Er verfolgte mich. Imme stand er an jeder Ecke. Überall. Es nervte mich absurd ihn ständig zu sehen. Ich hätte ihn erfolgreich aus meinem Gedächtnis verbannen können. Ich hätte alles vergessen können. Aber wie soll ich das bitte machen, wenn mich ständig jemand daran erinnert?! Wenn er ständig hinter jeder Ecke steht und mich anstarrt? Man kann Sachen, Dinge und Geschehnisse nicht einfach vergessen, wenn sie einen Buchstäblich verfolgen!

Samstag 17:32 Uhr im Boston's. Es war mein Lieblingscafé. Der ältere Besitzer (Mr Boston) kannte mich, da ich oft hier war. Ich war auch oft die Einzige hier. Viele Cafés hatten nur am Wochenende geöffnet, da der Tagesplan der Leute einfach kein Platz für einen Besuch im Café hatte. Ich liebte das Boston's. Es war immer ruhig hier (zumindest in der Woche) und ich unterhielt mich gerne mit Leni, der Kellnerin. Zu ihr konnte man schon fast "richtige Freundin" sagen. Auf jeden Fall war sie anders, nicht wie die, die jeder in der Schule hatte. Auch heute hatte ich kurz mit Leni geredet, aber eben nur kurz. Da heute Samstag war, war das Café gut besucht. Es war eben nicht nur bei mir beliebt.

Ich saß wie schon oft an einem der hinteren Tische und starrte aus den großen Fenstern. Wie alles in dieser Stadt war es steril und modern eingerichtet. Fast die gesamte Wand war aus Glas. Die großen Fensterscheiben wurden nur durch ca 1 Meter breite Wandabschnitte unterbrochen. Durch die Fenster war es immer hell. Ich weiß nicht was hier anders war als in allen anderen Gebäuden. Das Licht der Sonne spiegelte sich nicht einfach oder wird einfach reflektiert. Hier wirft das Licht warme, helle Punkte auf die Einrichtung, während es sich wie Blätter an den Bäumen bewegt. Von den silber blitzenden Tischen wird man nicht geblendet, wenn das Licht darauf fällt. Es spiegelt sich einfach nur und sieht dabei einladend aus. Die schwarzen Ledersessel und Bänke sehe trotz des Leders und des Schwarzes weich und einladend aus. Im hinteren Teil gibt es eine Eckbank. Es war MEINE Bank. Daneben stand eine Pflanze, zwar ohne Blätter (diese sind ja für gewöhnlich grün) aber immerhin. Pflanzen waren nicht gerne gesehen. Trotzdem stand hier eine neben mir, kahl, ohne Blätter, nur die nackten Zweige.

Deswegen saß wahrscheinlich auch niemand in MEINER Ecke.
Also saß ich wie immer auf meiner Eckbank, hatte mir wie immer ein Stück Schokokuchen gekauft (mehr süß als Schokolade gab es nicht) und tippte während dem Essen auf meinem Laptop rum. Ich war vertieft in meine Hausaufgaben usw. und bemerkte nicht, dass Leni sich neben mich gesetzt hatte. Sie sah erschöpft aus.
"Alles gut?" fragte ich.
"Viel Arbeit. Sonst nichts." sagte sie und lächelte, jedoch ohne dass dieses Lächeln ihre Augen erreichte.
Ich schaute sie prüfend an, fragte aber nicht weiter.
"Möchtest du noch ein Stück Kuchen?" fragte Leni und zeigte auf meine leeren Teller.
Ich wollte schon ja sagen, als mir einfiel, dass es bestimmt nicht in meinem Tagesplan stand, soviel Kuchen zu essen. Und auch wenn Leni anders war, so war sie trotzdem noch jemand aus dieser Stadt und befolgte ihre Grundregeln. Und die sagten nun mal: kein zweites Stück Kuchen für Julie...

Nachdem Leni gegangen war, widmete ich mich wieder meinen Hausaufgaben. Ich arbeitet mich gut durch und kam schnell voran. Fast war ich fertig mit allem (plus die Zusatzaufgaben, die nun einmal von den guten Schülern verlangt wurden, und da so gut wie jeder auf der Schule ein "guter Schüler" war, hätte man sie auch gleich zu den normalen Hausaufgaben zählen können) und wollte mir noch was zu trinken holen. Nur noch die paar Sätze aufschreiben, dann würde ich mich wohl oder übel an die Theke begeben müssen.

Mitten im Satz merkte ich wie sich etwas um meine Schultern legte. Ich brauchte kurz um zu realisieren, dass es ein Arm war. Ich vermutete es war Leni und sagte einfach "Könntest du mir noch was zu trinken holen?" Leni machte mir dann immer Vorschläge, was gerade im Angebot war und was sie für besonders lecker empfand. Manchmal hatte sie auch eigene Kreationen von Getränken gemixt und ich war immer die Testperson (was ich wirklich gerne war, ihre Kreationen waren alle lecker).
"Klar. Wenn du bitte sagst und mir noch mitteilst was du haben möchtest, gerne" kam die Antwort. Aber sie kam nicht von Leni. Die Stimme war tiefer. Viel tiefer. Und rau. Ich drehte meinen Kopf und noch währenddessen spürte ich wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Cem.

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