Ich konnte mich kaum bewegen, so kalt war mir. Da der Platz neben Cem besetzt war, ging ich zu Vincent. Ich setzte mich neben ihm und starrte gerade aus. Als ich meinen Blick den anderen zuwendete merkte ich, dass alle mich anstarrten. Cem kalt, Vincent belustigt, der andere Typ neugierig und Alicia wütend. Plötzlich war es mir unangenehm mit Cem's Lederjacke vor den anderen zu sitzen. Ich zog die Jacke von meinen Schultern, gab sie Cem und murmelte irgendetwas von "Toilette" und "frisch machen". Danach drehte ich mich um und eilte zu der Tür über der die Duschen für Frauen angezeigt wurden. Die Tür öffnete sich mit einem leisen quietschen.
Ich betrat die Duschen. Auch hier war alles gefliest. Ohne weite auf meine Umgebung zu achten ging ich zum Waschbecken und starrte hinein. Ich zwang mich, meinen Blick zu heben und in den Spiegel zu schauen. Was ich sah, erschreckte mich. Ich war ja darauf gefasste, dass ich zerzaust und müde aussah, aber so schlimm hätte ich es nicht erwartet. Meine Haare waren verknotet, ich hatte meine karamellfarbenen Augen zusammengekniffen und meine Zähne zusammengebissen. Meine Wangen waren gerötet und meine aufgesprungen Lippen waren blau. Dass ich am ganzen Körper zitterte hatte ich total ausgeblendet, aber mich jetzt so im Spiegel zusehen, rot und blau angelaufen vor Kälte, blass, fast bleich und zitternd, trieb mir die Tränen in die Augen.
Plötzlich wurde mir alles Zuviel. Cem, das Schwimmbad, die anderen, die verbotenen Ausflüge. Ohne dass ich irgendwas dagegen hätte unternehmen können lief mir die erste heiße Träne über die Wange. Auf meinen kalten Wange brannte sie schon fast schmerzhaft. Ich machte mir garnicht erst die Mühe, meine halb erfrorene, ebenfalls blau und rot angelaufenen Hand an mein Gesicht zu heben, um sie wegzuwischen. Ich weinte nicht oft. Ich hatte bestimmt seit Jahren nicht mehr geweint. Doch jetzt konnte ich nichts gegen die Tränen machen. Sie liefen über mein Gesicht, was dadurch jetzt nicht nur erfroren, sondern auch verheult aussah. Ich taumelte rückwärts, plötzlich nicht mehr imstande mein Gewicht zu tragen. Die Kraft verließ meine Beine und ich sackte an der Wand zusammen. Dabei drückte ich versehentlich den Knopf an der Duschen, so dass diese ansprang. Das Wasser war kalt, doch ich spürte es nicht. Wenn überhaupt war es gegen meine kalte Haut schon beinahe warm. Ich weinte still vor mich hin, nicht in der Lage, wieder zu den anderen hinaus zugehen.
Nur weit entfernt nahm ich wahr, wie sich die Tür öffnete und wieder schloss. Ich hörte Schritte näher kommen, hatte aber nicht die Kraft, meinen Kopf zu drehen. Das Wasser aus der Dusche wurde abgestellt. Jemand hockte sich neben mich. Der Boden war nass und meine Sachen durchnässt. Ich zitterte nun nicht nur vor Kälte, sondern auch vom weinen. Nun drehte ich doch meinen Kopf, um zusehen, wer gekommen war. Vor meinem Augen bildete sich ein verschwommenes Gesicht. Blonde Haare und grüne Augen. Mehr konnte ich durch die Tränen nicht erkennen, aber das brauchte ich auch nicht. Vincent.
"Hey. Alles ok?" fragte er. Seine Stimme war beruhigend. Auch wenn ich diese Frage abgrundtief hasste (warum, fragte man wohl eine Person, die durchnässt, zitternd und heulend auf dem Boden saß, ob alles okay wäre?) nickte ich.
Kurz saßen wir schweigend nebeneinander. Ich war so dankbar dafür, dass er nicht fragte, sondern einfach nur da war. Irgendwann stand er auf und stellte das Wasser wieder an. Diesmal regnete es warm auf mich herab.
"Komm" sagte er und hielt mir seine Hand hin. Ich ergriff sie und er zog mich hoch. Ohne meine Hand loszulassen ging er zum Waschbecken. Wir stellten uns vor den Spiegel und starrten einige Sekunden lang unsere abgebildeten Bilder an.Auch seinen Haare waren nass und die sandfarbenen Strähnen klebten ihm im Gesicht. Irgendwann hob er seine Hand und drehte das Wasser an. Es war kalt. Er schaute mich entschuldigend an.
"Es gibt nur sehr wenig bis gar kein warmes Wasser"
Mir machte die Kälte überhaupt nichts aus. Selbst kaltes Wasser fühlte sich auf meiner Hand warm an. Das warme Wasser aus der Dusche brannte schon fast.
"Kein Problem" gab ich also mit zittriger Stimme zurück. Ich hielt meine Hände einige Minuten unter das kalte Wasser, bis ich fühlte, wie das Blut in sie zurück kehrte.
"Möchtest du wieder zurück? Zu den anderen meine ich?" fragte Vincent besorgt. Ich werfe erneut einen Blick auf mein Spiegelbild, nur um zu sehen, dass es sich nicht verändert hat. Auf meinen Wangen befanden sich noch die Spuren, die die Tränen hinterlassen haben. Meine Wangen waren gerötet, und meine Wimpern von Tränen und schwarzer Mascara verklebt. Zum Glück benutze ich aus Prinzip nur wasserfeste Mascara. Meine Lippen waren rau und aufgesprungen, waren jedoch nicht mehr ganz so blau vor Kälte. Meine braunen Haare, die ich vor dem Schlafengehen zu einem hohen Zopf gebunden habe, waren nass und klebten mir im Nacken und im Gesicht. Meine Stupsnase war ebenfalls gerötet, sowohl vor Kälte, als auch vom weinen. Die Person im Spiegel starrte mich aus meinem Gesicht und aus meinen karamellfarbenen Augen an, aber das war nicht ich. Ich weinte nicht, schon garnicht vor anderen Leuten. Ich kletterte nicht mit jedem x-Beliebigen Typen in Schlafsachen aufs Dach um mit ihm ein verlassenes Schwimmbad zu besuchen, in dem fremde Leute auf uns warteten. Doch in diesem Moment fühlte ich mich genau wie die Person im Spiegel aussah: verwirrt, überfordert und wütend. Wütend darauf, dass ich keine Erklärung bekam, wütend auf Alicia, dass sie mich abschätzend musterte und jeden noch so kleinen Mangel erkannte. Wütend auf mich selbst, dass ich mich so leicht von Cem hatte überzeugen lassen.Da Vincent mich immer noch fragend anschaute, schüttelte ich den Kopf. Auch wenn ich mich selbst nicht im Spiegel sah, wusste ich doch, dass weder die Person im Spiegel, noch ich zu den anderen hätte zurück gehen könnte.
"Komm. Es gibt mehrere Ausgänge hier raus" sagte Vincent und lächelte mich schelmisch an. Auch wenn mir eigentlich nicht danach zumute war, lächelte ich zurück. Er zog mich am Arm mit sich, lies mich aber nach einigen Metern los, so dass ich nun hinter ihm herlief.----------------------------------------------
400 Reads!! Mehr muss ich glaube ich nicht sagen 😱🙄❤️Und Sorry, dass der "Zusammenbruch" von Julie so plötzlich kam 😁 ich war irgendwie in der Verfassung und musste was dramatisches schreiben 😅
Hoffe euch gefällt das Kapitel trotzdem :)Eure Sarah ❤️
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Colour of Life
Novela JuvenilGrau. Farblos. In einer Welt aus Glas und Marmor. Ohne Farbe und Gefühle. Geheiratet wird nicht aus Liebe, sondern aus gesellschaftlichen Gründen. Kinder bekommt man nicht aus Fürsorge oder Zuneigung, sondern zu biologischen Zwecken. Ein Tagesablau...