13. Kapitel: 21:21 Uhr

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Irgendwann hatte ich es dann doch geschafft die Tür aufzuschließen und in mein Zimmer zu gehen. Dort angekommen, legte ich meine Tasche ab, zog mich um und kroch unter meine Bettdecke. Dort lag ich dann, sehr lange, und dachte nach.

Warum hatte ich genickt? Warum hatte mich seine plötzliche Nähe so verstört? Warum sollte ich nochmal zu diesem Schwimmbad kommen? Und die wichtigste: würde ich tatsächlich heute dorthin gehen?

Ich wusste auf keine dieser Fragen eine Antwort. Noch nicht. Die Frage, warum ich unbedingt dorthin sollte, würde sich durch die Antwort "ja" auf die letzte Frage höchstwahrscheinlich klären. Ich hatte jedoch keine Ahnung ob es das wert war. Sollte ich hingehen nur um am Ende doch nichts zu erfahren? Und höchstwahrscheinlich wieder von "den anderen" abgelehnt zu werden? Ich beschloss, dass es das nicht wert war und suchte mir erstmal was zu essen.

Entgegen allen Vorschriften hatte ich leider immer Hunger, was mir ja auch schon zum Verhängnis wurde. Mit meinem Essen wollte ich mich eigentlich vor den Fernseher setzten, lies es dann aber bleiben, da man eh nur zwei Sender schauen konnte. Auf dem einen liefen Nachrichten und auf dem anderen Filme. An den Filmen war so ja eigentlich nichts schlecht, aber leider konnte man überwachen wer diesen Sender schaute und es wurde einfach nicht gerne gesehen. Hatte man Zeit Filme zu schauen, dann war der Tagesplan nicht ordnungsgemäß, denn statt Filme zuschauen könnte man ja lieber Arbeiten gehen oder so. Den einzigen Film den man sehen durfte, kam Sonntag Abend. Immer um dieselbe Zeit und dies war auch kein Vergnügungsfilm, auch wenn es vielleicht so aussah. Hinter jedem Satz versteckte sich eigentlich ein Lehre, die den Normen der Stadt entsprach. Dazu war er auch noch ein schwarz-weiß Film. Also entschied ich mich gegen das Filmschauen und ging wieder in mein Zimmer.

*

Als es schließlich auf 21:00 Uhr zuging, würde ich nervöser. Warum? Ich hatte doch beschlossen nicht hinzugehen, warum also würde ich nervös? Außerdem, wusste ich ja nicht mal den Weg, sagte ich mir die ganze Zeit. Ich beschloss, einfach schlafen zu gehen. Ich zog mich um, ging duschen und föhnte meine Haare. Damit fertig war es 21:16 Uhr und 32 Sekunden (ja, die Uhren hatten alle eine Sekunden Anzeige). Ich kletterte in meinen kurzen grauen Schlafshorts und meinem beigen Spitzentop ins Bett und schloss die Augen.

Leider schlief ich nicht wie geplant sofort ein und so lag ich mit offenen Augen im Bett und starrte meinen Wecker an.

21:18 Uhr und 22 Sekunden

21:19 Uhr und 17 Sekunden

21:20 Uhr und 30 Sekunden

In dem Moment, als die Ziffer meines Weckers auf 21:21 Uhr umsprang, hörte ich ein Geräusch am Fenster.

Erst drehte ich mich nicht um, wagte dann aber doch einen Blick zum Fenster. Ich konnte die dunklen Umrisse einer Gestalt davor ausmachen. Dann öffnete sich mein Fenster und die Person kam herein. Ich rührte mich nicht von der Stelle, hatte mich aber mittlerweile im Bett aufgesetzt. Die Person (die ich mittlerweile als männlich ausmachen konnte) kam näher und blieb vor meinem Bett stehen. Erst als sie mir die Hand über den Mund legte, bemerkte ich, dass ich angefangen hatte zu schreien. Ich selber schlug erschrocken meine Hand vor den Mund und traf somit auf seine. Seine Hand fühlte sich groß in meiner an. Ich konnte nicht länger über seine Hand auf meinem Mund nachdenken, als ich schon vor meiner Tür Schritte hörte. Meine Eltern.

"Los unter die Decke!" fuhr ich ihn an.
"Warum?" kam nur die Antwort. Ich stockte kurz, da ich die Stimme erkannte.
"Mach schon." drängte ich und zog dabei an seinem Arm damit er sich endlich unter einer meiner tausend Decken in meinem Bett begab. Kaum war er verschwunden, kamen auch schon meine Eltern ins Zimmer.

"Was ist denn los?!" fragte meine Mutter mit einem geschockten Gesichtsausdruck.
"Nichts ich... hab nur schlecht geträumt." brachte ich stotternd hervor.
"Ok, brauchst du noch was?" fragte Mum mich, doch ich hörte sie nicht. Ich war zu abgelenkt. Ich spürte seinen Atem an meinen nackten Beinen, und sein Gewicht, welches die Matratze nach unten drückte.
"Schätzchen?" fragte Dad.

Hatte er gerade Schätzchen zu mir gesagt??? Das hat er seit 10 Jahren nicht mehr gemacht.

"Ähh was? Nein" antwortet ich und hoffte inständig, dass sie gehen würden.
"Okay, wir gehen dann. Wenn du doch noch etwas brauchst, sag Bescheid." sagte Mum und fügte noch ein "Schlaf gut" an. Ich nickte nur.

Als die beiden weg waren, atmete ich erleichtert aus.
"Schöne Beine" sagte er und schlug dabei die Decke zurück.
Ich sprang auf um etwas Abstand zwischen ihn und mir zu bringen.
"Was machst du hier? Warum musst du mich immer verfolgen? Und wie verdammt nochmal bist du in mein Zimmer gekommen?! Wir wohnen im 23. Stock!" sagte ich und wurde dabei immer lauter, während ich ihm näher kam. Jetzt stand ich ihm so nah, dass ich nur meine Hand ausstrecken brauchte und ich würde seine berühren.
"Hey, nicht so laut" sagte er besänftigend und legte mir einen Finger auf die Lippen.
"Wir wollen ja nicht, dass deine Eltern gleich nochmal hier her kommen" fügte er noch an. Durch das Lichts es Mondes konnte ich sehen, wie er grinste.
"Was machst du in meinem Zimmer?" frage ich nochmal, diesmal mit einer vor Wut gepressten Stimme.
"Beruhig dich erstmal." bekam ich nur als Antwort.
"Ich will mich aber nicht beruhigen! Es steht ein fremder Typ in meinem Zimmer im 23. Stock der einfach so durchs Fenster gestiegen ist!" wieder wurde ich während des Redens lauter und wieder legte er mir seinen Finger an die Lippen.
"Okay. Dann werde ich dich beruhigen." gab er plötzlich ganz sanft zurück. Ich wollte gerade widersprechen, als er mit seinem Finger, der auf meinen Lippen ruhte, anfing diese entlang zu fahren. Kurz war ich geschockt und stand einfach wie versteinert da, während ich mit aufgerissenen Augen in seine Augen schaute, die mich intensiv anblicken. Im dunkeln sahen seine Augen schon fast schwarz aus. Wie ein Nachthimmel, von dem ich mich nicht abwenden konnte. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bis ich die Kraft fand, seine Hand wegzuschlagen und ein leises "Lass das" hervorzubringen.

Nachdem ich mich wieder komplett unter Kontrolle hatte, fragte ich nun schon zum dritten Mal
"Was machst du hier?" und verlieh dabei jedem Wort eine besondere Betonung. Endlich bekam ich darauf auch eine Antwort.

"Ich hol dich ab"

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