Sonntag. Normalerweise: der Tag der Qualen. Heute: der Tag der Freiheit.
Da der Familienausflug heute "leider" nicht statt fand, und Mum und Dad früh auf Arbeit mussten, gab es kein nerviges Klingel des Weckers. Bis Mum und Dad von der Arbeit wiederkamen (nämlich genau in 8 Stunden 12 Minuten und 46 Sekunden) konnte ich tun und lassen was ich wollte. Natürlich nur, soweit ich mich in der Öffentlichkeit "normal" verhielt.
Also beschloss ich erstmal mir ein Frühstück zu machen. Es war jetzt genau 9:42 Uhr und 44 Sekunden. Da mein Frühstück Sonntags eigentlich aus einem Ei, einem Brötchen, genau 7,25 Gramm Butter (damit ich ja nicht auch nur 0,01 Gramm zu viel wiege) und entweder einer Scheibe Wurst, Käse, oder zwei Löffel Marmelade bestand, beschloss ich, heute mal Müsli zu essen, um meine Freiheit zu genießen. Ich hasste es, dass alles immer geplant war - was ich esse, was ich anziehe, mit wem ich mich treffe, wann ich wo sein muss.
Also machte ich mir ein großes Müsli. Mit viel Honig drin. Dazu Banane und das letzte Bisschen meines Schokoladenvorrates (nicht mehr viel...). Nach meinem (sehr ausgiebigen und sehr, sehr zuckerhaltigem) Frühstück, begab ich mich auf meinem Zimmer und plante meinen Tag.Normalerweise hasste ich ja dieses "bis-auf-die-Sekunde-genau-geplant-Ding", aber da ich mir meine Zeit sinnvoll einteilen und meine begrenzte Freiheit genießen wollte, musste es nun mal sein. Als erstes beschloss ich in den Laden zu fahren, wo es meine Schokolade gab - die von Willi Wonka (zu meinem Bedauern nicht so hergestellt wie im Film, aber ich hoffte trotzdem jedes Mal darin ein goldenes Ticket zu finden...).
Dafür brauchte ich wahrscheinlich eine knappe Stunde (da ich erst noch hinfahren musste). Danach wollte ich eigentlich nur noch Musik hören, meine Schokolade essen und in meine unglaublich weiche Kuscheldecke (die ich über alles liebte) sitzen während ich Tee trinke (ich war total Tee süchtig). Sobald ich mich dazu im Stande fühlte, mich fertig zu machen um in die Öffentlichkeit zu treten, erhob ich mich aus meinem (wieder über alles geliebten) Sessel mit der Kuscheldecke und den vielen bunten Kissen.Genau 28 Minuten und 52 Sekunden später war ich bereit das Haus zu verlassen. Ich trug (der Umgebung die draußen auf mich wartete angepasst) eine graue Hose, ein weißes T-Shirt, meine schwarzen, kniehohen Stiefel und meinen leicht Silber angehauchten Mantel (Silber war gerade noch so erlaubt, aber auch schon sehr grenzwertig). Ich schloss also die Tür ab und stiefelte ins Treppenhaus. Da ich keine Lust hatte, mit meinen Stiefel (die einen 5,376 cm hohen Keilabsatz aufwiesen) die Treppen zu laufen, musste ich wohl oder übel auf den Fahrstuhl warten.
Als ich unten angekommen war und die Türen des Fahrstuhls sich mit einem "Bling" öffneten, trat ich heraus und wäre fast gegen unseren Nachbar gelaufen. Er war ein älterer Herr und eigentlich hatte ich nicht viel Kontakt mit ihm. Naja, nachdem wir uns beide entschuldigt hatten, setzte ich meinen Weg zur Bahn fort.
Als ich endlich im "Schokoladen-Laden" angekommen war, konnte ich es kaum mehr abwarten, endlich Schokolade zu essen. Ich beeilte mich also und nahm einfach die erste Sorte die mir in die Hände fiel (davon gleich drei Stück). Ich bezahlte und trat aus dem Laden. Dabei wäre ich schon wieder fast in jemanden hinein gerannt (schon das dritte mal innerhalb drei Tage). Doch diesmal stockte ich.
Es war einfach der Typ, in den ich schon wieder fast hinein gelaufen wäre (verfolgte der mich oder was?). Ich konnte gerade noch stoppen und blieb ca. 5 cm vor dem Typen stehen. Er musterte mich mit demselben Ausdruck wie am Freitag, als er plötzlich vor unserer Tür stand. Ich starrte (genau wie am Freitag) einfach zurück. So standen wir da, bis jemand hinter mir aus dem Laden kam (vor dem wir ja immer noch direkt standen) und mich anrempelte. Dadurch wurde ich weitere 3 cm nach vorne geschubst und stolperte nun doch noch in den Typen hinein.
Diesmal fand ich alleine mein Gleichgewicht wieder und als der Typ keine Anstalten machte, zu gehen, übernahm ich das und lief an ihm vorbei. Ich war gerade mal fünf Schritte gelaufen, als ich von hinten festgehalten wurde. Ich drehte mich herum um zu sehen, was ich schon wusste. Der Typ war mir gefolgt und hatte nach meinem Arm gegriffen. Zum ersten Mal sah ich mir nicht nur seine Augen, sondern sein gesamtes Gesicht an. Er hatte sandfarbenes bzw. hellbraunes Haar. Seine Haare waren (angepasst an den Rest dieser Stadt) aufwendig nach hinten gestylt und seine blauen Augen leuchteten. Ich merkte, wie auch er mich musterte und überprüfte unauffällig (und fast automatisch) meine Frisur. Da es als ungepflegt galt, seine Haare offen zu tragen oder auch nur ein wenig zerzaust auszusehen, hatte ich mir meine kastanienbraunen Haare zu einem Zopf geflochten der nun über meine rechte Schulter nach vorne gefallen war.
Als er mit seinen blöden, funkelnden, unheimlich gut aussehenden (...) blauen Augen alles in sich aufgenommen hatte, was es eben an mir gab, schaute er wieder in meine Augen. Ich schüttelte seine Hand von meinem Arm und wollte in die andere Richtung davon laufen (aber nicht ohne ihm vorher noch eine bösen Blick zuzuwerfen). Diesmal kam ich nicht mal fünf Schritte weit. Bereits nach nur zwei und einem halben Schritt würde ich wieder am Arm gepackt und herum gedreht. Wie nicht anders zu erwarten, schaute ich (schon wieder) in zwei blaue Augen.
Ich weiß nicht, wie es ihm dabei ging (war mir ehrlich gesagt egal), aber mir reichte es. Also entzog ich meinen Arm seiner Hand. Doch er hielt mich stärker fest als gedacht. Ich hätte natürlich auch schreien können, und somit die anderen auf mich aufmerksam machen können, aber sowas gehörte sich ja nicht. Im Notfall hätte mir aber trotzdem jemand geholfen. Ich machte es trotzdem nicht. Irgendwas hielt mich davon ab. Irgendwas in seinen verdammt blauen Augen.
Da ich aufgehört hatte, mich zu wehren (fürs Erste), lockerte er seinen Griff und zog mich an meinem Arm mit ihm.
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Colour of Life
Teen FictionGrau. Farblos. In einer Welt aus Glas und Marmor. Ohne Farbe und Gefühle. Geheiratet wird nicht aus Liebe, sondern aus gesellschaftlichen Gründen. Kinder bekommt man nicht aus Fürsorge oder Zuneigung, sondern zu biologischen Zwecken. Ein Tagesablau...