8. Kapitel: blaue Augen

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Ich lief direkt hoch in mein Zimmer, schlug die Tür hinter mir zu und warf mich aufs Bett. Was zur Hölle war das denn bitte? Der Tag hatte normal begonnen, wie immer. Wie jeden Sonntag (davon mal abgesehen, dass der "Familienausflug" ausgefallen war). Wie konnte alles bitte so aus dem Ruder laufen?
Ich war viel zu erschöpft um weiter darüber nachzudenken. Ich schaffte es gerade noch so, mich in die Dusche zu schleppen, zu waschen, Zähne zu putzen und mich umzuziehen. Danach viel ich ins Bett und schlief sofort ein.

*

7:00 Uhr. Mal wieder, mein Wecker.  Zwei Wochen ist es her, dass ich "entführt" wurde. Ich habe lange darüber nachgedacht und beschlossen, einfach alles zu vergessen. Das Einzige was mich verfolgte, waren die blauen Augen. Überall blitzen sie mir entgegen und ich erschreckte mich jedes Mal. Ich wusste nicht, warum diese Augen sich so in mein Gedächtnis gebrannt hatten. Ich sah sie, wenn ich meine Augen schloss, wenn ich um eine Ecke ging, oder in der Schule, wenn die Menge der Schüler auf dem Hof versammelt war. Bis jetzt hatte ich den Typ jedoch nicht wieder gesehen, und ich war froh darüber (redete ich mir zumindest ein).
Ich saß kurz in meinem Bett und grübelte mal wieder über vergangenes nach, dann quälte ich mich hoch und lief in die Küche.

Nach dem ich in den Bus zur Schule gestiegen war, suchte ich mir einen Platz und starrte in zwei blaue Augen. Ich blickte weg, da ich sie mir sowieso nur eingebildet hatte, wie jeden Morgen. Doch trotzdem spürte ich Blicke auf mir ruhen. Ich hob erneut meinen Kopf, erblickte die blauen Augen und starrte sie an. Ich war wie gefesselt von diesem kalten, steifen Blick der in diesen Augen lag. Irgendwann schweifte mein Blick weiter, über die Nase, die Wangen, das Kinn und den Mund, auf dem mein Blick kurz verweilte, nur um dann zu den Augen zurück zukehren. Ich hatte mir alle wichtige Dinge in dem Gesicht der Augen angeschaut, doch mein Gehirn war nicht fähig, diese Teile zu einem kompletten Gesicht zusammen zusetzen. Durch die Augen, die sich immer noch in meinen Blick hinein bohrten, konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Irgendwann registrierte ich, dass mein Mund offen stand, schloss ihn wieder und brach den Blickkontakt mit den blauen Augen und deren Besitzer ab. Jetzt, da ich mich nicht mehr auf die Augen konzentrierte, war auch mein Gehirn wieder einsatzfähig und setzte die eben gespeicherten Körperteile zu einem Gesicht und einem angrenzenden Körper zusammen. Es brauchte erneut einige Sekunden um zu kapieren, was ich da eben gesehen hatte.

Die restliche Busfahrt starrte ich schweigend in meine Tasche und traute mich nicht, erneut nach den blauen Augen zu sehen. Und auch wenn ich sie nicht sah, spürte ich doch ihren Blick auf mir liegen. An der Station angekommen, an der ich aussteigen musste, stand ich auf und ging zur Tür. Ich versuchte, die Augen und die Person der sie gehörten zu ignorieren, doch ich musste direkt daran vorbei gehen, um zum Ausgang zu kommen.

Ich merkte, wie mich irgendetwas streifte und dann schließlich am Handgelenk festhielt. Ich würde herumgedreht und war gezwungen, wieder in diese unglaublichen tiefblauen Augen zusehen. Ich hatte das Gefühl, alles um mich herum würde verschwimmen, ausgeblendet, und aus meinem Gedächtnis verbannt, bis ich nur noch die blauen Augen und dessen Gesicht wahrnahm. Dem kalten Ausdruck wich für kurze Zeit ein warmer, fast zärtlicher Blick. Doch so schnell wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden.

Ich wurde von der Menge mitgerissen und somit von ihm und seinen Augen. Ich bildete mir ein, ein geflüstertes "Es tut mir leid" von ihm zu hören, war mir aber nicht sicher.
Den ganzen Tag konnte ich mich nicht konzentrieren, immer wieder dachte ich an die blauen Augen und die geflüsterten Worte, die ich zuhören geglaubt habe.
"Hey, Julie!" drang eine Stimme an mein Ohr. Ich blinzelte und sah Maya mit ihren Fingern vor meinem Gesicht  schnipsen.
"Was?" fragte ich leicht irritiert.
"Man hat dich gefragt wann die Schlacht von Bunkerhill war."
"Schlacht von Bunkerhill? Aber... wir sind doch schon... viel... weiter, eigentlich" brachte ich stotternd und verwirrt hervor.
"Wir machen gerade eine Wiederholung" klärte mich Maya auf.
"Oh, ähhh ja. Klar. Wiederholung."
"Also? Wann war sie jetzt?"
"Ähm ja. Die Schlacht von Bunker Hill war am 17. Juni 1775." sagte ich und blickte dabei niemand bestimmten an, da ich nicht wusste, wer die Frage gestellt hatte.

Nachdem ich einigermaßen durch den Unterricht gekommen bin, stieg ich um Punkt 14:32 Uhr und 40 Sekunden in den Bus nach Hause. Ich starrte die ganze Fahrt über aus dem Fenster und spielte die Szene von heute früh gefühlte 10.000 mal in meinem Kopf nach.

Irgendwann hielt der Bus vor meinem Haus und ich stieg aus. Zu Hause angekommen schmiss ich mein ganzes Zeug von mir und legte mich auf's Bett.
Ich starrte an die Decke, versuchte an nichts zu denken. Ich wollte nicht an heute morgen denken. Ich wusste nicht, was diese Situation bedeutet und was sie mir signalisiert. Ich hatte keine Ahnung, über ich mich freuen sollte, ihm wieder gesehen zuhaben, oder ob ich entsetzt sein sollte. Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte, und das nur wegen zwei blauen Augen.

Ich lag noch eine weitere Ewigkeit auf meinem Bett, erklärte mich schließlich selbst für verrückt, weil ich mir so viele Gedanken machte und begann dann meine Hausaufgaben für den Tag zu erledigen.
Danach schlenderte ich in die Küche und suchte nach was zu essen. Eigentlich ja verboten (#zuvielekalorienundso) , aber im Moment unbedingt notwendig um mich abzulenken. Da heute Dienstag war, und die dritte Woche in unserem "4-Wochen-Ernährungszyklus", gab es heute Fisch (wie jeden Dienstag alle vier Wochen). Dem entsprechend befanden sich nur Zutaten für das heutige und morgige Abendessen im Kühlschrank. Die dritte Woche im "4-Wochen-Ernährungszyklus) mochte ich am wenigsten. In dieser Woche gab es fast ausschließlich Dinge, die mir nicht schmeckten. Leider interessierte das hier niemanden, und da das Ernährungssystem für alle galt, musste auch ich mich daran halten. Am liebsten mochte ich die zweite Woche. In dieser (und in der vierten) gab es ein süßes Gericht und ich liebte einfach süße Dinge.

Wie auch immer, ich fand jedenfalls nichts leckeres im Kühlschrank, aber nochmal raus wollte ich eigentlich auch nicht. Leider hatte ich ja so gut wie keine andere Wahl, es sei denn ich verzichtet auf's essen und das kam für mich eigentlich nicht infrage.

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