Als ich aufwachte schlief Bergmann noch. Sein Atem ging regelmäßig, seine Augen waren geschlossen, er wirkte ruhig und zufrieden. Seine Haare sahen jedoch aus, als wäre er in einen Tornado geraten. Vorsichtig drehte ich mich in seiner Umarmung um, ich wollte ihn besser betrachten können, jedoch ohne ihn zu wecken. Langsam streckte ich meine Hand aus und strich ihm die störenden Haarsträhnen aus dem Gesicht. Schnell zog ich meine Hand wieder zurück, doch noch immer rührte er sich nicht. Ich erkundete mit meinem Blick sein Gesicht. Er hatte sich einen kleinen Bart stehen lassen, wahrscheinlich unter anderem aus dem Grund, dass die Rasierer im Wilden Westen nicht die Besten waren. Mir gefiel er so gut. Das ließ ihn älter und männlicher wirken. Ohne Bart sah er manchmal ein bisschen aus wie ein Kind, vor allem, da er durch seinen begeisterungsfähige und emotionalen Charakter manchmal sowieso schon wie eines wirkte. Aber ich mochte das. In seiner Nähe vergaß man schnell, was einem noch vor kurzem durch den Kopf gegangen war und wenn er etwas erzählte, tat er das mit so einer Euphorie, dass man ihm einfach zuhören musste.
Ich wusste nicht, wie lange ich ihn einfach nur ansah. Ich verlor vollkommen das Zeitgefühl, und meine Kopf kam erst wieder in der Realität an, als es klopfte. Ich hielt still und lauschte. Wieder klopfte es. Doch noch immer machte ich keine Anstalten mich zu bewegen und unserem Besucher die Tür zu öffnen. Es klopfte wieder, diesmal lauter. Wer konnte das sein? Jetzt beschloss ich endlich, aufzustehen. Eilig zog ich mir eine Hose und ein Shirt an, diesmal darauf bedacht, dass ich dies richtig herum tat, und lief zur Tür.
Als ich sah wer davor stand, bekam ich kurz keine Luft mehr. Meine Kehle war vor Angst wie zugeschnürt. Nein! Das hieß nichts gutes. „Herr Elpeh! Ich sehe doch, dass sie da sind! Machen sie die Tür auf!" Zögerlich näherte ich mich der Tür. Öffnete sie ihm. Als er mich begrüßte schaute ich nur auf den Boden. Was hatte ich nur getan? Wie hatte mir das passieren können? Warum mir. „Ich denke sie wissen, aus welchem Grund ich hier bin?" fragte er, jedoch in einem rhetorischen Tonfall. Er wusste, dass ich es wusste. Natürlich wusste ich es. Er wusste, dass wir ihn gesehen hatten. Und ich wusste, dass er gehört hatte, was ich gesagt hatte. „Wo ist er?" Er fragte das mit so einer Gleichgültigkeit, dass ich ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte. Das könnte Bergmanns Todesurteil sein, und ihn juckte das anscheinend kein bisschen. „Oben?" fragte er und lief in Richtung Treppe. Ich stellte mich ihm in den Weg. „Tun sie ihm nicht weh. Er ist ein lieber Kerl und er kann sich an nichts erinnern. Also seien sie nett zu ihm. Bitte." Dann ging ich einen Schritt zur Seite und ließ ihn durch. Ich wusste nicht, ob er sich an meine Bitte halten würde, aber einen Versuch war es wert. Im Laufen drehte er sich noch einmal zu mir um. „Oh, wie süß. Meldet sich da etwa dein schlechtes Gewissen? Etwa, weil du ihn verraten hast? Ich weiß selbst am besten, wie man mit Verbrechern umzugehen hat. Aber das tut nicht weh. Eine Kugel in den Kopf und gut ist. Er wird nichts spüren." Während er sprach grinste er gehässig. Wie ich ihn hasste. Takaishii. Selbst sein Name war lächerlich. Und sein arrogantes, selbstgefälliges Getue... Ich spürte wie sich Aggressionen in mir anstauten, meine Hände ballte ich zu Fäusten. Er wollte ihn erschießen. Dabei wusste er nichts. Nichts, außer den einen Satz, der mir raus gerutscht war. Aber das reichte doch wohl nicht, um jemanden zum Tode zu verurteilen? Aber würde er überhaupt verurteilt werden? Oder würde Takaishii ihn um die nächste Ecke ziehen und direkt eine Kugel in den Kopf jagen? Schnell lief ich ihm hinterher. Ich musste aufpassen, dass er das nicht tat. „Aufstehen! Mitkommen!" schrie Takaishii Bergmann an. Ich beeilte mich noch mehr, und sah einen vollkommen überforderten Bergmann. Er hatte vor Schreck die Augen weit aufgerissen und schien überhaupt nicht zu verstehen, was abging. „Wird das heute noch was?" Takaishii schnauzte ihn unfreundlich an und verpasste ihm eine nicht gerade sanfte Ohrfeige. Jetzt reichte es mir. Wütend sprang ich auf ihn zu und riss ihn von Bergi weg. „Tu. Ihm. Nicht. Weh. Sonst lernst du mich kennen!" Beschwichtigend hob Takaishii seine Hände. „Dann rede du mit ihm. Aber sorg' dafür, dass ich ihn gleich ins Gefängnis bringen kann. Und versucht besser nicht abzuhauen, sonst..." Drohend legte er eine Hand an seine Waffe. Ich nickte als Zeichen, dass ich ihn verstanden hatte. Dann ging ich zu Bergi. Er war immer noch völlig überfordert, aber ich konnte es ihm nicht verübeln. Es war ja nicht gerade üblich, morgens von einem schreienden Takaishii geweckt zu werden, der einen schlug, wenn man nicht sofort verstand was abging. Ich setzte mich auf die Bettkante und flüsterte ihm zu:"Er weiß Bescheid. Er will, dass du ins Gefängnis gehst. Es tut mir so Leid. Aber du musst jetzt bitte aufstehen. Wir kriegen dich dadurch. Dir passiert nichts, vertrau mir. Nur noch einmal. In Ordnung?" Schwach nickte er. Sein Blick war trüb geworden. Er hatte sich seinem Schicksal ergeben. Und er hatte Angst, das spürte ich. „Hey, gib die Hoffnung nicht gleich auf! Ich gebe dich auch nicht auf. Wir bringen das wieder in Ordnung." Beruhigend strich ich durch seine Haare und über seine Wange. „Du musst jetzt aufstehen. Bitte." Endlich schaffte ich es, zu ihm durchzudringen, und er setzte sich auf. Ich versuchte ihm aufmunternd zuzulächeln, aber es fiel mir schwer. War das nicht eigentlich auch auf irgendeine Weise Verrat? Wenn ich ihm Hoffnungen machte, obwohl es hier nichts mehr zu hoffen gab? „Ist das ekelhaft. Könntet ihr zwei Schwuchteln bitte aufhören euch verliebt anzustarren und euch stattdessen lieber mal auf den Weg machen?" Mit kontrolliertem Blick wendete ich mich zu Takaishii um. „Ich bin nicht schwul. Nur damit das klar ist. Aber wenn du ihn so erschreckst muss ich ihn halt beruhigen. Wenn du nicht so ignorant mit aufgesetzten Scheuklappen durch die Gegend stolzieren würdest, wäre dir das vielleicht auch aufgefallen." Dann wendete ich mich wieder Bergi zu und versuchte ihn mit einem Nicken zum Aufstehen zu animieren. Als ich sah, dass es funktionierte stand ich auf und sammelte seine Kleidung auf. Diese reichte ich ihm. Er sollte ja nicht halbnackt vor die Tür gehen müssen. „Danke." Seine Stimme war kratzig und leise. Er schien wirklich kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen. Ich war leider nicht gut im aufmuntern. Sonst hätte ich jetzt etwas sinnvolleres getan, als mitleidig schauend neben ihm zu stehen. Nachdem er sich etwas angezogen hatte bedeutete Takaishii uns, ihm zu folgen. So führte er Bergmann zum Gefängnis, stieß ihn hart in die Zelle, wofür er von mir einen bösen Blick erntete, und schloss sie ab. „Keine Angst. Du kommst vor Gericht. Davor hast du nichts zu befürchten. Es sei denn, mir wird langweilig." Bei seinen letzten Worten wollte ich ihm am liebsten eine reinhauen. Doch das schien sein Ziel gewesen zu sein, denn er grinste mich triumphierend an. Wieder an Bergmann gewandt sagte er:"Es ist echt zu lustig, deinen Freund zu provozieren. Vielleicht wird er ja bald handgreiflich. Dann kann ich ihn auch verurteilen. Wäre das nicht romantisch? Gemeinsam in den Tod." Laut lachte er und schaute mich herausfordernd an. „Na, was hältst du von meiner Idee, kleine Schwuchtel?" Um mich unter Kontrolle zu behalten krallte ich mir meine Fingernägel so stark in den Arm, dass es weh tat. So viel Wut hatte sich in mir angestaut. Aber ich durfte ihr keinen freien Lauf lassen. Takaishii sah mich abwartend an. „Hätte ich nicht gedacht. Respekt. Ich dachte das reicht, damit du auf mich losgehst. Vielleicht habe ich mich getäuscht. Vielleicht ist er dir ja doch nicht so wichtig." Er kramte noch einmal seinen Schlüssel hervor und öffnete die Zellentür wieder. Angespannt beobachtete ich jede seiner Bewegungen. Was hatte er vor? Langsam ging er auf Bergi zu. Warf mir immer wieder einen prüfenden Blick zu, als würde er überprüfen wollen, ob ich denn auch wirklich zu ihm sah. Dann stand er neben Bergi und warf mir noch einen kurzen Blick zu. Ein diabolisches Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, während Bergi ängstlich vor ihm stand. Er war gefangen. Man sah ihm an, dass er fliehen wollte, aber wohin, wenn man sich in einer winzigen Gefängniszelle befand? Dann drehte Takaishii sich blitzschnell um, packte Bergi im Nacken und küsste ihn. Die Szene spielte sich wie in Zeitlupe vor mir ab. Bergi versuchte ihn wegzuschieben, aber Takaishii war stärker, schob eine Hand unter sein Shirt und zog ihn noch näher an sich. Ich stand unter Schock. Ich war wie gelähmt. Was...
Noch bevor ich den Schreck überwunden hatte, rannte ich los. Sprintete die paar Schritte bis zu den beiden. Blind vor Zorn riss ich Takaishii von Bergi weg. Aber ich durfte nicht handgreiflich werden. Ich musste mich zusammenreißen. Bleib ruhig, Manuel!
„WAS FÄLLT DIR EIN?" brüllte ich Takaishii an. Im Augenwinkel sah ich Bergmann, welcher sich verängstigt in der Ecke gekauert hatte. „WAS DAS SOLLTE HABE ICH GEFRAGT!" Als ich sah, dass Bergmann bei jedem meiner geschrienen Worte zusammenzuckte, verstummte ich. Takaishii schaute mich einfach nur gelangweilt und enttäuscht an. „Ich glaube ich habe dich unterschätzt. Soviel Willensstärke hätte ich dir nicht zugetraut." Ich ignorierte ihn und ging zu Bergi, der noch immer in der Ecke auf dem Boden kauerte. Ich setzte mich auf den kalten Boden neben ihm und schaute ihn an. Doch ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Vorsichtig legte ich einen Arm um ihn. Er zuckte kurz zurück, wehrte sich aber nicht. „Awwww, wie süüüüüß. Manu und Bergi, unser neues Traumpaar. Wer hätte das gedacht?" Takaishii fing wieder an zu lachen und kam auf uns zu. Ich stand auf und stellte mich beschützend vor Bergmann. „Es reicht. Lass ihn in Ruhe." Takaishii nickte. „Ok, von mir aus. Aber dann komm. Ich will die Zelle wieder abschließen." Ich schaute Bergi noch einmal entschuldigend an, dann ließ ich ihn alleine und ging wieder raus auf die Straße. Er tat mir so Leid. Und ich war auch noch schuld an alledem. Aber was am Schlimmsten war: Takaishii hatte ihn vor mir geküsst. Also, nein. Ich fand es schlimm, dass er ihn überhaupt geküsst hat. So war das gemeint gewesen. Und ich ließ ihn auch alleine. Was, wenn er Angst hatte? Nachts, alleine im Gefängnis, noch nicht einmal ein richtiges Bett hatte er. Es war schwer, nein, fast schon unmöglich zu realisieren, dass ich noch heute morgen glücklich in seinen Armen gelegen hatte. Und Takaishii dachte auch, dass wir zusammen waren. Aber das war doch nicht möglich? Noch nie hatte ich mich für einen Mann interessiert. Außerdem: bemerkt man es nicht normalerweise, wenn man verliebt ist?
„Hey, Manu! Dich habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen! Wie geht es dir?" Klaus kam fröhlich auf mich zu gehüpft, doch seine Miene veränderte sich schlagartig, als er meinen Gesichtsausdruck sah. „Was ist passiert?" Ich konnte ihm nicht antworten. Denn all die Gefühle und Empfindungen, die sich in den letzten Stunden in mir angestaut hatten, konnte ich nun nicht mehr zurückhalten. Verzweifelt schluchzte ich und Tränen liefen in Strömen über mein Gesicht. Klaus nahm mich am Arm und zog mich in mein Haus. Dort verfrachtete er mich in eine gemütliche Ecke und setzte sich mir gegenüber hin. Er sagte nichts, wartete einfach, bis ich mich beruhigte. „Was ist passiert?", fragte er wieder. Ich sammelte mich, dann erzählte ich ihm, was passiert war.
„Du magst ihn, oder?" Klaus fragte das in einem so ruhigen und selbstverständliche Ton, dass ich das erste mal wirklich darüber nachdachte, was ich antworten sollte, und mich nicht gleich verteidigte. „Ich weiß es nicht. Ja klar, ich mag ihn. Aber ich bin mir nicht sicher wie sehr." Er nickte verständnisvoll. „Also weißt du nicht, ob du ihn als Kumpel magst oder als... mehr?" Ich nickte zögerlich. Aufmunternd klopfte er mir auf die Schulter. „Das ist doch nicht schlimm. Du wirst das schon bald merken. Vielleicht wehrst du dich ja auch einfach gegen den Gedanken, dass du schwul, beziehungsweise Bi sein könntest. Aber mach dir nicht zu viele Gedanken. Jetzt müssen wir erst einmal aufpassen, dass Takaishii ihn in Ruhe lässt." Glücklich lächelte ich ihn an. „Heißt das, du hilfst mir?" Er nickte bestätigend. „Selbstverständlich helfe ich dir. Wofür sind Freunde denn da?" Überglücklich umarmte ich ihn. Dann ging er. Er wolle mich mit meinen Gedanken ein bisschen alleine lassen, damit ich alles heute geschehene verarbeiten könnte. Das waren seine Worte, als er mich alleine ließ. Alleine mit meinen Gedanken und Schuldgefühlen. Doch bevor ich mich mit meinen verzweifelten Gedanken noch in den Selbstmord trieb, dachte ich über schöne Dinge nach. Herr Bergmann zum Beispiel.Ich hatte sein Gesicht heute morgen so intensiv studiert, dass ich es perfekt vor meinem inneren Auge rekonstruieren konnte. Seufzend schloss ich meine Augen. Ich kam mit meiner Gefühlswelt einfach nicht mehr klar. Ich musste das unbedingt wieder in den Griff bekommen.
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Die zwei Seiten eines Menschen
FanfictionHallo als erstes das ist nicht meine eigene ff die habe ich auf Fanfiction. de gefunden und ich hab die fertig gelesen und sie ist echt der Hammer deswegen zeige ich euch sie viel Spaß es ist eine GLP x Herr Bergmann ( es gibt viel zu wenig aber na...