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Nun, hier waren wir im Gefängnis. Ein kleiner Familienbesuch, sozusagen.

Mit Tränen in den Augen sah ich sie an. Meine Lippen öffneten sich, um etwas zu sagen, aber sie schlossen sich gleich wieder. Meine Augen fixierten sie stumm. Ich erkannte sie nicht mehr. Ich erkannte meine Mutter nicht mehr.

Ihre Augen waren leer. Kein „Es tut mir leid für den Kummer, den ich verursacht habe." Keine Reue. Nur Leere. Dunkle Schatten unter ihren Augen ließen sie noch erschöpfter wirken. Ihre Lippen waren spröde, ausgetrocknet.

Sie sagte nichts. Sie sah mich an und erwartete, dass ich es war, die die ersten Worte fand. Ich war überfordert. Was sollte ich sagen? Wie sollte ich mich verhalten? Was wäre angemessen gewesen, in diesem Gefängnisraum, der mir eine Gänsehaut verpasste?

Es war das erste Mal, dass ich mich überwunden hatte, sie zu besuchen. Das erste Mal, dass ich wirklich reinging, das erste Mal, dass ich sie seit langem sah.

Sie tat mir leid. Ganz ehrlich. Mein Herz schmerzte, als ich sie so sah. Sie war immer eine Träumerin gewesen, immer der Wahrheit hinter den romantischen Filmen und Büchern auf der Spur, immer auf der Suche nach der „wahren Liebe".

Sie hatte sich verliebt, hatte die Realität aus den Augen verloren und dabei auch mich – ihre Tochter. Ich versuchte, sie zu verstehen. Ich versuchte es so sehr, dass ich Tag und Nacht darüber nachgrübelte. Wie konnte Liebe so blind machen, dass sie selbst die Liebe zur eigenen Tochter in den Hintergrund stellte?

Sie hatte sich so sehr nach der „wahren Liebe" gesehnt, und als sie dachte, sie hätte sie gefunden, tat sie alles dafür – selbst in Handschellen und mit nur einer Stunde Freigang am Tag. Selbst hier, an diesem leeren Ort, wo es schwerfällt zu träumen, verriet sie nicht den Namen ihrer „Liebe", auch nicht den Polizisten.

Sie war schon immer naiv gewesen, wenn es um Liebe ging. Wenn sie liebte, dann bedingungslos. Und ich sah es in ihren Augen: Sie sehnte sich nach ihm. Sie wünschte sich, er würde sie besuchen – nicht ihre Tochter.

Ich hatte es akzeptiert. Ich würde nicht mehr versuchen, sie für ihre Gefühle zu bestrafen.

Aber eines verstand mein Verstand immer noch nicht: Wie konnte sie alle ihre moralischen Werte über Bord werfen, sich so plötzlich ändern – und das nur wegen eines Gefühls? Wegen Liebe?

Sie akzeptierte, dass sie im Gefängnis war. Und sie akzeptierte, dass ich jetzt alleine war. Allein. Mein Körper zitterte, meine Unterlippe bebte, und meine Atmung wurde unregelmäßig bei dem Gedanken, von ihr vergessen worden zu sein. Meine Mutter hatte mich vergessen. Die Person, die mich am meisten lieben sollte. Hatte meine Liebe nicht ausgereicht? Diese Frage stellte ich mir oft.

„Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, Kleines", sagte meine Mutter schließlich, während sie mich mit einem verunsicherten Lächeln ansah. „Ich weiß, ich habe einen riesen Fehler begangen, und du musst jetzt dafür büßen. Ich hätte das niemals zulassen sollen, ich war nicht bei klarem Verstand. Bitte, glaub mir. Du hast jeden Grund, sauer auf mich zu sein. Aber Kleines, wir werden es schaffen. Du wirst es schaffen. Du musst es schaffen. Ich habe etwas Geld zur Seite gelegt. Das wird dir erstmal helfen, bis du einen Job gefunden hast."

Ihre Worte drangen nur schwer zu mir durch. Ich konnte kaum folgen, so wirr war mein Kopf. Wie konnte sie so ruhig über die Zukunft reden, als wäre es nicht der schlimmste Alptraum, den ich je erlebt hatte? Als würde das nicht alles in meiner Zukunft verändern und meine Träume zerstören.

Sie hatte recht, ich war wütend. Aber mein Körper reagierte nicht. Ich wollte schreien, wollte ihr sagen, wie enttäuscht ich war, wie sehr ich es hasste, was sie getan hatte. Wie sehr ich es hasste, nun alleine sein zu müssen.

Sie wusste von meiner Angst. Der Angst, allein zu sein. Allein mit all meinen Sorgen und Ängsten, die wieder einmal nur auf meinen Schultern lasteten. Ich wollte sie genauso verletzen, wie sie mich verletzt hatte. Sie sollte leiden, wie ich die letzten Monate gelitten hatte. Aber ich konnte es nicht. Ich sah sie an und brachte keine Worte heraus.

Ich betrachtete ihre langen, dicken, hellbraunen Haare, ihre vollen Lippen und ihre erschöpften Augen. Sie war meine Mutter. Und egal, wie sehr ich es wollte – und ich wollte es wirklich – ich konnte sie nicht hassen. Ich konnte sie nicht dafür hassen, dass sie geliebt werden wollte. Denn ich sehnte mich auch nach Liebe. Ich sehnte mich nach ihrer Liebe.

Ich nahm ihr das nicht übel, dass sie mich übersah. Ich wusste, sie wusste selbst nicht, dass sie es tat.

„Mum, es ist okay, wirklich", flüsterte ich schließlich, meine Stimme brach.

„Ich kenne dich, und ich sehe dich, auch wenn du denkst, ich sehe dich nicht. Du hast das Recht, sauer zu sein, traurig zu sein. Du darfst schreien, und du solltest es auch. Ich weiß, dass du denkst, du musst alles alleine durchstehen, aber das ist nicht wahr. Es ist nicht deine Aufgabe, meine Fehler auszubaden."

Sie bemühte sich, und ich sah es. Ich sah ihre Bemühungen. Aber ich war noch nicht so weit. Nicht heute.

„Ich will nur die kommende Zeit überstehen", antwortete ich ruhig. „Mehr will ich nicht. Meine Gefühle sind heute nicht wichtig. Ich werde schreien, aber nicht heute."

Wir wussten beide, dass es nicht so einfach war. Aber jeder versteckt sich vor der Wahrheit. Ich versuchte es, so lange wie möglich.

Einige Minuten später verließ ich den Besucherraum und warf einen letzten Blick auf das Gebäude, in dem ich in Zukunft meine Mutter besuchen würde.

Meine Gedanken kreisten. Wie würde ich die Schulden meiner Mutter abbezahlen? Wie würde ich so viel Geld auftreiben, ohne mich selbst zu verlieren? Ich war alleine. Und konnte nicht auf die Unterstützung von irgendjemandem zählen. Einen Vater hatte ich nicht – höchstens einen Erzeuger.

Aber es gab eine Person, auf die ich mein ganzes Leben lang zählen konnte. Die wahre Liebe mancher Menschen ist die beste Freundin. Die beste Freundin, mit der man die guten und die schlechten Momente teilt – den Liebeskummer und den Hoffnungsschimmer.

Sie wartete bereits auf mich, ein unsicheres Lächeln auf den Lippen, angelehnt an ihr Auto. Sie sah mich an. Sie rauchte, eine schlechte Angewohnheit, die sie tausendmal versucht hatte abzulegen. Doch sie selbst sah nicht, was ich in ihr sah: eine bildhübsche Frau mit langen, pechschwarzen Haaren und goldbrauner Haut. Ihre Lippen, stets in rotem Lippenstift nachgezogen, waren zu ihrem Markenzeichen geworden.

„Isabel", flüsterte ich schwach und ließ mich von ihr in eine Umarmung ziehen.

„Nena, diese Situation, egal wie hoffnungslos sie erscheint, vergiss nicht, dass du nicht alleine dadurch musst. Ich bin bei dir", sagte sie aufmunternd.

Ich war dankbar.

Wir machten uns auf den Rückweg. Ich genoss die Stille. Endlich konnte ich mich zurücklehnen und meine Augen schließen. Ich hörte der Musik zu, die aus dem Radiosprecher kam.

Meine Gedanken fanden kein Ende. Die Geldsorgen machten mir zu schaffen. Am härtesten traf mich die Tatsache, dass ich mein Studium abbrechen musste, wenn ich mehrere Jobs finden wollte. Einer würde nicht reichen, ich musste alles in Bewegung setzen, mindestens drei zu finden. Eine harte Zeit stand mir bevor, aber ich war bereit, sie zu überstehen. Mir blieb keine Wahl.

ᴍᴀꜰɪᴀ'ꜱ ᴍᴀɴWo Geschichten leben. Entdecke jetzt