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Ich fand keinen Schlaf. Meine Augen wurden einfach nicht müder, meine Gedanken hielten mich wach, ließen es nicht zu, dass ich endlich zur Ruhe kam. Ich überlegte, wie es nun weitergehen sollte. Wo sollte ich einen neuen Job finden? Wie sollte ich all den anderen erklären, warum ich mein Studium abgebrochen hatte?

Die Nacht war so still, doch meine Gedanken waren unglaublich laut. Ich entschied mich, meinen erschöpften Körper aus dem Bett zu zwingen. Wenn ich ihm schon keinen Schlaf geben konnte, dann wenigstens etwas Nahrung.

Unser Kühlschrank war leer. Nur eine halb leere Packung Eier und eine längst abgelaufene Packung Milch waren zu sehen. Rühreier – zwar nicht mein bestes Gericht, aber mein Körper würde es mir danken.

Meine Gedanken raubten mir seit Tagen den Schlaf und jetzt auch noch den Appetit. Ich sah nicht mehr gesund aus. Um ehrlich zu sein, sah ich beschissen aus. Aber ich musste mich zusammenreißen. Es musste weitergehen. Mein Leben musste weitergehen. Mit jedem Bissen Rührei, das absolut widerlich schmeckte, versuchte ich, mein Leben wieder in Gang zu bringen.

Trotz der großen Versuchung, meinen Körper einfach in den Schlaf zu schicken, konnte ich ihm nur zwei Stunden Ruhe gönnen. Bereits um 6 Uhr stand ich vor meinem Badezimmerspiegel und starrte in meine leeren Augen. Sie sagten mehr, als Worte es je könnten. Leere. Hoffnungslosigkeit.

Ich erkannte mich kaum wieder. Meine einst strahlend grünen Augen glänzten nicht mehr, kein Funken war mehr da. Mein Haar – das schöne, hellbraune Haar meiner Mutter – hatte ebenfalls seinen Glanz verloren. Gut auszusehen war mittlerweile zur Nebensache geworden. Aber um einen Job zu finden, musste ich mich heute zusammenreißen.

Das kalte Wasser half mir, wach zu werden. Endlich fühlte ich mich besser. Für ein paar Minuten entspannte sich mein Körper. Keine Stimmen mehr in meinem Kopf, die mir flüsterten, was auf mich zukommen würde. Die Dusche half mir. Sie half mir, mich in jemanden zu verwandeln, der ich nicht mehr war. Die Schminke verdeckte meine Sorgen. Ich sah wieder gesund aus – zumindest auf der Oberfläche.

Gestresst ließ ich meinen fast leeren Kaffee stehen und lief zu Isabel, die bereits auf mich wartete. Ich umarmte sie und genoss die Vertrautheit. Endlich etwas Wärme in dieser leblosen Umgebung.

„Bist du soweit?", fragte sie mich lächelnd. „Endlich! Du siehst wieder aus wie du, Nena", stellte sie freudig fest. So nannte sie mich seit wir klein waren – die „kleine Nena". Ein spanischer Kosename. Ich mochte es, denn nur die Menschen, denen ich wirklich vertraute, nannten mich so. Es war zu einer schönen Gewohnheit geworden.

„Ich bin sowas von bereit", antwortete ich, obwohl ich es nicht war. Ganz ehrlich, ich glaube, ich würde nie wirklich bereit sein.

Im 4. Stock zu leben, und das ohne Aufzug, war echt eine harte Prüfung. Das einzig Gute daran war der Spaß, den man dabei hatte, wenn man die Treppen hinunterlief oder hinabsprang. Lachend stürmten wir das Treppenhaus nach unten.

Ich stieg aus Isabells Auto, in der linken Hand die Bewerbung und in der rechten meine Abmeldung fürs Studium. Sie setzte mich an der Uni ab und fuhr gleich danach mit quietschenden Reifen davon.

In den letzten Wochen hatte ich mich nicht besonders auf mein Studium konzentriert. Es hatte sich schon vor einiger Zeit herumgesprochen, dass meine Mutter im Gefängnis saß, was nicht gerade förderlich für meinen Status als beliebtes Mädchen war. Ich hatte kein großes Interesse daran, hier Freunde zu finden. Ich wollte nur die Vorlesungen überstehen. Neue Menschen kennenzulernen war nie meine Stärke, also beließ ich es dabei.

Ich machte mich auf den Weg zum Sekretariat, ignorierte dabei alle Blicke, die auf mir ruhten. Die Stimme der Sekretärin war laut und direkt – eine Eigenschaft, die ich an ihr schätzte. Ich hatte sie nur zwei Mal getroffen, aber sie hatte einen positiven Eindruck bei mir hinterlassen.

„Hallo, ich möchte gerne meine Abmeldung abgeben. Ich werde mein Studium abbrechen", sagte ich mit einem unsicheren Lächeln. Auch wenn ich kein Problem damit hatte, mein Studium zu beenden, schämte ich mich trotzdem. Für mich war es ein Misserfolg. Ich hatte etwas angefangen und mittendrin aufgegeben. Das war etwas, das ich immer zu vermeiden versuchte. Es gab mir das Gefühl, versagt zu haben.

„Oh, das ist aber schade. Ich habe so viel Positives über deine Leistungen gehört. Du hast wirklich großes Potenzial. Bist du sicher, dass du aufhören willst?" Sie rückte ihre Brille zurecht und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, während sie auf meine Antwort wartete.

„Ich bin mir absolut sicher", antwortete ich schroff, bevor ich das Sekretariat stürmte. Ihre Komplimente konnte sie sich sparen. Ich wusste selbst, wie gut ich war. Doch all das bestätigte nur meine Gefühle: Ich war eine Versagerin.

Ich versuchte mich zusammenzunehmen. Ich war mit einem anderen Ziel hierhergekommen. Etwas hatte jetzt höchste Priorität. Die Tatsache, dass ich immer noch kein Geld hatte, war nicht neu, aber ich musste sie ändern.

Gerüchte verbreiteten sich schnell, besonders an einer Universität – noch schneller, wenn es um Drogen ging. Ich hatte gehört, dass wir an unserer Uni einen erfolgreichen Dealer hatten.

Von Drogen hielt ich nichts. Sie waren etwas, was ich niemals berühren würde. Aber sie waren nun mal eine Goldgrube. Eine Goldgrube, die ich dringend brauchte. Mehr als alles andere. Und so kam mir der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht so unvernünftig wäre, sie zu verkaufen. Vielleicht.

Natürlich würde ich weiterhin nach einem normalen Job suchen. Aber das Gehalt als Dealerin war nun mal höher. Vielleicht ähnelte ich meiner Mutter mehr, als ich gerne zugab. War ich das? War ich das, wenn sie mich in diese Situation brachte? Wenn sie die Ursache meines Dilemmas war?

Ich begab mich auf die Suche. Doch nun stellte sich mir die Frage: Wie sieht ein Drogendealer aus? Wie in den Filmen oder doch ganz anders? Ich durchkämmte den hinteren Campus, und genau als ich fast aufgeben wollte, fand ich ihn.

Er war schwarzgekleidet, groß, lässig und nicht älter als 22 Jahre.

Plötzlich überkam mich ein unsicheres Gefühl. Angst schlich sich in mir hoch. Es könnte alles Mögliche passieren. Er könnte gefährlich sein, einer Gang angehören oder gewaltsam reagieren. Ich wusste nicht mehr, ob ich einfach umdrehen und gehen sollte oder meinen Plan durchziehen sollte. War ich doch naiver, als ich dachte? Hatte ich zu viele Bücher gelesen? Handelte ich rational oder war ich einfach nur von Hoffnungslosigkeit geblendet?

Ich konnte keinen Rückzieher mehr machen. Schließlich hatte ich nichts mehr zu verlieren.

Mit unsicheren und langsamen Schritten näherte ich mich ihm.

Seine Haltung und Körpersprache zeigten eindeutig, dass er nicht angesprochen werden wollte – ein Zeichen, das ich bewusst ignorierte.

Er hatte ein hübsches Gesicht, eigentlich sogar ein freundliches Gesicht. Seine Locken fielen ihm ins Gesicht. Auf den ersten Blick stand ein ganz normaler Student vor mir.

Ich war gespannt auf seine Reaktion. Es gab unendlich viele Situationen, in denen das Ganze hier enden konnte.

Meine Angst war förmlich greifbar. Aber kann man mir das verübeln?

Und da stand ich nun, mit einem unsicheren Lächeln, und winkte ihm zu. Ich hatte einfach zugewinkt, obwohl er direkt vor mir stand. Ich wollte mir auf die Stirn klopfen, mich umdrehen und einfach gehen. Wow, wie peinlich.

Er würdigte mich keines Blickes, und das verstärkte meine Unsicherheit nur noch mehr. Es war viel schwieriger, als ich gedacht hatte.

ᴍᴀꜰɪᴀ'ꜱ ᴍᴀɴWo Geschichten leben. Entdecke jetzt