Auch die übrigen Tage ließ sich Danial während unserer Zeit in England nicht mehr blicken. Nur einmal glaubte ich ihn zu sehen, in London in der U-Bahn. Er fiel mir auf, weil er völlig unbewegt in der Mitte des Ganges stand. Während alle anderen sich an den Stangen und Sitzen festkrallen mussten um nicht von links nach rechts und wieder zurück geschoben zu werden, stand er da, als hätte er sein inneres Gleichgewicht gefunden. Als könnte nichts ihn mehr umstoßen. Kein Mensch konnte in dieser wackligen Bahn so sicher stehen! Doch bevor ich sein Gesicht erkennen konnte, stolperte eine beleibte Frau zwischen uns und ich konnte ihn nicht mehr sehen. Als wir ausstiegen, war er verschwunden.
Die Zeit verflog schneller als wir wollten. Schon saßen wir wieder im Bus und traten die Rückfahrt an. Unsere Gasteltern standen am Parkplatz und winkten. Eine leichte Wehmut erfasste mich. Ich wäre gern noch länger geblieben. Aber der Bus fuhr. Und fuhr. Und fuhr.
Wir schliefen nicht. 22 Stunden lang wurde gelacht, gesungen, geredet. Entsprechend müde war ich, als ich endlich zu Hause ankam.
Meine Eltern holten mich ab und ließen mich direkt ins Bett gehen. Ich musste nicht mal meine Tasche ausräumen. Aber bevor ich schlafen konnte, musste ich dringend was klären.
“Danial, komm sofort her und mach dich sichtbar, oder es gibt Ärger“, befahl ich mit gespielt böser Stimme.
“Zu Befehl, Sir. Warum denn so ärgerlich?“
Erschrocken fuhr ich herum. Da lag er. Ganz entspannt auf meinem Bett.
“Wo warst du die ganze Zeit?“, fuhr ich ihn an.
“Ich war da. Wie immer.“
“Du hättest dich ruhig mal zeigen können!“
“Du weißt, dass es mich für dich gar nicht geben sollte.“ Er schüttelte den Kopf. “Du bist müde, Melody. Du solltest schlafen.“
“Nein, ich will jetzt erst noch ein paar Sachen klären.“
Ergeben seufzte er. “Okay, aber zieh dir wenigstens schon deine Schlafklamotten an, damit du dann sofort schlafen kannst.“
Ich nahm den Kompromiss an. “Dreh dich weg.“
Gehorsam drehte er sich Richtung Fenster und schloss die Augen, während ich mich umzog.
“Schrei bitte, falls etwas passiert, damit ich dich noch retten kann“, murmelte er.
“Haha“, brummte er.
Ich verbrauchte lächerlich viel Zeit damit, mir mein Schlafoutfit zusammen zu stellen. Er hatte mich schließlich schon tausende Male beim Schlafen gesehen. Vermute ich mal.
In Jogginghose und übergroßem Chiller-T-Shirt ließ ich mich neben ihn aufs Bett fallen.
“Fertig?“, fragte er mit weiterhin geschlossenen Augen.
“Ja, fertig.“
Er lächelte mich an, aber jetzt aus der Nähe sah ich, dass er dunkle Schatten unter den Augen hatte.
Vorsichtig strich ich über die weiche, verfärbte Haut.
“Was ist los?“, fragte ich.
“Ich bin müde. Wie du habe ich in den letzten 36 Stunden nicht geschlafen. Solange der Mensch wach ist, bleibt auch der Schutzengel wach. Und wenn ihr schlaft, dürfen auch wir schlafen“, erklärte er bereitwillig.
“Oh, das tut mir leid, dass ich dich so lange wachgehalten habe.“
“Wir ertragen Müdigkeit besser als ihr Menschen“, er grinste. “Aber trotzdem lässt auch unsere Aufmerksamkeit mit mangelndem Schlag nach.“ Er sortierte seine Flügel neu auf dem Bett. Wir saßen uns gegenüber und beobachteten gegenseitig die Reaktionen des anderen.
“Und du...bist...ähm...wirklich immer da?“, druckste ich herum.
Er lachte. “Worauf willst du hinaus?“
“Naja, ich nehme mal an, du musst immer auf mich achten... auch unter der Dusche? Oder auf dem Klo?“ Jetzt wars raus.
Er lachte mich nicht aus. Okay, seine Mundwinkel zuckten durchaus, aber er hielt sich unter Kontrolle.
“Also theoretisch ja. Und am Anfang hab ich dich wirklich überall hin begleitet. Aber als du dann in dem Alter warst, in dem du deine Eltern aus dem Bad ausgeschlossen hast, habe auch ich entschieden, doch in dieser Zeit allein zu lassen, auch auf die Gefahr hin, dass ich dich solange nicht retten kann. Es kam mir irgendwie falsch vor, dich dabei zu beobachten.“
Ich atmete erleichter auf. “Erzähl mir mehr!“
“Kann das nicht bis morgen warten? Wenn wir wach und ausgeschlafen sind?“
“Meinetwegen“, räumte ich ein. Ich war tatsächlich ziemlich müde.
Erschöpft legte ich den Kopf gegen Danials Flügel. Im nächsten Moment war ich weg im Reich der Träume.
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Love Angel
Novela JuvenilMein Engel beschützte mich schon seit meinem ersten Tag. Und obwohl mir niemand glaubte, wusste ich es. Denn ich hatte ihn gesehen. Schon damals und nun wieder. Und ich würde ihn nochmal sehen. --- Melodys Schutzengel ist immer für sie da. Daran gl...
