Verwirrt trat ich vor die Kathedrale und wartete darauf, das der kühle Wind meine Gedanken ordnete.
Warum hatte ich mich gerade mit meinem Lehrer über Engel unterhalten? Okay, genau genommen war er nicht mein Lehrer, sondern nur ein Lehrer an unserer Schule, aber trotzdem. Das Gespräch war schon ziemlich tiefgründig gewesen.
Nele packte mich von hinten an den Schultern. "Gehen wir jetzt shoppen? Beim Hollister hier hat es 70% Sale."
Ich nickte. "Von mir aus."
Zu siebt zogen wir los; drei Mädchen und vier Jungen.
Es brauchte lang, bis ich mich überreden ließ, etwas anzuprobieren. Ich war nicht gut im shoppen. Ich konnte Kleidung kaufen, die ich brauchte, aber einfach so? Geldverschwendung.
Trotzdem zog ich Julian zu liebe ein Kleid an.
Es war tatsächlich ganz hübsch. Dunkelblau mit türkisem Muster. Kleine silberne Steinchen machten das ganze perfekt.
Der Ausschnitt war vorne nicht allzu gewagt, hinten war er aber doch tief. Zwei Bänder überkreuzten sich am Rücken, sodass die Schulterplätter frei blieben.
Ja, es war tatsächlich ganz hübsch.
"Bist du soweit?", fragte Julian vor der Umkleidekabine.
"Ja, jetzt komm mal endlich raus." Ich sah vor meinem inneren Auge, wie Nele ungeduldig hin und her wippte.
"Jaja, bloß kein Stress."
Langsam schob ich den Vorhang zur Seite und trat heraus.
"Ohaa!", rief Nele. "Dreh dich mal!"
Langsam befolgte ich ihren Befehl. Ich legte die Haare über die Schulter, um das tolle Rückenteil zu präsentieren und wandte ihnen den Rücken zu.
Julian sog scharf die Luft ein.
Drei Sekunden später begriff ich, dass das nichts mit dem Kleid zu tun hatte.
"Du hast echt schon zwei Tattoos?"
Oh, das hatte ich ganz vergessen. Automatisch bewegte ich meine Hände mach hinten zu den Tattoos, aber Julian war schneller. Seine Finger berührten meine Schulterblätter, strichen über die schwarze Tinte.
"Ja."
"Wo hast du sie gemacht?"
"Im Urlaub, aber meine Eltern mussten mit."
"Sie sind wirklich schön."
Ich lächelte. "Danke."
Ich wich wieder in die Umkleide zurück. Bisher hatten nur meine Eltern und Nele diese Tattoos gekannt.
Ich drehte den Spiegel so, dass ich gut meinen Rücken sehen konnte.
Links auf dem Schulterblatt umschlang sich ein geschwungener Violinschlüssel. Rechts schwebte eine kleine Feder.
Diese beiden Zeichen verbanden die wichtigsten Dinge in meinem Leben. Musik und Engel.Ich nahm das Kleid nicht. Ja, natürlich, es gefiel mir. Und ja, es war reduziert. Aber ich hatte Zuhause schon drei Kleider und das reichte mir vollkommen. Man braucht keinen Schrank voller Kleider, um glücklich zu sein.
Julian verstand das nicht. Er hatte das Kleid toll gefunden. Aber er verstand sowieso viele meiner Entscheidungen nicht. Seine Lebensweise, seine Philosophie, war einfach eine völlig andere als meine und deshalb würden wir, obwohl er super nett war, nie mehr als gute Bekannte werden können.
Nele war da ganz anders. Sie hatte kein Problem damit, immer mehr zu kaufen. Neue Kleidung, neue Handys, mehr Luxus. Mehr, als man brauchte. Mehr, als man benutzte.
Für mich fühlte sich das falsch an. Es war falsch, Ressourcen auszuschöpfen, die sich nicht auffüllen würden. Es war falsch, auf Kosten anderer zu leben, die sich nicht wehren konnten. Wir hatten deswegen schon oft diskutiert und auch gestritten, dennoch wollte keiner von uns beiden seinen Posten aufgeben.
Für mein Alter hatte ich schon viel nachgedacht. Über unser Leben und über unsere Standards. Unseren Luxus. Und in solchen Momenten könnte ich Nele hassen. Wenn ich überlegte, wie viele Menschen starben, nur damit sie das neueste iPhone in den Händen halten konnte, obwohl ihr altes doch noch funktionierte.Schnell schon ich meine Gedanken beiseite. Heute wollte ich nicht Trübsal blasen. Heute war das Leben schön!
Und so sah ich ruhig zu, wie Nele sich zwei Oberteile und eine Hose kaufte.
Ich freute mich auf das Sonnenlicht und den Wind, wenn wir endlich aus diesem Gebäude herauskommen würden. Ich wollte den Luftzug in meinen Haaren spüren und die Wärme auf meiner Haut fühlen.
Endlich, endlich schoben sich die automatischen Türen des Shoppingcenters hinter uns zu und ich ließ meine negativen Gefühle dort drinnen.
Die Zeit hier in England wollte ich genießen! In fünf Tagen würden wir schon wieder zurück fahren, davor wollte ich so viel wie möglich in mich aufnehmen und mitnehmen.So, nach dieser Exkursion in die Ethik wird es jetzt dann richtig losgehen. Bleibt bitte dran!
Liebe Grüße
Eure Chrissy
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Love Angel
Teen FictionMein Engel beschützte mich schon seit meinem ersten Tag. Und obwohl mir niemand glaubte, wusste ich es. Denn ich hatte ihn gesehen. Schon damals und nun wieder. Und ich würde ihn nochmal sehen. --- Melodys Schutzengel ist immer für sie da. Daran gl...