Rowan hatte Clara nach Hause gebracht und sich eine Kippe angezündet, während er durch das dritte Quarter hinauf zur Polizeiwache lief. Es war schon fast beängstigend, wie nah die Wache an seinem alten Zuhause lag. Fast hätte er geglaubt, er sei auf dem Weg nach Hause, um sich möglichst unbemerkt durch die Gartentür in den Salon zu begeben und zu seinem Schlafplatz in der Besenkammer zurückzukehren. Dass er vermutlich eine saftige Strafe zu erwarten gehabt hätte, ob der Uhrzeit, ignorierte er dabei gekonnt. Kurz dachte er auch an Marcus und hoffte, dass es keine weiteren Anschläge auf ihn geben würde. Er verachtete den Mann, dem er so lange gehört hatte, nicht, auch wenn Clara das gerne gesehen hätte. Eigentlich konnte er nicht einmal genau sagen, warum er das so empfand. Hunderte Male hatte er Marcus verflucht, hatte die Wut heruntergeschluckt, wenn er ihn für eine Lappalie bestraft hatte und mehr als einmal hatte er sich gewünscht genauso heftig zurück zu schlagen. Trotzdem hatte es kleine Gepflogenheiten gegeben, die Rowan erst jetzt richtig zu schätzen wusste, nachdem er etwas Abstand gewonnen hatte. Marcus Führung hätte noch wesentlich strenger sein können und wenn er an Anthony dachte, der nichts weiter war als Haut und Knochen, war es ihm vergleichsweise gut gegangen. Jetzt wirbelte der November letzte Herbstblätter durch die Straßen und über den Parkplatz des Supermarktes, zu Rowans Linken. Der Qualm seiner Zigarette tanzte durch die Luft und hob sich grau im Licht der Straßenlaterne von der Nacht ab. Sein Blick fiel auf die Silhouette eines jungen Mannes, der auf der Mauer saß, die den Parkplatz umgab. Als Rowan näher kam, drehte er das Gesicht zu ihm und brachte ihn dazu stehen zu bleiben und sich neben ihm an die Mauer zu lehnen, um ihn fragend zu mustern.
„Du rauchst jetzt also", begrüßte Jordan ihn, mit einem Blick auf den Glühstängel zwischen seinen Fingern. „Ich kenn da jemanden, der das nicht gefallen wird"
„Wüsste nicht, warum dich das interessieren sollte", gab Rowan zurück und fragte sich, warum Jordan hier mitten in der Nacht auf ihn wartete. Er wunderte sich schon gar nicht mehr, wie er ihn gefunden hatte. Offensichtlich kannte der Kerl einfach Wege, die Leute zu finden die er suchte- schließlich hatte er es schon häufig genug geschafft. Er sah anders aus, als das letzte Mal. Seine Haare waren kürzer und er war unordentlich rasiert, aber das war es nicht. Scheinbar war er ein ganzes Stück blasser, als noch vor zwei Tagen und seine Augen waren so dunkel unterrandet, dass Rowan sich fragte, ob er seitdem überhaupt geschlafen hatte. Kurzum sah er unheimlich mitgenommen und müde aus. „Was machst du hier?", fragte er ihn jetzt und ließ den Filter der Kippe auf den Boden fallen und trat das letzte Glimmen aus. „Irgendetwas lässt mich bezweifeln, dass du mich einfach unheimlich vermisst hast."
Jordan schmunzelte müde. „Natürlich hatte ich große Sehnsucht nach deinem verkorksten Humor, aber fürs herkommen hätte das allein nicht gereicht. Ist verdammt weit von York"
„Warte... du warst zwischenzeitlich in York? Kein Wunder, dass du so aussiehst als hättest du seit Wochen nicht geschlafen!" Sorge überkam ihn. Was konnte so wichtig sein, dass er so schnell zurückkam?
Wie auf Kommando fuhr sich Jordan über die Augen. „Ja, ich wohne jetzt in der Bahn", er versuchte ein Grinsen, aber das klappte nicht so recht. Es alarmierte Rowan noch ein wenig mehr. Der Kerl konnte einen Bombengürtel, der ihm jede Sekunde um die Ohren fliegen konnte, abnehmen, ohne aufzuhören zu grinsen und einen brennenden Keller verlassen, während sie nur quälend langsam vorankamen, ohne sich das Grinsen aus dem Gesicht stehlen zu lassen, aber jetzt schaffte er es nicht.
„Okay, was ist los und warum wartest du ausgerechnet auf mich?" Er hob die Augenbrauen und versuchte nicht allzu alarmiert auszusehen.
„Luna will mich ja nicht mehr sehen." Bitterkeit schwang in seiner Stimme mit und Rowan konnte es nachvollziehen. Nicht, dass er ihm besonders leidgetan hätte, aber er konnte immerhin verstehen, dass ihm der Gedanke missfiel. Der Abschied war ihnen beiden wohl nicht so leicht gefallen, wenn er an Claras tränenüberströmtes Gesicht zurückdachte. „Und wenn ich George zu nah komme fürchte ich, dass der nicht besonders gut auf mich zu sprechen ist", er fuhr sich erneut übers Gesicht und Rowan versuchte nicht zu verwirrt davon zu sein, dass er die alten Namen der Beiden verwendete. „Ist doch jetzt auch völlig egal, wir haben nämlich ein Problem"
DU LIEST GERADE
Allegiance- Hexenjagd
Mystery / ThrillerDer zweite Teil der Allegiance- Duologie! Was nun? Was soll jetzt aus Rowan werden? Wie kann Clara das Geschehene hinter sich lassen? Wer ist Jenna? Was passiert mit den Sklavenhaltern? Was ist mit Jordan? Und hält die Sekte wirklich die Füße still...
