Als erstes hatte er eine Dusche gebraucht. Das letzte Mal hatte er bei seinen Eltern geduscht und seither einen Diebstahl begangen, war durch einen Wald gerannt, wo er unter Anderem auf dem Boden gesessen hatte und eine Nacht im Krankenhaus verbracht. Neben Schlaf brauchte er also ganz dringend eine Möglichkeit sich zu waschen. Der Prozess würde bereits am Montag stattfinden. Fortnam war schrecklich ungehalten gewesen und Rowan hatte beinahe eine weitere Ohrfeige erwartet, weil er einfach verschwunden gewesen war. Vor ihren Kollegen, hatte sie sich jedoch wesentlich besser zusammenreißen können und so war Rowan nun dazu angehalten, am Montag, am frühen Morgen, rechtzeitig am Gericht zu sein. Niemand hatte ihm gesagt, wie eine Gerichtsverhandlung ablief und offensichtlich würde man erwarten, dass er das schon hinbekam.
Im Grunde war es ihm egal. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sich zu überlegen, was genau er wollte, was dabei rauskommen würde. Wenn er das recht verstand, war es nicht unüblich, dass sich ein solcher Prozess über viele Wochen hinzog. Allerdings schien die Gerichtsbarkeit in diesem Fall darauf zu bauen, das Ganze schnell über die Bühne bringen zu können. Und dann? Wollte Rowan wirklich, dass Marcus Cabrel in Haft blieb? Nach wie vor war er sich nicht sicher, ober er überhaupt auf dem Standpunkt stand, dass sein Herr eine Strafe verdiente, geschweige denn in Form einer Inhaftierung. Rowan kannte das Gefühl in einen Käfig gesperrt zu sein, und spontan fielen ihm nur zwei Menschen ein, denen er das wirklich wünschte - und das waren Luce und Jakes. Nicht Marcus. Im Grunde hatte der schließlich jedes Recht dazu gehabt, zu tun, was er getan hatte und nach wie vor war Rowan nicht bereit auf Schadensersatz in Form von Schmerzensgeld zu klagen, auch wenn es ihm mehrfach nahegelegt worden war. Außerdem konnte er nicht ignorieren, dass Marcus ihm viele Zugeständnisse gemacht hatte und Gepflogenheiten ignoriert hatte, so wie den ständigen Widerwillen, auch wenn ihn nichts dazu verpflichtet hatte. Er hätte es sehr viel schlechter treffen können und diese Gewissheit hielt ihn davon ab, Marcus echte Schwierigkeiten zu wünschen. Er hatte sogar den Gedanken gehabt, zu ihm zurückzukehren, wenn er freikam. Zum einen, weil er, egal wie das Gericht entschied, Marcus Sklave war und zum anderen, weil er nicht wusste, wo er sonst hinsollte. Das Einzige was ihn davon abhielt, diese Entscheidung zu treffen, war die Erinnerung an sein Versprechen an Emily. Wenn er in sein altes Leben zurückkehrte, würde er es nicht halten können, dann würde er wieder eingesperrt sein, in dem Anwesen und dann würde er seine kleine Schwester so schnell nicht wiedersehen. Außerdem bestand wohl eine reelle Chance, dass Marcus ihn fortschicken würde, nach all dem Ärger, den Rowan ihm gebracht hatte. Vielleicht würde man ihn sogar insofern überwachen. Wenn entschieden wurde, dass die Sklaverei illegal war, wovon alle auszugehen schienen, dann würde man vielleicht Maßnahmen ergreifen um dafür zu sorgen, dass sich die Ereignisse nicht wiederholten.
Seine Gedanken waren noch eine ganze Weile im Kreis gejagt und schließlich hatte er beschlossen, dass die einzige sinnvolle Lösung war zu warten. Wenn er wusste wie der Prozess ausgegangen war, würde er entscheiden können, was er als nächstes tun wollte. Bis dahin musste er seinen Kopf irgendwie anders frei kriegen. Also besuchte er am Samstag Anthony mal wieder, an dessen Situation sich nicht wirklich etwas zu ändern schien. Außerdem schaute er später bei Clara vorbei, die einen Notfalltermin bei Dr. Dippet bekommen hatte, für den Nachmittag. Dr. Dippet war Psychologin und hatte Clara seit ihrer Ankunft in Chestersville betreut. Nach und nach mussten sie die Sitzung jedoch wohl aufgegeben haben, denn wenn er das richtig verstand, war der letzte Termin lange her. Tatsächlich schien es ihr ein wenig besser zu gehen, nach einer Nacht Ruhe und dem Gespräch. Trotzdem war ihr noch deutlich anzumerken, wie sehr ihr das alles zusetzte und Rowan ließ bereitwillig zu, dass sie sich wieder an ihn klammerte. Auch sie hatte die Nachricht bekommen, dass ihre Aussage benötigt werden würde und sie schien nicht besonders begeistert, auch wenn sie kein Wort mehr darüber sagte, als nötig war. Rowan hoffte nur, dass sie noch in der Lage war, sich dem so sachlich und gefasst wie möglich zu stellen. Nach dem Erlebten konnte er sich gut vorstellen, dass ihr Erinnerungen und ihr Gerechtigkeitsgefühl irgendwie ein wenig durcheinandergekommen waren. Außerdem schien sie unheimlich instabil. Sie schlug vor fernzusehen, und er nahm das Angebot nur zu gerne an. Wenn man es genau nahm, hatte er noch nie wirklich ferngesehen. Marcus tat das nur sehr selten und Rowan war ganz sicher nicht eingeladen gewesen, um mit ihm zu gucken. Also hatte er von Zeit zu Zeit zwar über seine Schulter gesehen, aber nie mehr mitbekommen als ein paar Minuten. Auch wenn die flimmernden Bilder ihn schrecklich in ihren Bann gezogen hatte und er sich mehrfach dabei erwischt hatte, wie er seine Arbeit vernachlässigt hatte, um auf den Bildschirm zu starren. Insofern war es ganz gut, dass das ein seltenes Vorkommnis gewesen war. Das lag auch daran, dass der Fernseher nicht im Salon stand. Es gab ein zweites Wohnzimmer, das Marcus nie viel genutzt hatte und einen weiteren Fernseher in Marcus Schlafzimmer. Deshalb saß er unheimlich gerne neben Clara auf dem Sofa, hielt sie im Arm und schaute mit ihr einen Kinderfilm. Ihrer Erzählung nach ein Klassiker, den man nicht nicht kennen durfte. Dennoch war sie nicht recht bei der Sache, was auch Rowan davon abhielt völlig abzudriften. Ständig rutschte sie hin und her, starrte in eine andere Richtung oder spannte sich an. Als sie bei einem kitschigen Werbespot beinahe in Tränen ausbrach, fing er an sich ernsthaft Sorgen zu machen. Wenn es wenigstens im Film gewesen wäre, aber eine Werbung? Sie hatte nicht einmal eine ersichtliche Verknüpfung mit dem Geschehenen. Es war seltsam. Hoffentlich würde bald wieder Normalität einkehren.
DU LIEST GERADE
Allegiance- Hexenjagd
Mystery / ThrillerDer zweite Teil der Allegiance- Duologie! Was nun? Was soll jetzt aus Rowan werden? Wie kann Clara das Geschehene hinter sich lassen? Wer ist Jenna? Was passiert mit den Sklavenhaltern? Was ist mit Jordan? Und hält die Sekte wirklich die Füße still...
