Je näher sie dem Bahnhof kamen, desto mehr zogen Rowans Schritte ihn zurück. Das Zusammentreffen mit seiner Familie rückte näher und alles in ihm wollte sich dagegen wehren. Nie zuvor war ihm bewusst gewesen, wie viele Horrorszenarien er sich diesbezüglich ausmalen konnte. Eigentlich fiel ihm kein Verlauf der Dinge ein, der nicht niederschmetternd und furchtbar sein würde. Trotzdem musste Clara aus der Stadt raus und wäre ihm das nicht bewusst gewesen, hätte er jetzt einen Rückzieher gemacht. Er hatte nicht das Bedürfnis zu reden. Schweigend betrat er neben Clara den Bahnhof, die ihm immer wieder besorgte Blicke zuwarf. Sie hatte ihn in das Hemd gezwungen, das sie trotz seines Wutausbruchs gekauft hatte. Wenigstens hatte sie das Schwarze genommen. Sie trug einen ausgedruckten Zettel in der Hand und hatte einen Rucksack dabei, weil sie mit Jenna ausgeheckt hatte, dass sie dort übernachten würden. Für sie war das gut, für Rowan bedeutete es nur noch mehr Bauchschmerzen. Wenn er nicht das Foto des kleinen Mädchens mit den Engelslöckchen im Kopf gehabt hätte, hätte er sich nicht dazu überreden lassen, Sekte hin oder her. Der Bahnhof war nicht mehr als ein hässliches Backsteingebäude, das sich verloren an die altehrwürdige Stadtmauer lehnte, die ebenso heruntergekommen war, wie das Viertel, an das sie grenzte. Obwohl sie an vielen Stellen ausgebessert war, stand sie imposant vor der Stadt und trennte sie von der Außenwelt. Aus unterschiedlichen Ecken folgten ihnen die Blicke der Kinder und Alten, die auf der Straße saßen, statt in ihren Häusern und im Bahnhof selbst hockte in jeder Ecke ein Penner. Der Kiosk war verrammelt und von außen mit Postern zugeklebt, was darauf schließen ließ, dass er nicht mehr öffnen würde. Vermutlich war er häufiger ausgeraubt worden, als jemand etwas gekauft hatte. Nur wenige Reisende eilten hastigen Schrittes durch den Gang zu den drei Gleisen, so auch Rowan und Clara. Sie hatte sich immer näher an ihn gehalten, je weiter sie die Sternstraße hinabgelaufen waren. Weil ihnen die Problematik bewusst gewesen war, hatten sie es vorgezogen, sich schon weiter oben zur vierten Sternstraße zu begeben, an der der Bahnhof lag, und waren dann grade hinabgegangen. Es war noch recht früh, auch wenn es bereits hell war und der November zeigte sich von seiner kältesten Seite. Auf dem Bahnsteig war es zugig und Clara fröstelte. Nachdenklich betrachtete er sie von der Seite und fragte sich, ob er sie wirklich in Sicherheit brachte, oder ob sie aus der Stadt zu bringen es vielleicht sogar schlimmer machte, weil die Polizei sie dort nicht beschützen konnte. Es wunderte ihn dass Sophie so einfach zugelassen hatte, dass sie jetzt ging. Auch wenn die natürlich alle nichts von der Gefahr wusste, die ihnen bevorstehen mochte. Er konnte nur hoffen, dass man Jordan vertrauen konnte und dass der sich nicht verplapperte.
Der Zug fuhr ein, ohne dass es eine Durchsage gegeben hatte. Weiterhin wortlos stiegen sie ein und suchten sich einen Platz, was im leeren Zug kein Problem darstellte. Rowan ging dazu über aus dem Fenster zu starren. Obwohl die Landschaft draußen vorbeiflog, hatte es etwas Gemächliches und das gleichmäßige Brummen des Zuges ließ ihn zur Ruhe kommen. Noch immer kreisten seine Gedanken um seine Eltern, seine Schwestern und auch um Clara und ihre Probleme. Man konnte die Angelegenheiten nur als verworren beschreiben und das fing an ihm auf die Nerven zu gehen. Langsam hatte er keine Lust mehr auf all das. Konnte er nicht einfach ganz normal leben? Er kannte die Antwort selbst. Solange die Narben auf seinem Rücken brannten und so lange nicht einmal klar war, was mit ihm geschehen würde, gab es keine Normalität für ihn.
Clara spürte seine Betretenheit neben sich. Sie merkte, dass er nicht reden wollte und ließ ihn in Ruhe. Schon zu oft hatte sie ihm in den letzten Tagen Vorwürfe gemacht und ihn aus der Ruhe gebracht und dass diese Reise ihm zu schaffen machte, konnte sie auch verstehen. Jenna hatte geschrieben, dass sie sich alle sehr freuten, wenn sie kamen, und dass sie es Emily verheimlichte, damit es eine Überraschung war. Aber Clara war sich sicher, dass auch der Rest der Familie Robbings diesem Aufeinandertreffen mit gemischten Gefühlen entgegensah.
Brillington war gut vier Zugstunden von Chestersville entfernt und für Rowan vergingen sie viel zu schnell, während Clara es nach etwa der Hälfte kaum mehr erwarten konnte. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto unruhiger wurde Rowan. Sein Magen drehte sich lustig im Kreis und hätte er etwas gefrühstückt, war er sich sicher dass er große Schwierigkeiten gehabt hätte es bei sich zu behalten. Er wollte nicht ankommen. Er wollte einfach immer weiter fahren und irgendwann einfach wieder in Chestersville ankommen. Als die Durchsage. „Nächste Station Brillington" kam, krallte er unwillkürlich die Finger in das Polster des Sitzes und schnappte nach Luft.
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Allegiance- Hexenjagd
Mystery / ThrillerDer zweite Teil der Allegiance- Duologie! Was nun? Was soll jetzt aus Rowan werden? Wie kann Clara das Geschehene hinter sich lassen? Wer ist Jenna? Was passiert mit den Sklavenhaltern? Was ist mit Jordan? Und hält die Sekte wirklich die Füße still...
