2. Kapitel- Zwischen Farbeimern und Plastikfolien

79 9 29
                                        

Claras Augen schmerzten, als sie aufwachte. Sie hatte zu viel geweint am vergangenen Tag und so waren ihre Augen über Nacht verklebt und trocken geworden. Seufzend setzte sie sich auf und rieb sich die Augen. Helles Tageslicht fiel bereits durch die Ritzen der Rollladen und der Wecker neben ihrem Bett zeigte 12:00 Uhr. Es schien niemanden zu interessieren, dass sie bereits den dritten Tag Schule verpasste, und sie musste auch zugeben, dass sie sich Schöneres vorstellen konnte, als sich an ihren Tisch zu setzen, als wäre nichts geschehen. Überhaupt war sie noch überhaupt nicht fertig mit den Geschehnissen des vergangenen Tages. Als sie daran zurückdachte, wurde ihre ein wenig schlecht und ihr Blick fiel auf ihren linken Unterarm, der in einem Verband steckte, und sie erschauderte. Auch wenn sie Dr. Jakes Fängen noch knapp entkommen war, trug sie nun trotzdem eine Sonde unter der Haut und alleine von dem Gedanken wurde ihr schlecht. Außerdem fragte sie sich seit gestern nur noch mehr als vorher, wie Rowan damit leben konnte. Wie hatte er es ausgehalten, 19 Jahre lang so behandelt zu werden?

Sie hob die Beine aus dem Bett und setzte sich auf. Die leichte Benommenheit des Vortages war noch immer da, aber sie war wieder einigermaßen zurechnungsfähig. Auch die Angst um ihren Vater war abgeflaut, auch wenn sie unheimlich froh war, als sie die Treppe hinabstieg und ihn dort in seinem Rollstuhl sitzen sah. Er lächelte sie an. „Clara! Guten Morgen, Engelchen." Er musterte sie kurz. „Zieh dir doch wenigstens Hausschuhe an, sonst wirst du noch krank", schmunzelte er und sie erwiderte sein Lächeln glücklich und verschwand zurück nach oben, um sich umzuziehen. Als sie dann wieder nach unten kam und sich an den Küchentisch setzte, musterte sie ihren Vater genauer. Die dunklen Ringe unter seinen Augen waren verschwunden und er war weniger blass. Ab und an schniefte er ein wenig, als sei er erkältet, aber da er wenigstens ein paar Stunden in einer Kühlschublade der Leichenhalle verbracht hatte, wunderte sie das überhaupt nicht. Immerhin war Jakes schlau genug gewesen, ihn in Goldfolie zu wickeln, und hatte seine Körperfunktionen mit einer Narkose so angepasst, dass die Kälte keinen wirklichen Schaden angerichtet hatte. Niemals wäre sie darauf gekommen, dort nach ihm zu suchen, und sie fragte sich ein wenig, wie Rowan und Jordan das geschafft hatten. Jordan. Es hatte wehgetan, ihn gehen zu sehen. Viel mehr, als es hätte wehtun sollen. Sie hatte ihn weggeschickt, hatte sich hunderte Male gewünscht, dass er sie endlich in Ruhe ließ und jetzt, wo er gegangen war und ihrem Wunsch nachgekommen war, wollte sie lieber keinen endgültigen Abschied. Jetzt, wo sie wieder einigermaßen bei Verstand war, auch wenn die Erinnerung an ihre Angst noch sehr lebhaft war, fühlte sie sich schuldig, ihm vorgeworfen zu haben, er sei an der Entführung schuld gewesen. Er war vielleicht verantwortlich, dass sie jetzt nicht mehr Luna Stedford war, und auch, dass sie diesen Mord hatte mitansehen müssen, aber er war nicht dafür verantwortlich zu machen, dass Dr. Jakes ihren Vater entführt hatte. Es schien schlichter Zufall gewesen zu sein, dass Jordan sie abgepasst hatte, während Jakes Männer sich Zugang verschafft hatten. Sie waren fachmännisch eingestiegen, hatten das Schloss der Haustür ohne Probleme überwunden und waren ins Wohnzimmer gekommen, wo sie keine Probleme gehabt hatten, ihren Vater zu überwältigen. Sie hatten ihm ein Tuch vor Mund und Nase gedrückt, vermutlich mit Chloroform getränkt, und hatten dann den Raum hergerichtet (vermutlich), bevor sie mit ihrem Opfer geflohen waren. Die eigentlichen Täter waren, soweit Clara wusste, noch nicht gefasst worden. Dr. Jakes verweigerte jegliche Aussage und sein Anwalt zog an allen Fäden, um ihn glimpflich aus der Angelegenheit herauszuholen. Das größte Problem waren wohl die Angaben von Mr. Cabrel, der Sophie zu Folge noch am Abend eine ausführliche und detaillierte Aussage gemacht hatte. Mr. Cabrel hatte auch vorhergesagt, dass Jakes sicher Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hatte und seinen Sklaven für den Ernstfall Befehle hinterlassen hatte. Die Einsatzkräfte waren zu spät gewesen. Sophie hatte niedergeschlagen berichtet, dass sie nur noch die Leichen der beiden jüngeren Sklaven hatten bergen können.

Clara beobachtete ihren Vater genau, während sie einen Toast aß, und war unheimlich froh, ihn wiederzusehen. Seine vorsichtigen Bewegungen, während er in der Küche werkelte, waren heilsam gegen die Narben, die die Angst in ihr hinterlassen hatten. Noch vor 24 Stunden hatte sie Angst gehabt, ihn für immer zu verlieren, war sogar bereit gewesen, ihr Leben dafür zu geben, und es fühlte sich immer noch ein wenig so an, als sei sie doch gestorben, dort auf dem Plastikboden von Dr. Jakes Büro. Wie gerne hätte sie die Zeit zurückgedreht. Hätte noch etwas mehr Zeit geschunden, bis die Tür aufflog und die Polizei hereinstürmte, um ihr zu helfen. Wenn sie doch nur nicht schon aufgegeben hätte, wenn der Chip nicht schon in ihrem Körper gewesen wäre, und sie nicht schon die ersten Peitschenschläge ertragen hätte. Bei der Erinnerung an diese setzte sie sich abrupt gerader hin. Es war ein grauenvolles Gefühl gewesen. Nicht nur wegen des Schmerzes, sondern auch, weil es unheimlich erniedrigend gewesen war und sie sich plötzlich furchtbar wertlos gefühlt hatte. Immer wieder kam ihr dabei auch Rowan ins Gewissen und sie fragte sich jedes Mal wieder, wie gebrochen er wirklich war. Sie dachte an die Kapuze, unter der er sich zu vergraben pflegte, und dachte an seine Anspannung, die ihn befiel, wann immer er das gewohnte Stigma verlassen musste. Sie hatte schon in den paar Minuten, in denen sie Jakes Sklavin gewesen war, gespürt, wie leicht man in Versuchung geriet, dem Willen eines anderen zu folgen. Es war zum verrückt werden. Sie schämte sich dafür, wie nah ihr das gegangen war, wie sie gestern nicht mehr in der Lage gewesen war, ernsthaft mit jemandem zu reden, wie sie nur hatte zusehen können, wie Sophie mit Hilfe von Polizisten die Scherben des Tisches weggeräumt hatte und den Drudenfuß vom Boden gewischt hatte. Es hatte lange gedauert, die Scherben aus dem Teppich vor dem Sofa zu bekommen, aber jetzt war alles wieder wie vorher, nur dass jetzt der Tisch fehlte und sie noch auf einen neuen warteten. Sie fragte sich, ob Sophie heute noch vorbeikommen würde, oder ob sie zu viel zu tun hatte mit diesem absurden Fall, der alles übertraf, womit sich die Polizei von Chestersville je hatte rumschlagen müssen. Sie hatte ihnen auch erzählt, dass sie sogar den Polizeichef hatten verhaften müssen, der ein Cousin von Jakes war, und schon in der Vergangenheit die Machenschaften des Doktors vertuscht hatte, denn es schien, als habe sich Dr. Jakes neben der Sklaverei auch noch anderer Verbrechen schuldig gemacht. Was genau, das hatte Sophie entweder nicht erzählt oder Clara hatte es vergessen. In ihrem rauschenden Kopf war sie ohnehin kaum in der Lage gewesen, einen vollständigen Gedanken zu formen.

Allegiance- HexenjagdGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt