Die Stunden verstrichen in dem kleinen Raum und er hätte inzwischen gerne den Kopf auf die Tischplatte geschlagen. Die beiden Anwälte fragten seit Stunden unheimlich detaillierte Fragen über alles und nichts. Die ersten zwei Stunden hatte er die geduldig beantwortet, auch wenn sich das sehr mit dem Verhör bei der Polizei deckte. Trotzdem neigte sich seine Geduld mehr und mehr dem Ende entgegen. Wenn sie das mit allen Sklaven durchziehen wollten, würde es noch Ewigkeiten dauern, bis alle Prozesse abgewickelt waren, auch wenn es schien als seien alle Beteiligten darauf aus das schnell über die Bühne zu bringen. Tatsächlich begann die Stadt zu schwächeln, seit ihr die Meisten wichtigen Unternehmer und Geldgeber fehlten. Sie hatten ihn dafür aus der Schule geholt, weil sie es plötzlich sehr eilig zu haben schienen. So verpasste er nun den sechsten Schultag in Folge. Er hatte es nicht einmal bis ins Gebäude geschafft, da hatte sein Arm vibriert und er hätte der Fortnam am Liebsten auf der Stelle das Gerät weggenommen. Trotzdem war er zurückgegangen, weil er keine Lust hatte den ganzen Morgen davon genervt zu werden, dass sein Arm vibrierte. Jetzt saß er hier und die Anwälte breiteten die Fragen vor ihm aus, die sie auch in der eigentlichen Verhandlung fragen würden und er hatte jetzt schon keine Lust auf den Gerichtssaal.
Irgendwann entließen sie ihn jedoch und es dämmerte bereits als er nach draußen trat. Seufzend zog er die letzte Zigarette aus der Schachtel und machte sich auf den Weg zum Krankenhaus. Er hatte das Bedürfnis Anthony einen weiteren Besuch abzustatten auch wenn man ihm gesagt hatte, dass der andere das gar nicht merken würde. Trotzdem fühlte er sich schuldig, wenn er ihn nicht besuchte und wo er schon am Mittwoch verschwinden würde (und wieder die Schule verpassen würde) wollte er wenigstens heute vorbei gehen. Jordan hatte tatsächlich in der Gasse gewartet. Mit einem Notizbuch hatte er auf dem kalten Boden gesessen und Dinge gekritzelt, als Rowan zu ihm gekommen war. Etwas ungehalten war er schon gewesen, aber dann war er einigermaßen gut gelaunt gegangen. Es war nicht so einfach zum Bahnhof zu kommen. Er lag weit unten im zwölften Quarter und das war keine angenehme Gegend. Wie genau es dort aussah wusste Rowan allerdings nicht. Er hatte die unteren Quarter nur ein einziges Mal durchquert und zwar auf dem Rücksitz von Marcus Auto, den blutenden Unterarm gegen den Körper gepresst und verzweifelt versuchend nicht in Furcht zu versinken, während sein neuer Herr ihn mit zu sich nach Hause nahm. Er hatte sich kaum getraut aus den Fenstern zu sehen und als er es doch getan hatte, hatte es bereut. Die Gegend war fürchterlich. Hinter dem Eingang der Stadt hatten die Menschen in winzigen Häusern gelebt und auf den Straßen gesessen. Es war ein schmutziges Viertel gewesen und es war erst nach und nach besser geworden. Die Menschen weit unten lebten am Existenzminimum und niemand scherte sich wirklich um sie. Dann waren die Häuser immer größer geworden und die Straßen immer sauberer. Ab dem siebten Quarter aufwärts lebte die Mittelschicht und auch, wenn die Gegend dort nicht von Geld zeugte, so konnte man doch wenigstens glauben, dass man hier ein normales Leben führen konnte.
Nach diesem Tag hatte Rowan hauptsächlich das zweite und dritte Quarter gekannt, wo er seine Befehle ausführte. Nur für die Schule und die Kneipe hatte er das sechste Quarter betreten. Clara hatte versprochen online Bahntickets zu kaufen, damit sie flexibler waren, was ihre An- und Abreise anging, so würde er schon in zwei Tagen ebenfalls in den Genuss des letzten Viertels kommen. Seufzend ließ er sich auf den Stuhl in Anthonys Zimmer sinken und sah auf den blassen Sklaven. Seine Haut war so bleich, dass seine hellblonden Haare sich unnatürlich gelb von seinem Gesicht abhoben. Ob er wieder aufwachen würde? Wie lange würden die Ärzte sein Leben erhalten, wenn sich niemand fand um die Kosten zu tragen? Er konnte sich nicht vorstellen, dass Jakes Geld für die lebenserhaltenen Maßnahmen ausgeben würde, schon gar nicht wenn die Hoffnung auf Heilung mit jedem Tag schwand.
Rowan war am Dienstag in der Schule gewesen und er hatte es bereut. Die Gerüchteküche brodelte und hatte ihn seine Ruhe gekostet. Da er sonst mit niemandem redete oder sich überhaupt irgendwie bemerkbar machte und es eigentlich unmöglich war mit ihm zu interagieren, hatten seine Mitschüler es irgendwann aufgegeben zu versuchen Kontakt mit ihm aufzunehmen. Ab und an hatte sich mal ein tuschelndes Grüppchen Mädchen bemerkbar gemacht, aber das war leicht zu ignorieren gewesen. Marcus war sehr deutlich gewesen was Beziehungen oder generell Kontakt zu Mädchen anging. Ein weiteres Verbot, das er für Clara gebrochen hatte. Heute spürte er eigentlich konstant einen Blick auf sich ruhen und es versetzte ihn in eine finstere Stimmung. Clara war ebenso umlagert wie er, nur das sie viel häufiger direkt angesprochen wurde. So recht schien sich niemand zu trauen ihn anzusprechen, vermutlich erwarteten sie einfach keine Antwort. Er war auch tatsächlich versucht sich hier weiter an seine Befehle zu halten. Sollte er in Marcus Dienst zurückkehren, würde er ohnehin dazu zurückkehren müssen und das würde wesentlich schwieriger werden, wenn er sein Muster jetzt brach. Dabei merkte er allerdings, wie sehr er in den letzten Tagen bereits daraus ausgebrochen war. Es war plötzlich viel schwieriger die tuschelnden Mädchen und die starrenden Jungs nicht anzufahren, ihn in Ruhe zu lassen. Er fragte sich überhaupt, wie viel von dem Sklavereiskandal an die Öffentlichkeit gelangt war. Wenn sie alle davon erfahren hatten, würde es nicht lange dauern, bis jemand eins und eins zusammenzählte. Als er dann in der dritten Stunde auch noch in das Rektorat beordert wurde, wäre er am Liebsten geradewegs rausgegangen und nicht wiedergekommen, aber das war wohl leider keine Option. Also stand er missmutig auf, ging wortlos an der Lehrerin vorbei, die ihm die frohe Botschaft überbracht hatte und wanderte durch die ruhigen Flure zum Sekretariat und Rektorat. Mit einem weiteren tiefen Seufzen klopfte er an die Tür. Das „Herein" ließ nicht auf sich warten. Langsam schob er die Tür auf und betrat das Sekretariat. Er war nicht häufig hier gewesen. Besuche im Sekretariat hingen einfach viel zu häufig mit Reden zusammen. Mrs. Pace erhob sich hinter ihrem Schreibtisch und sah ihn mit einem Lächeln an. „Wie kann ich dir helfen?"
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Allegiance- Hexenjagd
Mystery / ThrillerDer zweite Teil der Allegiance- Duologie! Was nun? Was soll jetzt aus Rowan werden? Wie kann Clara das Geschehene hinter sich lassen? Wer ist Jenna? Was passiert mit den Sklavenhaltern? Was ist mit Jordan? Und hält die Sekte wirklich die Füße still...
