1. Kapitel- Koma

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Rowan konnte nicht mehr schlafen. Das grüne Licht des Notausgangschildes erleuchtete die Feldbetten, auf denen die Sklaven in der Turnhalle der Polizei schliefen, und er sah, dass er nicht der Einzige war, der schon wach war. Die Uhr über der Tür zeigte kurz nach fünf und er setzte sich auf. Nicht weit von ihm konnte er eine weitere Gestalt sitzen sehen. Sie hatte die Beine angezogen und starrte ins Nichts. Sie waren es gewohnt, früh aufzustehen, aber plötzlich mussten sie das nicht mehr und Frühstück gab es erst um sieben. Er fuhr sich durch die Haare und seufzte. Der gestrige Donnerstag war eine Katastrophe gewesen. Die Nachricht vom Selbstmord von Kathy und Stephen, der Sklaven von Jakes, hatte sie alle heftiger getroffen, als sie erwartet hätten. Die ohnehin schon gedrückte Stimmung hatte einen Tiefpunkt erreicht und war, bis sie alle schlafen gegangen waren, nicht wieder gestiegen. Die Vorstellung, plötzlich frei sein zu sollen, war so abstrus, dass keiner von ihnen das bisher angenommen hatte. Nicht einmal er selbst, der dank Clara wenigstens eine Art Leben neben der Sklaverei hatte, konnte das so ganz begreifen. Er hatte sich gezwungen gesehen, sie gestern in Ruhe zu lassen, nachdem sie nichts anderes hatte tun können, als sich an ihren Vater zu klammern. Da war kein Platz für ihn gewesen und er hatte Anthony besucht, der die Explosion der Bombe im Keller der Klinik auf wundersame Weise überlebt hatte und nun im Koma lag. Im Grunde machte das allerdings kaum wirklich einen Unterschied zum Rest der ehemaligen Sklaven. Sie alle waren in einem leeren Zustand, den man als Koma hätte bezeichnen können. Wie sollte man auch nach einem ganzen Leben voller Gehorchen plötzlich in Eigenregie verfahren?

Nach und nach kam immer mehr Bewegung in die Gestalten auf den Pritschen. Um halb sechs schlief wohl kaum jemand mehr und eine allgemeine Ratlosigkeit lag in der Luft. Niemand sprach, sie sahen sich nicht an. Was sollte aus diesen Jugendlichen werden, die keine Ahnung hatten, wohin nun mit ihrem Leben? Rowan hatte so etwas befürchtet und spürte es ja selbst auch. Plötzlich stand ihm seine Zukunft offen und er hatte nichts, um sie zu bestreiten. Er konnte mit etwas Glück nach dieser einen Woche Fehlens noch in die Schule zurück und einen mittelmäßigen Abschluss machen und dann? Wie lange konnten sie schon in dieser Sporthalle bleiben? Irgendwo musste er doch leben und dann würde er einen Beruf ergreifen müssen oder eine Ausbildung machen. Wie sollte er für Essen und das, was man nicht sonst noch zum Leben brauchte, bezahlen, wenn er nicht auf der Stelle irgendwo Lohn bekam? Was würde aus Marcus werden, der nun in Untersuchungshaft saß, zusammen mit den anderen Sklavenhaltern? Er seufzte und hob die Beine von dem Feldbett. Es half sicherlich nichts, hier rumzusitzen, also machte er sich auf zu den Umkleiden und Duschen. Niemand hatte ihnen verboten aufzustehen, und wenn er weiter in dieser Grabesstimmung sitzen musste, würde er bald explodieren. Auf den Bänken der Umkleide lagen einige Stapel Handtücher für sie breit und seufzend griff er nach einem. Direkt hinter ihm folgten zwei weitere Jungen, vielleicht etwas jünger als er selbst, aber vermutlich nur unbedeutend. Sie sagten nichts, aber gesellten sich zu ihm.

Während sie unter der Dusche standen, kamen ein paar weitere dazu und noch immer unterhielt sich niemand. Mehrfach war er versucht, eine Unterhaltung mit einem von ihnen zu beginnen, in der Hoffnung, dass mehr einsteigen würden, wenn das Schweigen erst einmal gebrochen war, aber ihm fiel erstens kein Thema ein und zweitens war er sich nicht sicher, dass sich die Anderen überhaupt unterhalten wollten. Also ging er ebenso schweigend zurück in die Halle und wartete auf sieben Uhr, während seine Haare noch die Kapuze durchnässten.

Weil er sich nicht weiter mit ihrem gemeinsamen Schicksal beschäftigen wollte, dachte er an Clara. Er hatte sie eigentlich besuchen wollen, aber die Clara, die auf dem Sofa neben ihrem Vater gesessen hatte, seinen Arm fest umklammert, ihren eigenen in einem Verband, war nicht die Gleiche gewesen, die er in den letzten zwei Wochen kennengelernt hatte. Überhaupt war so schnell so viel passiert, dass er kaum glauben konnte, dass er sie erst so kurz kannte. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass er sie nach Hause gebracht hatte, nachdem sie angegriffen worden war.

Allegiance- HexenjagdGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt