„Zeig sie mir", Jennas Stimme klang von der Tür zu ihm herüber und er fuhr herum. Er stand alleine im Gästezimmer und sah aus dem Fenster, während Clara im Bad war und sich für den abendlichen Besuch von Onkel Henry, Tante Angelica und William Kainth, Mollys Vater, noch etwas frisch zu machen.
„Was?", fragte er und hob eine Augenbraue.
„Die Narben", forderte sie und schloss die Tür hinter sich.
„Was?!", stieß er hervor und sah sie ungläubig an.
„Ich will sie sehen", erklärte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Warum?" Er lehnte sich an das Fensterbrett und sah sie fragend an. „Ist kein schöner Anblick, soweit ich weiß"
„Das weiß ich" Sie ließ sich auf das Bett sinken, dass er sich wohl oder übel heute Nacht mit Clara teilen würde, es sei denn er entschloss sich noch auf dem Boden zu schlafen, was im Grunde auch nichts Neues wäre. „Trotzdem will ich es sehen..." Sie zog die Beine an und faltete sie in einen Schneidersitz, während sie ihn weiterhin ansah.
„Hat das einen bestimmten Grund?", fragte er skeptisch und machte keine Anstalten ihrer Bitte nachzukommen. Er verstand nicht wieso sie sich das antun wollte.
„Bitte" Sie sah ihn auffordernd an. „Ich möchte doch nur...", Sie unterbrach sich und biss sich auf die Lippe.
„Was möchtest du?", fragte er und verschränkte nun seinerseits die Arme vor der Brust.
„Ich möchte eine Vorstellung davon haben was dir passiert ist. Du bist mein Bruder und es hätte genauso gut anders herum sein können. Und ich kann nicht aufhören, mir alles Mögliche auszumalen, bis ich es nicht wirklich gesehen habe.", erklärte sie und sah ihn eindringlich an. „Bitte Rowan", widerholte sie dann.
Seufzend verdrehte er die Augen. „Wenn's dich glücklich macht". Mit wenigen Bewegungen knöpfte er das Hemd auf und stich es sich von den Schultern. Es war ein etwas seltsames Gefühl, weil sie ihn so genau dabei beobachtete. Jenna stand auf, als er das Hemd in der Hand hielt und machte noch einen Schritt auf ihn zu. Auch auf seiner Brust prangten ein paar Narben, aber das war nicht was sie sehen wollte. Seufzend drehte er sich um und ließ sie ihren Willen haben. Er konnte hören, wie sie scharf Luft einsog, als sie das zerstörte Gewebe erblickte. Die Entzündung musste außerdem noch immer gut zu sehen sein. Er spürte sie direkt hinter sich, sah ihre geweiteten Augen durch die Spieglung im Fenster und wie sie angewidert das Gesicht verzogen hatten. Vorsichtig fuhr sie mit dem Zeigefinger über eine dicke ältere Narbe und dann zuckte er, weil ihre Hand über seinen Haaransatz im Nacken fuhr. „Genug geschaut?", fragte er hastig und drehte sich schnell wieder um, bevor sie antworten konnte. „Na angeekelt?" Er schmunzelte freudlos.
„Natürlich, von den Methoden!" Sie ließ die Hand sinken, die noch immer in der Luft geschwebt hatte und folgte mit den Augen den Linien auf seiner Brust. „Jetzt wird alles besser", murmelte sie, und er war sich nicht sicher, ob sie mit ihm oder mit sich sprach.
Die Stimmung war seltsam, über den Abend. Henry und Angelica schienen der Familie, gerade den Kindern, tatsächlich unheimlich nah zu sein. Sie brachten ein riesiges Geschenk für Emily mit, die sofort in Bergen aus Geschenkpapier versank und Rowan machte sich ernsthafte Sorgen, dass sie vor Glück platzen könnte, als ihr eröffnet wurde, dass sie von nun an Reitunterricht bekommen würde. Sie hatte kein echtes Pony bekommen, aber vielleicht würde sie, wenn ihr das Reiten gefiel, eines Tages ein eigenes Pony haben und bis dahin konnte sie sich mit der umfangreichen Reiterausrüstung intensiv auf diesen Moment vorberieten. Während Emily Geschenke feierte, lernte Rowan den Rest seiner Familie kennen. Auch wenn Emily ihn kaum losließ und ihn voll beanspruchte, bekam er ein wenig Zeit, um sich seinem Onkel und seiner Tante vorzustellen. Es war ein seltsames Gefühl. Fast war es, als sei er ein Freund von Jenna, oder ein entfernter Cousin, der das erste Mal im Kreise einer fremden Familie dabei war. Dass er dieser Familie eigentlich nicht hätte fremd sein dürfen, und dass er seinerseits Clara mitgebracht hatte, die sich wundervoll in das Umfeld einfügte und allgemein als seine Freundin behandelt wurde, war dabei schwer zu glauben. Die Ähnlichkeit von Henry und Benedict war nicht zu verleugnen, auch wenn Henry ein ganzes Stück älter war und einen Bart trug, der ihn, wenn man ehrlich war, eher noch ein wenig älter machte. Angelica dagegen war der geduldigste Mensch, den er je kennengelernt hatte. Für alles nahm sie sich Zeit, ob es nun Emilys Träumereien übers Reiten waren oder Mollys Ausführungen über die Arbeit in der Backstube. Sie behandelte Rowan, als würden sie sich schon Jahre kennen und unterhielt sich ganz normal mit ihm, auch wenn sie natürlich noch nicht wissen konnte, was ihm alles widerfahren war. Trotzdem schien sie zu merken, dass seine Antworten auf ihre Fragen schwerfällig und zögernd kamen. Es war halt einfach nicht so leicht Fragen über Hobbys, Freunde und Berufspläne zu beantworten, wenn man all das nie wirklich gehabt hatte. Eine genauere Erklärung würde jedoch bis zu einem späteren Zeitpunkt warten müssen, weil Emilys Geburtstag schließlich nicht komplett von ihm vereinnahmt werden sollte. Es war schon schlimm genug, dass der Nachmittag mehr Rowan als ihr gegolten hatte. So freuten sich alle mit ihr über ihre Geschenke und den Kuchen, den es ausnahmsweise schon vor dem eigentlichen Essen gab, kurz bevor es erneut an der Tür klingelte.
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Allegiance- Hexenjagd
Mistério / SuspenseDer zweite Teil der Allegiance- Duologie! Was nun? Was soll jetzt aus Rowan werden? Wie kann Clara das Geschehene hinter sich lassen? Wer ist Jenna? Was passiert mit den Sklavenhaltern? Was ist mit Jordan? Und hält die Sekte wirklich die Füße still...
