Glücklicherweise war der Kater über den Tag soweit verflogen. Wieder hatte er mehrere Stunden bei Anthony verbracht, nachdem er viel später als alle anderen aufgestanden war. Entsprechend hatte er allein gefrühstückt und hatte den Kommentar eines Polizisten über seinen Ausfall am Vorabend gekonnt ignoriert. Auch wenn die Erinnerung an den Vorabend teilweise etwas verschwommen war, hatte er sein Gespräch mit Clara nicht vergessen, und ihm war auch nicht entgangen, dass sie sich nicht entschuldigt hatte. Hätte ihm der Alkohol nicht so das Hirn vernebelt, hätte er sicher nicht so schnell wieder mit ihr geredet, geschweige denn wäre er ihr auf diese Weise nähergekommen. Jetzt war es nicht mehr zu ändern. Außerdem hatte er ihr trotzdem noch nicht wirklich verziehen. Wenigstens würde sie es noch ein paar Mal zu hören bekommen, bevor er davon ablassen würde. Außerdem würden sie ja noch sehen, ob sie wirklich ein so großes Problem mit ihm hatte. Die Stunden waren vergangen und Rowans Kopf fühlte sich wieder normal an und er war akzeptabel fit. Außerdem stieg mit jeder Stunde, die verging, seine Nervosität.
Um kurz nach sechs lehnte er draußen vor der Kneipe und rauchte. Irgendwie musste er am Vorabend schon mehr geraucht haben, als er gedacht hatte, denn viel war nicht mehr drin, in der Schachtel. Überhaupt fragte er sich, wie sich die Polizei das vorstellte. Die Stimmung unter den Sklaven war schlechter denn je, denn zu der Ungewissheit kam inzwischen noch ein gutes Maß Langeweile. Sie hatten nichts zu tun, und das waren sie nicht gewohnt. Es war einfach nicht schlau sie so lang festzuhalten, ohne ihnen eine wirkliche Beschäftigung zu geben. Sie waren schließlich auch keine kleinen Kinder mehr, die man mit Malsachen und Bauklötzen locken konnte. So saßen sie, noch immer schweigend, beieinander in einem leeren Büro des Präsidiums, das sich Aufenthaltsraum schimpfte und ab und an wurde mal einer von ihnen abgeholt, um irgendwie weiter zu kommen, bisher wohl erfolglos, wie Rowan das interpretiert hatte. Sophie hatte er nicht gesehen, aber er war auch nicht lange dort gewesen, bevor ihm die Decke auf den Kopf gefallen war und er zu Anthony ins Krankenhaus geschlichen war. Vielleicht hatte seine Fantasie nachgeholfen, aber er hatte ein paar neidische Blicke gespürt, dass er unbehelligt gehen durfte. Sie hatten alles von ihm was sie zu diesem Zeitpunkt brauchten. Solange er nicht verschwand war ihnen egal, wie er seine Tage verbrachte und das war auch gut so. Die Dunkelheit die sich im November schon vor etwas mehr als einer Stunde über die Stadt gesenkt hatte, tauchte die Sternstraße in Schatten. Hier unten im sechsten Quarter, standen die Häuser schon beträchtlich enger beieinander und es gab viele dunkle Gassen. Er konnte nur hoffen, dass Jenna wohlbehalten hier ankam. Clara war schon drin und hatte ihre Schicht angetreten und er hatte ihr nur kurz zugenickt, bevor er wieder nach draußen verschwunden war. Schließlich trat er die Kippe aus und betrat den Schankraum wieder.
An seinem Stammplatz an der Theke saß schon jemand. Ein fettleibiger mittelalter Mann ohne Haare, unter dem die Sitzfläche des Barhockers nicht mehr zu sehen war und der den Holzbeinen einiges abverlangte. Unschlüssig blieb er hinter der Tür stehen und suchte mit den Augen nach einem andern Platz. Clara kam mit einem Tablett voller Bier in der Hand hinter der Theke hervor und deutete auf einen Tisch in der Ecke, weit weg von den Dartsspielenden Männern, für die das Bier bestimmt war. „Wenn ihr euch da hinsetzt, habt ihr vielleicht etwas Ruhe", sie lächelte ihn an und er nickte nur stumm und ließ sie stehen. So leicht würde er es ihr nicht machen. Schweigend starrte er auf seine Hände und konnte nichts tun als zu warten. Wie immer wenn er hier war, wanderten seine Gedanken weit, weit fort, kreisten um alles und nichts, und ließen ihn etwas zur Ruhe kommen.
Clara stellte ein Bier vor ihm auf den Tisch, und grinste auf ihn herab. „Das Übliche?"
Kurz sah er auf das Bier, ohne sie anzusehen. „Kein Geld", murrte er nur und schob es etwas von sich weg.
„Geht aufs Haus", sie lächelte und ließ sich kurz auf den Stuhl neben ihm sinken. „Nervös?"
Noch immer sah er sie nicht an und ließ auch die Finger von dem Bier. Ja, er war nervös, aber das war nicht das Schlimmste. Viel schlimmer war das Gefühl, dass er besser gehen sollte. Er hatte darüber nachgedacht, was Marcus gesagt hatte und fragte sich, ob es nicht besser war, dass seine Familie ihn nicht kannte, und ob es nicht besser so bleiben sollte. Was sollte es bringen, dass sie einander trafen? Was sollte er ihr erzählen? Er wollte ihr nicht sagen, wie er sein Leben verbracht hatte, aber er wollte sie auch nicht anlügen. Eigentlich war er sich jetzt, wo er so kurz davor war, gar nicht sicher, ob er sie überhaupt treffen wollte. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie für immer nur das Mädchen von dem Foto blieb und er sich ausmalen konnte, wer sie war, ohne dass er sie im wirklichen Leben kannte. Trotzdem blieb er sitzen und zwang sich, dem Impuls wegzulaufen nicht nachzugeben. Wenn es nicht richtig war, konnte er jederzeit gehen. Aber wo sie nun extra für ihn von Oxford herkam- wobei er sich fragte, wie sie überhaupt ankommen würde- würde er nicht vor ihr davonlaufen.
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Allegiance- Hexenjagd
Mistero / ThrillerDer zweite Teil der Allegiance- Duologie! Was nun? Was soll jetzt aus Rowan werden? Wie kann Clara das Geschehene hinter sich lassen? Wer ist Jenna? Was passiert mit den Sklavenhaltern? Was ist mit Jordan? Und hält die Sekte wirklich die Füße still...
