Zwei

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Ich öffnete langsam die Augen. Um mich rum standen einige Monitore, sie leuchteten und piepten. Sie zeigten diverse Werte an, meine Werte. Ich war im Krankenhaus, so viel ist sicher. Aber warum? Ich hatte einen Zugang im Arm, über den mir eine durchsichtige Flüssigkeit verabreicht wurde. Ich hatte eines dieser Krankenhausleibchen an und mein Körper fühlte sich schwer an. Ich schluckte, meine Lippen waren trocken, wie Sandpapier. Man hatte mir eine Fernbedienung neben die Hand gelegt, nach welcher ich jetzt griff, um nach einer Schwester zu klingeln. Vielleicht konnte man mir sagen, was hier los was.

„Oh, gut, Sie sind wach", sagte die Schwester. „I...- ich habe Durst", meine Stimme war nicht mehr, als ein raues Krächzen. Und es kratzte so verdammt in meinem Hals. Die Krankenschwester nickte, ging und kam kurz darauf mit einem Glas Wasser, inklusive Strohhalm, wieder. Sie hielt es mir hin und ich fing an gierig an dem Halm zu saugen. Es war die reinste Befreiung, fühlte sich so unglaublich gut an, wie das Wasser meine Kehle runter floss. Ich seufzte kurz auf. „Danke", flüsterte ich, räusperte mich und fragte: „Warum bin ich hier? Was ist passiert?"

„Ich darf Ihnen leider nichts dazu sagen, aber die Ärztin wird gleich hier sein. Sie wird ein paar Untersuchungen vornehmen und Ihnen sagen, was wir wissen", erklärte sie mir in einem ruhigen Ton. Leider nicht die Antwort, die ich mir erhofft hätte. „Okay", erwiderte ich unsicher. „Vielleicht können Sie mir aber schon einmal sagen, wie Sie heißen. Das würde die Sache einfacher machen", sprach sie wieder ganz sanft, als wäre ich ein kleines Kind. Ihre Art nervte mich irgendwie. „Ich heiße Angelina Hudson", antwortete ich, während eine weitere Person ins Zimmer eintrat.

„Guten Abend ich bin Ihre behandelnde Ärztin, Dr. Sheryl Montez und Sie sind Miss...", setzte sie zu sprechen an, fand aber scheinbar meinen Namen nicht in der Akte, die sie suchend überflog. Sie runzelte dabei die Stirn und sah mich dann fragend an. „Angelina Hudson", sagte die Krankenschwester an meiner Stelle. Die Ärztin notierte sich das und sprach dann weiter: „Miss Hudson, Sie wurden bewusstlos aufgefunden, offenbar wurden Sie betäubt, wir haben so genannte K.O.-Tropfen in ihrem Blut nachweisen können, außerdem eine Blutalkoholkonzentration von 1,5 Promille" Sie sah mich kurz an und hatte einen bemitleidenden Blick aufgesetzt. Ich hasse es auf diese Weise angesehen zu werden. Ich wusste bereits, was sie sagen wollte. „Man hat mich überfallen und vergewaltigt, oder?", fragte ich sie, ohne jegliches Gefühl in mir. „Leider ja. Deshalb ist auch die Polizei hier und möchte Ihnen einige Fragen stellen. Aber vorher muss ich Sie noch untersuchen", erklärte mir Dr. Montez.

Die Ärztin untersuchte meinen Unterleib, man hatte diverse Stellen zusammennähen müssen, scheinbar war jemand besonders brutal gegen mich vorgegangen, ich wurde buchstäblich innerlich zerfetzt. Solche Verletzungen hatte ich noch nie zuvor in meinem Leben gehabt. „Sie hatten Glück, dass wir Ihnen nicht die Gebärmutter entfernen mussten, also werden Sie weiterhin in der Lage sein, Kinder zu bekommen", bemerkte Dr. Montez nebenbei, „um Ihnen wenigstens etwas positives sagen zu können". Sie bemerkte wohl selbst gerade, wie absurd das klang, denn sie sagte noch schnell: „Nun ja, Glück war wohl das falsche Wort. Es tut mir leid. Glauben Sie, dass Sie bereit sind mit den Beamten der Polizei zu sprechen?" Sie sah mir dabei nicht in die Augen, während sie mit mir sprach. Ich nickte nur.

Die Ärztin ging und zwei Polizisten traten ein. Eine Frau und ein Mann. Meine Augen weiteten sich kurz, als ich ihn sah und meine Sicht wurde verschwommen. Ich blinzelte die Tränen weg. Ich dachte nicht, dass ich ihn je wiedersehen würde. Er schien mich nicht zu erkennen. Es waren ein paar Jahre vergangen, aber mein Herz erinnerte sich nur zu gut. Es schlug mir mittlerweile bis zum Hals, der Monitor, der meine Herzkurve anzeigte blinkte hektisch auf und piepte immer schneller. Die Beamtin dachte wohl, ich hätte Angst vor ihrem Kollegen, denn Sie sagte: „Würden Sie bitte das Zimmer verlassen, Officer Danilo?" Er nickte betroffen und wollte den Raum verlassen. Ich musste unwillkürlich anfangen zu lachen und spürte zwei verwirrte, unsichere Blicke auf mir. „Nein, Officer...", ich versuchte ihren Namen zu lesen, „...Baldwin. Danke, aber das ist nicht nötig".

Flashback

Ich hatte mich auf dem Boden zusammengekauert, meinen Kopf auf den Knien abgelegt und weinte stumm vor mich hin. Er hatte mich mal wieder geschlagen, ich konnte aber flüchten, bevor es richtig schlimm wurde. Ich versteckte mich neben einem Container im Hinterhof. Plötzlich wurde ich angesprochen: „Hey Kleine, was machst du denn um die Uhrzeit alleine hier? Das ist viel zu gefährlich". Ich sah ihn aus meinen verheulten Augen an und verlor mich in seinen strahlend blauen. Seine tiefe samtige Stimme jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. „Ich bin nicht klein", erwiderte ich trotzig. „Komm ich bringe dich nach Hause", meinte er und streckte mir seine Hand entgegen. „Nein, ich kann nicht nach Hause", antwortete ich, „dann schlägt er mich zu Brei", weinte ich nun wieder ungehalten. Er bückte sich zu mir runter und hob mich hoch, trug mich wie eine Braut. „Dann kommst du eben mit zu mir, ich lasse dich hier nicht alleine", flüsterte er mir sanft ins Ohr und ich beruhigte mich.

„Ich bin übrigens Justin", stellte er sich mir vor. „Angelina", gab ich knapp von mir. Ich war einfach zu müde für Small-Talk. Ich schlief schon fast auf seinen Armen ein. Kuschelte mich an ihn. Ich fühlte mich sicher und geborgen bei ihm. Er schloss eine Tür auf und stellte mich behutsam auf den Boden. Ich taumelte leicht, daher stützte er mich nun doch wieder mit seinem Arm um meine Hüfte. „Kann ich mir die Zähne noch putzen?", fragte ich ihn und musste gähnen. „Aber sicher. Komm, wir gehen ins Bad". „Danke", flüsterte ich. Er reichte mir eine Zahnbürste, machte mir Zahnpasta drauf und wiederholte dies bei seiner eigenen. So standen wir nebeneinander und putzten Zähne.

„Du, Justin?". „Was ist denn?", wollte er wissen und sah mich besorgt an. Ich musste lachen, er sah einfach zu süß aus, wenn er so guckte. „Nichts weiter, nur, kann ich ein Shirt von dir zum Schlafen haben?". Nun musste er auch grinsen. „Klar, hier bitte sehr", sagte er und reichte mir ein Oberteil aus seinem Schrank. Ich nahm es entgegen, drehte mich um und fing an mich auszuziehen, bis auf die Unterwäsche. Ich sah über meine Schulter und bemerkte, dass Justin mich verstohlen musterte. „Wer war das?", wollte er wissen und ballte dabei seine Hände zu Fäusten. Mir fiel ein, dass ich blaue Flecken auf dem Rücken haben musste. Schnell löste ich noch meinen BH und zog das Shirt an. Es reichte mir fast bis zu den Knien. „Ist nicht wichtig", sagte ich. Er saß auf dem Bett und  ich ging auf ihn zu.

Justin stand auf, deckte das Bett auf, sodass ich hineinklettern konnte, dann deckte er mich zu und meinte: „Ich werde auf dem Sofa schlafen". Er drehte sich weg und wollte schon gehen. Ich hielt ihn an seinem Arm fest, ich wollte nicht, dass er ging. „Lass mich bitte nicht allein. Leg dich zu mir". Erstaunt schaute er mich an, nickte dann aber. „Na gut". Er entledigte sich seiner Klamotten und legte sich jetzt nur noch in Boxershorts neben mich. Ich lag auf dem Rücken, er lag neben mir, auch auf dem Rücken und hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Ich nutzte die Situation und kuschelte mich an seinen Oberkörper an. Wie aus Reflex legte er seine Arme um mich. Ich fühlte mich so wohl, dass ich direkt einschlief.

Ich versuchte ihn nicht anzustarren und mir nicht weiter anmerken zu lassen, dass ich ihn kannte. Ich drängte meine aufsteigenden Tränen zurück, ich hatte mir geschworen nie wieder zu weinen. Denn große Mädchen weinen nicht.

big girls don't cryWo Geschichten leben. Entdecke jetzt