Ich versuchte, so wenig Geräusche wie möglich zu machen als ich die Haustür aufschloss. In dem Moment als ich jedoch einen Fuß in das Haus setzte, wusste ich, dass das Ganze Schleichen vergebens gewesen war. Meine Mutter erwartete mich mit verschränkten Armen und einem vorwurfsvollen Blick. Ich richtete meine Augen auf den Boden und versuchte mich an ihr vorbeizudrängen, was mir jedoch verwehrt wurde als sie sich mir in den Weg stellte. „Sieh mich an", sagte sie mit strenger Stimme. Langsam richtete ich meinen Blick auf, doch schaute nicht in ihre Augen, sondern auf ihre Stirn, denn ich traute mich nicht, ihr in die Augen zu sehen.
„Also?", fragte sie erwartungsvoll und zog ihre Augenbrauen in die Höhe. Ich schwieg. „Dachte ich's mir. Du kannst froh sein, dass Ilja noch hier ist, und glaub mir, wenn er nicht hier wäre, würdest du ein blaues Wunder erleben. Ich schlage vor, dass du dich jetzt bei ihm entschuldigst, sonst werden die nächsten Tage für dich sehr unangenehm", zischte sie. Ich wagte es nicht, ihr zu widersprechen und so trottete ich widerwillig ins Wohnzimmer, wo Ilja mit einem Glas voll viel zu teurem Wein in der Hand saß. „Oh, hallo Camila. Du kommst also auch mal nach Hause", bemerkte er spitz.
„Ja. Tut mir leid. Vorhin ging es mir nicht so gut, muss wohl an dem Essen heute in der Mensa gelegen haben. Ich wollte euch nicht das Essen versauen, deshalb bin ich nochmal in die Bibliothek gefahren, weil ich eh noch lernen musste." Wow, was für eine 1A Lüge. Ich wusste genau, dass er es mir nicht abkaufte, aber ein Blick in seine eisblauen Augen genügte um zu sehen, dass er zufrieden war. „Ich muss dann jetzt leider auch in mein Zimmer. Gute Nacht." Ich war froh, dass keiner von den beiden mehr etwas sagte und verschwand schließlich mit diesen Worten nach oben.
Am nächsten Morgen fiel es mir erstaunlich leicht aufzustehen und als ich an dem Spiegel neben meinem Kleiderschrank vorbeiging, erwischte ich mich sogar dabei wie ein leichtes Lächeln über meine Lippen huschte. Die Sonne, welche durch die große Fensterfront ihren Weg in mein Zimmer fand, trug zu meiner guten Laune bei. Als ich fertig angezogen und bereits mit Schuhen meinen Weg in die Küche antrat, wurde ich von einem verbrannten Geruch empfangen und rümpfte angewidert meine Nase. In dem Moment, in dem ich den Raum betrat, machte ich sofort die Ursache des Geruchs aus.
Meine Mutter stand am Herd. „Wo ist Auguste?", fragte ich verwirrt. „Hat Urlaub", entgegnete meine Mutter, „ich dachte mir, dass ich dir ja auch mal wieder was kochen kann." Ich dachte mir in dem Moment meinen Teil dazu, als sie eine grün-schwarze Masse neben eine Scheibe Brot auf meinen Teller füllte, sprach ihn jedoch natürlich nicht laut aus. „Gebratener Spargel mit pochiertem Ei", verkündete sie stolz, „tausendmal gesünder als die Pancakes, die Auguste dir immer macht." Beim nächsten Mal sollte sie vielleicht etwas einfacheres versuchen. „Ich bin wirklich noch vollgefressen von gestern Abend", versuchte ich mich rauszureden. „Oh, wirklich? Wenn ich mich recht erinnere, bist du gestern einfach abgehauen. Weißt du eigentlich, wie mich das dastehen lassen hat? Du hast mich vor dem gesamten Restaurant blamiert", zischte sie.
„Ich habe doch gesagt, es ging mir nicht gut."-„Wie kannst du es wagen, zu versuchen, mich anzulügen? So habe ich dich nicht erzogen!", sagte meine Mutter nun mit deutlich lauterer Stimme. „Hör zu, mija. Ich weiß nicht, wer dieser Junge ist und es ist mir auch egal, aber halt dich gefälligst von ihm fern und denk ja nicht, du könntest dieses Verhalten mir gegenüber durchsetzen." Mein Herz setzte einen Schlag aus. Mija.
Damals hatte Papa mich so genannt, als er noch mit uns lebte. Als noch alles nicht nur äußerlich perfekt war. Jetzt benutzte sie dieses Wort, um mir eins auszuwischen.
Meine Mutter schaute erwartungsvoll auf mich herab. Im gleichen Moment fasste ich einen Entschluss. Ich schnappte mir meine Tasche, griff schnell eine Jacke und verließ das Haus. Ich weiß nicht, ob meine Mutter in dem Moment noch etwas sagte, aber wenn, so ignorierte ich es gekonnt. Als ich die Tür hinter mir schloss, atmete ich erst einmal aus. Nachdem ich mich ein paar Minuten lang zu beruhigen versucht hatte, warf ich nun einen kurzen Blick auf die Uhr.
Die Auseinandersetzung mit meiner Mutter hatten meine Zeitplanung ordentlich durcheinandergebracht. Den Bus hatte ich schon verpasst. Meine einzige Möglichkeit, es noch pünktlich zur Schule zu schaffen, war mit dem Auto zu fahren. Und vermutlich nicht einmal dann. Fluchend öffnete ich die Garage und stieg in mein Auto, welches ich wirklich selten benutzte. Schließlich platzte ich um einiges zu spät in den Unterricht.
Zu meinem Glück war das auch noch der Matheunterricht, bei dem ich es mir eigentlich gar nicht erlauben konnte zu fehlen.
„Oh, ich hatte schon vermutet, du wärst krank. Bitte nimm Platz, Camila und komm nach dem Unterricht einmal zu mir." Beschämt trottete ich zu meinem Tisch und bereitete mich darauf vor, den Rest der Stunde irgendwie rumzukriegen.
Nach dem Klingeln ließ ich mir etwas Zeit und ging schließlich nach vorne zu meiner Lehrerin. „Nun, ich wünschte, der Grund für dieses Gespräch wäre erfreulicher."-
„Hören Sie, das mit dem Zu-spät-kommen tut mir wirklich leid, ich verspreche, dass es nicht mehr vorkommen wird."
„Oh nein, Camila, es geht nicht um das Zu-spät-kommen, das passiert jedem mal, also mach dir darum keine Sorgen. Die Wahrheit ist, ich habe mir deine Noten in Mathematik noch einmal genauer angesehen und es sieht nicht gut aus. Und mit nicht gut meine ich, dass wenn nicht bald was passiert, wirst du dieses Fach nicht bestehen. Wie ich mitbekommen habe, wirst du am Fotografiewettbewerb teilnehmen und es tut mir wirklich leid, die Überbringerin der schlechten Botschaften zu sein, aber wenn sich nicht bald etwas tut, wirst du leider von dem Wettkampf ausgeschlossen. Du weißt, wie es läuft. Schule geht immer vor Vergnügen, ich mach die Regeln nicht. Aber ich weiß, dass du es kannst, aber vielleicht brauchst du einfach nochmal jemanden, der das ganze mit dir durchgeht."
Ich schluckte. Das müsste ich erstmal verarbeiten. Ich wusste, dass ich in Mathe kein Genie war, aber versetzungsgefährdet? Meine Mutter durfte das auf gar keinen Fall herausfinden.
Der Rest des Tages zog sich nach der schlechten Botschaft nur so dahin, doch als ich ihn endlich überstanden hatte, war ich umso glücklicher. Als ich zu Hause ankam, holte ich erst einmal die Post aus dem Briefkasten. Den Part übernahm sonst Auguste, doch da sie ja nicht da war, war das wohl nun wohl oder übel mein Job. Ich schmiss den Haufen Briefe auf den Tisch in dem Wissen, dass sie so oder so alle an meine Mutter gerichtet waren. Dann ging ich in die Küche, wo ich mir schnell ein Sandwich machte und damit anschließend wieder ins Esszimmer zurückkehrte. Während ich aß und währenddessen durch irgendetwas in meinem Handy scrollte, was mich sowieso nicht interessierte, fiel mein Blick auf etwas Gelbes, was zwischen den Briefen hervorstach.
Zögerlich streckte ich meine Hand danach aus und stellte schließlich fest, dass es ein gelber Notizzettel war. Der musste wohl irgendwie ausversehen mit reingerutscht sein. Verwundert drehte ich ihn um, um sicherzugehen, dass es kein Versehen war und ein Glück hatte ich das getan, denn in diesem Moment fiel mir auf, dass auf der anderen Seite etwas geschrieben war, was scheinbar für mich gedacht war.
Sei um 8 draußen.
Mehr stand nicht drauf. Ich bezweifelte um ehrlich zu sein, dass irgendjemand so etwas an meine Mutter schrieb, weshalb ich annahm, dass es an mich gerichtet war.
Meine Mutter war gegen sieben zu Hause, weshalb ich mir nun einen Plan machen musste, mich irgendwie an ihr vorbeizuschleichen, ohne, dass sie Verdacht schöpfte. Als es schließlich fünf Minuten vor acht war, tapste ich leise ins Wohnzimmer. Sobald ich jedoch dort ankam, war mir klar, dass alles umsonst war, denn meine Mutter war auf der Couch vor dem Fernseher eingeschlafen. Ein erleichtertes Seufzen entwich mir, als ich seelenruhig meine dunkelroten Docs und eine leichte Strickjacke überstreifen konnte. So leise wie ich konnte schlüpfte ich durch die Haustür und schloss sie vorsichtig hinter mir. Erst als es bereits zu spät war, merkte ich, dass ich meinen Schlüssel vergessen hatte.
Pünktlich um acht- nun zugegeben, zwei Minuten zu früh- stand ich schließlich draußen und wartete auf den mysteriösen Verfasser der Botschaft. Dieser erschien jedoch erstmal nicht und ich wollte gerade auf mein Handy schauen, als ein Geräusch mich dazu verleitete, hochzugucken. „Camila Amanda Flores", ertönte eine bekannte Stimme. Plötzlich war mein Mund trocken und ich brachte kein einziges Wort hervor. Er ließ einen Arm lässig aus dem Fenster seines Autos baumeln und legte nun leicht fragend den Kopf schief. „Sei bloß nicht zu enthusiastisch", neckte er mich mit einem Grinsen. „Jonathan", stellte ich überrascht fest.
„Das hast du richtig erfasst", entgegnete er. „Was tust du hier?", fragte ich. „Was tust du hier?", stellte er die Gegenfrage. Ich sah ihn verwirrt an. „Ich wohne hier", antwortete ich. „Ja. Richtig." Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Also, Lust auf ne Spritztour?"
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DEAR JONATHAN
RomanceCamila Flores und Jonathan Bates - zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie, die pflichtbewusste Schülerin mit einem festgelegten Plan für ihre Zukunft. Er, der charmante Draufgänger, der scheinbar ohne Regeln lebt. Als Jonathan...
